„Ich stelle mich jeder Herausforderung“

von Redaktion

Handballer Marcel Schiller (29) über seinen späten Aufstieg, große Momente und was man von NBA-Stars lernen kann

München – Er ist einer der großen Gewinner des Handball-Jahres.. Ob bei der WM in Ägypten, der Olympia-Qualifikation oder zuletzt auch bei den EM-Qualifikationen in Bosnien und gegen Estland – Linksaußen Marcel Schiller hat in der DHB-Auswahl sogar Ex-Welthandballer Uwe Gensheimer den Rang streitig gemacht. Später Lohn für den 29-jährigen Göppinger, der einem prominenten Vorbild folgt.

Marcel Schiller, Sie bewegten sich lange Jahre unter dem Radar. Jetzt sind Sie einer der Top-Torjäger der Bundesliga, WM-Teilnehmer und heißer Kandidat für die Olympischen Spiele. Was ist passiert?

Das Komische ist: Ich mache zwar viele Tore, aber ich bin gar nicht zu hundert Prozent mit meinem Spiel zufrieden. Meine Konstanz ist sicher gestiegen. Aber ich verwerfe immer noch zu viele einfache Bälle. Andererseits: Es stimmt schon, gerade in Kombination mit der Nationalmannschaft ist das wahrscheinlich mein bestes Jahr.

In dem Sie spätestens mit Ihrem Tor in den Schlusssekunden der Olympia-Qualifikation gegen Schweden auch weniger eingefleischte Handballfans kennengelernt haben. Das war kühl für einen Mann mit gerade einer acht Länderspielen auf dem Buckel.

Klar war das ein wichtiger Wurf, zumal es die Qualifikation am Ende leichter gemacht hat. Aber für mich macht es in diesem Moment keinen Unterschied, ob es für die Nationalmannschaft ist oder im Verein. Oder ob wir mitten im Spiel oder in den Schlusssekunden sind. Ich stelle mich solchen Herausforderungen. Auch wenn ich mal einen wichtigen Wurf vergebe. So habe ich das schon immer gehalten. Ich mag den Kitzel, deshalb bin ich auch der Letzte, der sagen würde: Den Wurf nehme ich nicht.

Gleiches galt natürlich auch für den früheren NBA-Star Kobe Bryant, den Sie bewunderten.

Eine Besonderheit bei ihm ist vor allem seine Herangehensweise an den Sport. Von den körperlichen Voraussetzungen her waren ihm andere voraus. Aber die Liebe zum Sport, der Ehrgeiz und die Arbeitsbereitschaft haben ihn besonders gemacht. Man weiß, dass er nach einem Scheißabend schon mal bis zwei Uhr nachts in die Halle gegangen ist und Würfe trainiert hat. So bin ich auch. Wenn es in einem Spiel nicht gelaufen ist, würde ich am liebsten auch gleich wieder in die Halle gehen. Auch wenn das bei mir schwerer ist, weil es ja immer noch einen Torwart gibt. Basketball ist da natürlich prädestiniert, da kannst du dich alleine hinstellen.

Dirk Nowitzki wurde auch oft für sein Arbeitsethos bewundert. Ist es das, was man von den Superstars lernen kann?

Natürlich brauchst du auch Talent, aber wenn du nichts draus machst, dann wirst du nicht so erfolgreich sein. Aber bei Dirk hat man in der Biografie toll gesehen, was von ihm alles abgefallen ist, als er den Titel gewonnen hat. Die ganze Arbeit. Da hatte ich Tränen n den Augen, als ich das gesehen habe.

Was ist Ihr NBA-Titel? Die Olympia-Teilnahme?

Es wäre auf jeden Fall ein Kindheitstraum, wenn das wirklich klappt für mich. Das ist etwas, das kann dir keiner mehr nehmen. Ich werde alles dafür tun, aber ich versuche da noch nicht zu viel daran zu denken.

Haben Sie noch ernsthafte Zweifel?

Ach, es gibt noch 13 Bundesligaspiele davor. Da spielen so viele Faktoren mit. Das Dumme ist auch: Bei einer WM stehen 16 Spieler im Kader, bei Olympia nur 14. Und da geht es schon darum: Fahren zwei oder doch nur ein Außenspieler mit. Und du musst gesund bleiben.

Es trifft sich natürlich gut, dass ihre ganze Mannschaft eine starke Saison spielt. Sie gehören mit Frisch Auf Göppingen zu den ersten Verfolgern des Spitzenduos aus Flensburg und Kiel.

Ja, das stimmt. Wir haben einige große Spiele gewonnen. Zum Beispiel gleich zweimal gegen die Rhein-Neckar Löwen. Das tut schon gut. Du weißt einfach: Wenn wir gut spielen, dann haben wir auch gegen große Teams unsere Chance. Aber vor allem haben wir unsere Hausaufgaben gegen die schwächeren Teams ganz gut gemacht. Das ist nicht so einfach, man sieht, wie schwer sich viele große Mannschaften in diesen Spielen in diesem Jahr tun.

Welchen Einfluss haben die Umstände der Pandemie?

Prinzipiell hat man sich an die Umstände ja gewöhnt. Maske trägst du ohnehin, dreimal die Woche wird getestet, das macht bei uns der dafür geschulte Physio, das ist schon in Routine übergegangen. Du tust ja auch privat alles, was geht, um den Virus nicht zu bekommen. Und was die Zuschauer betrifft,so merkt man es inzwischen gar nicht mehr so extrem dass keine da sind. Wenn du gegen Kiel in der 55. Minute bis auf ein Tor rankommst, dann denkst du dir schon: Jetzt unser Heimpublikum im Rücken… Aber wir haben da eine ganz gute Herangehensweise gefunden, um das zu kompensieren. Wir sind sehr emotional, sehr laut. Das braucht man auch. Du brauchst ein , zwei, drei Spieler, die den Kopf ausschalten und Gas geben.

Fällt das reduzierte Leben in der vertrauten Umgebung leichter? Mit 29 Jahren haben Sie gerade einmal zwei Profistationen in der Vita, beide in ihrer schwäbischen Heimat. Seit 2013 spielen Sie in Göppingen.

Ja, das kann schon sein. Das Gute bei mir war, dass es für mich immer perfekt gepasst hat. Und es gab ja auch Erfolg. Mit Neuhausen bin ich in die Bundesliga aufgestiegen, mit Göppingen haben wir gleich zweimal den EHF-Pokal gewonnen. Aber mir ist schon auch die Familie sehr wichtig, gerade jetzt habe ich auch noch zwei Söhne mit zweieinhalb Jahren und vier Monaten. Da überlegst du dir jeden Schritt zweimal. Ich habe jetzt meinen Vertrag noch einmal um zwei Jahre verlängert. Was nicht heißt, das ich mir nicht vorstellen kann, auch einmal noch weiter weg zu spielen. Aber da müsste jetzt schon ein ganz besonderes Angebot kommen, um mich ins Überlegen zu bringen.

Interview: Patrick Reichelt

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