Doha – Kroatiens Trainer Zlatko Dalic hat eine Liste erstellt: die größten Momente des kroatischen Fußballs. Momentan steht noch auf Platz eins, dass das kleine Land mit seinen vier Millionen Einwohnern es 2018 ins Weltmeisterschafts-Finale geschafft hat. Platz zwei belegt das Match, das man gerade hinter sich hat: das via Elfmeterschießen gegen Brasilien gewonnenen Viertelfinale gegen Brasilien hier in Doha. Falls die Reise noch weiter und man heute (20 Uhr) über die Hürde Argentinien geht, „dann wäre dieses Spiel auf dem ersten Rang“.
„Nach nur vier Jahren mit einem neuen Team den Erfolg von 2018 zu wiederholen, das wäre fantastisch“, sagt Zlatko Dalic. Zwar ist ihm der wichtigste Spieler, Luca Modric, mit seinen inzwischen 37 Jahren erhalten geblieben, doch selbst der hat vor einigen Tagen, vor dem Viertelfinale, noch verhalten gesagt: „Ein Team wie damals in Russland sind wir nicht.“ Jetzt aber doch?
Wieder hat sich Kroatien im Verlauf des Turniers in die Rolle des unangenehmen Herausforderers entwickelt. Ivan Perisic, der zum Nationalteam gehört wie ein Stück Inventar und immer noch Leistung abliefert, die ihn unverzichtbar macht (der FC Bayern, bei dem er 2019/20 Aushilfskraft war, weint ihm nach), erinnert daran, dass nach dem ersten WM-Spiel 2022 die Kritiken nicht gut ausfielen. Es war ein 0:0 gegen Marokko. Man dachte damals: ein Fehlstart. Nun steht Marokko im anderen Halbfinale, am Mittwoch gegen Frankreich. „Schaut, wie weit die gekommen sind. Haben wir wohl doch einen ganz guten Job gemacht“, meint Perisic. Zlatko Dalic glaubt sogar, Marokko sei inspiriert durch den Erfolg Kroatiens von vor vier Jahren. „Wir haben einen Traum für alle kleinen Länder wahrgemacht – jetzt leben auch andere diesen Traum.“
Das Selbstvertrauen der Kroaten ist noch gestiegen im Vergleich zu vier Jahren. Das Team hat die Fähigkeit gewonnen, Erfolg noch mehr zu genießen. Man muss nur auf Luca Modric sehen, der aus reinem Spaß unbeirrt weiterspielt. Was für ein cooler Typ und geerdeter Mensch er ist, merkt man erst richtig, wenn er außerhalb der Spiele auftritt. Er trägt dann nicht dieses Haarband, das sein Gesicht hart wirken lässt. Weit fallen die Haare nun ins Gesicht, er lacht, wenn ein Journalist ihm erzählt, dass er eine Verbindung zu ihm spüre, weil er beim Frühstück im Hotel jeden Morgen auf das Hochhaus der Skyline von Doha blicke, auf dem Modric abgebildet ist. Ein kleiner Mann und doch eine Größe.
Die Kroaten hätten einen besonderen Spielstil, meint Argentiniens Trainer Lionel Scaloni. Der These, Zlatko Dalic lasse quasi einen Bus vor dem Tor parken, widerspricht er: „Ihre Art ist weder übertriebene Verteidigung noch forsches Angreifen.“ Kroatien ist ein Team in kompletter Balance, es hat Stärken in jeder Zone des Spielfelds. Und vor allem: gute Nerven. Als einziges Team ist Kroatien durch zwei Elfmeterschießen gegangen (Japan im Achtelfinale, Brasilien im Viertelfinale), keine Mannschaft hat allerdings mehr Spielzeit im Körper. Für Zlatko Dalic aber kein Handicap: „Über Erschöpfung sprechen wir nicht. Wir machen das mit Freude, Wille, Energie.“
Und mit gewachsenem Selbstbewusstsein. Argentinien habe „zwar mehr Fans hier als wir, aber auch den größeren Druck“. Kroatien werde punkten mit „Stolz ohne Grenzen. Wir werden das genießen.“