Keine Touristin mehr

von Redaktion

Anna Weidel zeigt ihre Schießkünste und neue Konstanz auch bei ihren „Heimrennen“

VON THOMAS JENSEN

Hochfilzen – Anna Weidel schoss noch einmal so schnell, wie es nur ganz wenige können. Dann lief sie allerdings etwas langsamer, als erhofft. Ihr letzter Auftritt in Hochfilzen am Wochenende als Startläuferin der deutschen Biathlon-Staffel war nicht perfekt – aber nahe dran. Geholfen haben ihr die Fans. „Die ganze Strecke über feuern die Zuschauer einen an. Uns Deutsche und auch Österreicher vielleicht noch mehr, da wird man getragen“, berichtet sie.

Ein doppelter Heimvorteil für Weidel, denn sie hat auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Gebürtig ist die 26-Jährige in Kufstein, Tirol, ihre Mutter kommt von dort. Ihr Vater ist Deutscher, ihr Heimatort ist Kiefersfelden. „Ich fahre hier genauso lange her, wie nach Ruhpolding. Es fühlt sich sehr nach Heimrennen an“, meint Weidel zu unserer Zeitung.

„Natürlich will ich extra für sie noch mehr eine gute Leistung zeigen“, sagt sie angesichts angereister Familie und Freunde: „Der Druck ist zwar so auch etwas größer, aber es macht Spaß. Und mit Druck musst du umgehen können.“ In den letzten Tagen schaffte sie das. 22. im Sprint, 15. in der Verfolgung und die gute Staffel. Die WM-Norm hat sie schon, im Gesamtweltcup liegt sie auf dem zwölften Platz.

Wobei Weidel es auch kennt, wenn der Druck die Leichtigkeit verdrängt. 2018 debütierte sie im Weltcup, und landete gleich zweimal unter den besten 15. Doch seitdem war es für sie ein „hin und her“, wie sie es beschreibt. Immer wieder gab es gute Ergebnisse, doch zu selten, um sich über eine ganze Saison im Weltcup zu halten. Gleichzeitig etablierten sich allerdings Sportlerinnen in der Weltspitze, die Weidel schon seit der Jugend kennt und die sie damals „auch im Griff hatte“. Sie nennt Inge Landmark Tandrevold und Julia Simon, die wie Weidel 26 sind und im Schneetreiben von Hochfilzen für noch mehr Furore sorgten.

„Früher bei den Jugend-WMs war es kein Problem, kurz vor Schluss noch mal an denen vorbeizugehen“, sagt Weidel. 2014 und 2017 gewann sie drei Medaillen bei Einzelkonkurrenzen, die Norwegerin, die Französin oder auch Lisa Vittozzi (Italien) landeten damals einige Male hinter ihr. Nun ist die Realität eine andere: „Die letzten Saisons habe ich nicht mal versucht mitzuziehen, wenn mich da eine überholt hat, weil ich eh keine Chance hatte.“ Nerven habe sie das gekostet, führt sie aus, sie habe sich gefragt, ob sie aufhören solle und „was da passiert ist, in den letzten Jahren. Ich habe ja auch trainiert und nicht geschlafen.“

Wobei zumindest etwas mehr Ruhe nicht geschadet haben könnte. Denn vor dieser Saison habe sie im Vergleich zu früher „etwas gedrosselt trainiert“, sagt Weidel und erläutert: „Die letzten Jahre konnte ich die Fortschritte im Sommer nie mitnehmen in den Winter. Nun habe ich mehr Energie.“

Sollte diese Strategie weiter aufgehen, dürfte die Chance, dass sie im Weltcup bleibt, steigen. Gleiches gilt wohl für ihr „Hauptziel“: „Bei der WM in Oberhof starten.“ Keinesfalls soll es so laufen, wie bei Olympia in Peking Anfang des Jahres: „Da war ich als Touri dabei.“ Sie blieb ohne Einsatz, stattdessen aber einige Tage in Isolation auf dem Zimmer. „Deprimierend war das und einsam“, erinnert sich Weidel: „Es hat einfach keinen Spaß gemacht.“ Ganz anders also als in der bisherigen Saison und besonders als in Hochfilzen.

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