München – Robert Jarni (54) ist eine kroatische Fußball-Legende. Der ehemalige Linksverteidiger spielte u.a. für Juventus Turin, Betis Sevilla und Real Madrid. Mit der Nationalmannschaft holte er bei der Weltmeisterschaft 1998 den dritten Platz. Mittlerweile ist Jarni Trainer der U17-Nationalmannschaft Kroatiens. Im Interview spricht der Weltpokalsieger von 1998 über das Halbfinale gegen Argentinien (20 Uhr), Leader Luka Modric und seinen Traum von der Final-Revanche gegen Frankreich.
Hand aufs Herz: Haben Sie mit einem Sieg gegen Brasilien gerechnet?
Natürlich konnte auch ich das nicht vorhersagen. Aber ich möchte darauf hinweisen, dass Zlatko Dalic mit seiner Taktik des Blocks einen großen Anteil an diesem Ergebnis hatte. So konnten wir Vinicius und Raphinha immer von zwei Spielern bewachen lassen und auch im Mittelfeld, wo Neymar gerne agiert, sehr eng stehen. Dort sind wir nur ein einziges Mal gescheitert, als Neymar in der Verlängerung ein Tor erzielte, aber dann haben wir bemerkenswerten Willen gezeigt und konnten spät den Ausgleich erzielen. Und dann war das Spiel für die Seleção vorbei, als unsere Spezialität – das Elfmeterschießen – begann.
Wieso ist Kroatien so stark?
Weil wir unsere Stärken kennen, weil wir genau wissen, was wir in jedem Spiel wollen. Und weil der Patriotismus in unserer Mannschaft immer schon stark war. Es liegt bei uns etwas in der Luft.
Nach dem verlorenen Finale 2018: ist es endlich Zeit für den Titel?
Ironischerweise war das WM-Finale in Russland gegen Frankreich – vor allem die erste Halbzeit – wahrscheinlich das Beste, was Kroatien bei dem gesamten Turnier 2018 gezeigt hat. Leider waren die Fußballgötter an diesem Abend nicht auf unserer Seite. Aber ich hoffe von ganzem Herzen, dass wir Argentinien im Halbfinale ausschalten und im Finale die Chance auf Revanche gegen Frankreich haben. Wir haben sie in unserem letzten Spiel in der Nations League zum ersten Mal in der Geschichte geschlagen, also glaube ich, dass wir es im WM-Finale wieder schaffen könnten.
Wie wichtig ist Luka Modric für Kroatien?
Er ist ein echter Anführer auf dem Spielfeld und er geht mit gutem Beispiel voran. Er muss andere nicht anschreien, um ein Anführer zu sein, er tut es, indem er weiß, wann er das Spiel beschleunigen und wann er es verlangsamen muss. Er macht es mit seiner fußballerischen Autorität. Mit seinen 37 Jahren ist er immer noch derjenige, der den Unterschied macht. Wie lange er noch für Kroatien spielen wird, kann ich nicht sagen, aber wenn Sie mich fragen, bin ich mir sicher, dass er noch ein paar Jahre auf höchstem Niveau spielen kann. Nicht nur, weil er ein echter Profi ist, sondern weil er einen Fußballcomputer im Kopf hat, der es ihm ermöglicht, allen anderen immer noch einen Schritt voraus zu sein.
Und Leipzig-Verteidiger Josko Gvardiol?
Seine Schnelligkeit, seine Antizipation, seine Stärke, seine Gelassenheit und seine Spielübersicht sind auf höchstem Niveau, und ich denke, er ist bereits einer der besten Innenverteidiger der Welt.
Auch Torwart Dominik Livakovic hat bewiesen, dass er unverzichtbar ist.
Er ist schon seit geraumer Zeit konstant sehr gut, aber in den letzten beiden Spielen hat er sich noch einmal gesteigert und Weltklasseniveau gezeigt, vor allem beim Elfmeterschießen. Jeder Trainer kann nur davon träumen, einen Torhüter auf dem Niveau zu haben.
Wie schafft es Kroatien, immer wieder Top-Spieler zu entwickeln?
Wir sind fußballverliebt, wir leben den Fußball jeden Tag, wir leben den Fußball sogar, wenn wir schlafen. Es ist pure Leidenschaft, und das sieht man auch in den Augen jedes einzelnen Spielers, der die Ehre hatte, für die Nationalmannschaft zu spielen.
Interview: Philipp Kessler