WM-TAGEBUCH

Der Fußgänger ist in Katar nicht vorgesehen

von Redaktion

VON GÜNTER KLEIN

Alles ist in Katar, dem kleinen Land, das die Welt überbieten will, größer. So auch die Zebrastreifen. Auf der Straße, die zwischen National Convention Centre und National Library verläuft, prangt eine Markierung, die mindestens 20 Meter breit ist. Was aber noch lange nicht heißt, dass man hier einfach und sorglos überqueren könnte. Wir dachten immer, die Botschaft des Zebrastreifens würde weltweit verstanden. Nämlich als diskreter Befehl: Anhalten, oh Autofahrer, hier ist Schutzzone für den zu Fuß gehenden Menschen. Die arabische Übersetzung des Zebrastreifens scheint eine andere zu sein. Nicht mehr als eine freundliche Anregung, ein „Kann, aber muss nicht“. Ich habe in drei Wochen hier Katarer gesehen, die in die Eisen gestiegen sind, wenn sie bemerkten, dass jemand über die Straße will – allerdings auch Typen, die durchgezogen haben. Katar scheint zu wissen, wie seine Bürger ticken, deswegen hat es einigen Zebrastreifen noch eine Ampelanlage hinzugefügt, damit Fußgänger ihre Chancen auf einen Wechsel der Straßenseite erhöhen. Der Fußgänger ist im katarischen Weltbild im Grunde gar nicht vorgesehen. Ich bekam es zu spüren bei einem Ausflug in die „Industrial Area“, wo ich das Doha abseits der Instagram-Motive sehen wollte. Nach Sichtung von genügend mit Schrott überladenen Industriehalden und staubigen Arbeiterunterkünften wollte ich zur nächsten Bushaltestelle und befragte Google nach einem Fußweg. Der vorgeschlagene führte entlang einer Schnellstraße ohne Standstreifen und durch einen reinen Autokreisverkehr mit zwei Aus- und Einfahrten. In Deutschland hätte ich es zu einer Warnmeldung im Verkehrsfunk gebracht. Für einen Zebrastreifen hätte ich viel gegeben. Doch in dieser Gegend war keiner. Ich hielt ein Auto an, war kein Fußgänger mehr und in Sicherheit.

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