„Die Leute explodieren fast vor Freude“

von Redaktion

Aziz Bouhaddouz, Ex-Nationalspieler Marokkos, über das Fußballmärchen

München – Aziz Bouhaddouz (35) ist in Dietzenbach in der Nähe von Frankfurt aufgewachsen und hat mit Marokko an der WM 2018 in Russland teilgenommen. Der Stürmer vom MSV Duisburg kennt fast alle Spieler persönlich, die derzeit in Katar für Furore sorgen. Das Interview vor dem Halbfinale gegen Frankreich.

Was bedeutet der Halbfinal-Einzug für Marokko?

Das Land und die Fans haben seit Jahren auf so einen Moment gewartet. Die Stimmung in Marokko war schon fantastisch, als wir uns 2018 erstmals nach 20 Jahren wieder für eine WM-Endrunde qualifizieren konnten. Was jetzt dort abgeht, kann man kaum beschreiben. Mein ältester Bruder betreibt ein Cafe in Marokko, der ist seit zwei Wochen nicht mehr ansprechbar. Er sagt, dass die Leute vor Freude fast explodieren.

Wie haben Sie die Spiele verfolgt?

Weil ich das selbst mal erleben wollte, wie es ist, als Fan die marokkanische Nationalmannschaft zu unterstützen, bin ich spontan zum Spiel gegen Kroatien nach Katar geflogen. Was ich erlebt habe, war einfach nur großartig.

Erzählen Sie!

Es war Gänsehaut pur, einfach unbeschreiblich. Es waren gefühlt 60 000 Fans aus Marokko da. Die Stimmung war fantastisch, die Menschen waren total begeistert. Die Tunesier, die Algerier, die Ägypter – der komplette arabische Raum steht hinter uns. Ich glaube, diese WM wurde für uns geschrieben.

Nach Belgien und Kroatien hat Marokko jetzt auch noch Spanien und Portugal eliminiert. Kann man bei der Bilanz überhaupt noch von einem Wunder sprechen?

Natürlich ist es ein Wunder. Aber es ist kein Zufall, sondern hochverdient. Bis auf ein Eigentor haben wir noch keinen Gegentreffer kassiert, mit Bono haben wir einen überragenden Keeper. Und ich freue mich, dass wir mit Walid Regragui wieder einen marokkanischen Trainer haben.

Er hat kurz vor der WM Vlahid Halihodzic ersetzt. Welchen Anteil hat er am Erfolg?

Was er mit der Mannschaft entwickelt hat und jetzt abliefert, ist Weltklasse. Die Spieler bewundern ihn. Er ist menschlich eins a und erinnert mich ein bisschen an Jürgen Klopp. Marokko hat jemanden wie ihn gebraucht. Er hat die Spieler zu einer verschworenen Einheit geformt.

Ist das der Schlüssel zum Erfolg?

Die Jungs funktionieren aktuell einfach als Mannschaft gut. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Sie verteidigen mit Leidenschaft. Nehmen wir mal Hakim Ziyech. Der ist in seiner Karriere wahrscheinlich noch nie so viel gelaufen wie jetzt. Er ackert und ackert und ackert. Jeder macht genau das, was der Trainer möchte. Es macht einfach Spaß, zuzuschauen.

Sie haben u. a. mit Bono, Mazraoui und Sofiane Boufal zusammengespielt. Was sind das für Typen?

Bono habe ich in Dortmund besucht, als er dort mit Sevilla gespielt hat. Er war schon immer ein super Torhüter, strahlt eine unheimliche Ruhe aus. Boufal ist nicht umsonst für 25 Mio. zu Southampton gewechselt, mit habe ich auch privat eine super Zeit verbracht. Und Abdelhamid Sabiri kenne ich, seit er 18 war. Mit ihm habe ich am Sonntag noch telefoniert.

Was erzählt er?

(lacht) Das bleibt unter uns. Ich kann aber so viel verraten: Die Jungs sind auf jeden Fall heiß. Sie haben es sich verdient, vom ganz großen Wurf zu träumen. Wer es bis ins Halbfinale schafft, will natürlich auch mehr.

Ist der Titel drin?

Ich sehe es ähnlich und traue der Mannschaft alles zu. Wenn alle fit und gesund bleiben, wird Marokko auf jeden Fall eine Chance auf den Titel haben.

Dafür muss zuerst auch noch Frankreich aus dem Weg geräumt werden. Ist es ein Vorteil, dass Achraf Hakimi Kylian Mbappe aus dem Verein kennt?

Sie sind sehr gut befreundet und ich glaube, dass es Mbappe schwer haben wird, weil Marokko tief und gut verteidigt. Frankreich besteht aber nicht nur aus Mbappe. Ich finde, Olivier Giroud wurde in den letzten Jahren ein bisschen unterschätzt. Ich bin ja auch Stürmer. Aus meiner Sicht ist er Extra-Klasse. Eines möchte ich aber noch sagen…

Bitte!

Wenn man die marokkanische Fahne in der Halbfinal-Übersicht sieht, macht einen das schon stolz. Frankreich, Brasilien, Deutschland usw. sind immer die Topfavoriten, weil sie die Topstars haben. Wenn jetzt wieder eine europäische oder südamerikanische Mannschaft die WM gewinnt, wäre das doch langweilig. Deswegen kann man den Erfolg auch ruhig mal einem anderen Land gönnen – erst recht, wenn er verdient ist.

Zum Schluss noch ein Blick nach vorn. Gibt die WM Marokko sportlich einen Schub?

Ich habe 2018 in Russland schon gemerkt, dass wir in Zukunft eine super Truppe haben werden. Viele Talente haben sich für Marokko entschieden – und nicht mehr nur für Frankreich, Belgien oder die Niederlande. Der Verband kümmert sich, hat in Rabat ein super Trainingszentrum eröffnet.

Interview: Johannes Ohr

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