„Wir verschieben Grenzen“

von Redaktion

Bob-Dominator Friedrich über Ü30-Sport, seine Mission – und Parallelen zum FC Bayern

München – Es gibt nicht viel, das Francesco Friedrich noch nicht geschafft hat – aber am Wochenende in Lake Placid hat der Bob-Olympiasieger eine große Mission. Zum ersten Mal will er auf der Olympiabahn von 1980 im Vierer gewinnen. Vorab spricht der 32-Jährige im Interview.

Herr Friedrich, der US-Amerikaner Kristopher Horn hat sich den WM-Titel im Anschieben gesichert. Dabei sind Sie doch eigentlich der Beste, oder?

Das haben jetzt Sie gesagt (lacht). Aber im Ernst: Wir haben bewusst auf diese Anschub-WM verzichtet, weil uns das Risiko viel zu groß ist. Auf einer Anschubstrecke, die auf Eis ist, die unten raus ziemlich schnell ist, bei der kein Seil gespannt ist, um eine Grenze zu markieren, wie weit man rennen darf. Das wollten wir nicht. Zumal die WM in St. Moritz schon Ende Januar ist, und nicht wie üblich Ende Februar.

So hatten Sie zwischen den Weltcups ist Park City und Lake Placid zwei Wochen Pause. Wie haben Sie sich die Zeit vertrieben?

Nach zwölf Jahren in Übersee haben wir es das erste Mal nach New York geschafft. Man ist ja immer so nah – aber doch so fern. Das haben wir alle genossen, aber ich muss trotzdem sagen, dass diese Woche Leerlauf für uns Sportler unnötig war.

Ab diesem Wochenende dürfen Sie wieder Bob fahren. Ihr Pendant im Rodeln, Felix Loch, hat gerade seinen 50. Weltcup-Sieg gefeiert. Haben Sie ihren aktuellen Stand immer im Kopf?

Mittlerweile ja, ich schaue da bewusst hin. Wir stehen aktuell bei 70. Und die 100 bleibt das Ziel. Das habe ich auch genau durchgerechnet.

Lassen Sie uns an der Hochrechnung teilhaben!

Vor der Saison hätten es 8.5 Siege pro Winter sein müssen. Jetzt stehe ich nach zwei Weltcup-Wochenenden bei vier – und es sind noch sechs Weltcups, also 12 Einzelsiege, zu vergeben. Das sollte zu schaffen sein…

Setzen Sie sich bewusst numerische Ziele – oder ist das ein Sport nebenher?

Mal so, mal so. Aber ich denke mir schon: Wenn ich der erste Wintersportler bin, der 100 Siege schafft, kann ich vielleicht nach der Karriere noch mehr davon zehren. Mir geht es da wirklich um die Chancen nach dem Sport.

Sie sind 32 und seit 2011 im Weltcup dabei. Spüren Sie einen Leistungsabfall?

Man hat mir immer gesagt, dass man zwischen 25 und 28 das sportliche Höchstniveau erreicht hat. Da kontere ich: Im letzten Jahr waren wir im Vierer eine Zehntelsekunde schneller als alle anderen –mit drei Ü-30-Insassen. Wir haben Mittel und Methoden, um diese Grenze hinauszuschieben. Ich bin mir sicher, dass wir das auch in den nächsten drei Jahren schaffen werden. Wir haben nicht vor, abzubauen.

Sie sprechen bewusst von drei Jahren?

Ja. Dazu hat mich vor allem die Corona-Pandemie gebracht. Denn ich habe zwar vier olympische Goldmedaillen – und finde, dass eine WM als Abschluss nicht angemessen wäre –, aber meine Familie, meine Freunde, meine Sponsoren konnten nie dabei sein. Jetzt planen wir, dass ein Bus zur WM nach St. Moritz kommt. Und dann geht die Planung für Cortina los.

Es gilt noch nicht als sicher, dass die Bahn dort rechtzeitig steht.

Zwischendurch hieß es, wir fahren womöglich in Innsbruck. Nun aber heißt es, dass die Bahn gebaut werden muss – sonst steht unser Sport auf der Kippe. Es muss auf der Bahn gefahren werden, mit der sich der Gastgeber beworben hat. Wird sie nicht fertig, werden es Olympische Spiele ohne Bob, Rodeln und Skeleton. Ich hoffe, dass es nicht hart auf hart kommt.

Ob Johannes Lochner Sie dann noch herausfordert, hat er noch nicht entschieden. Dafür will er Sie in dieser Saison vom Thron stoßen. Klopft er nur öffentlich Sprüche – oder auch intern?

Immer mal mehr, mal weniger. Aber da geben wir uns beide nicht viel (lacht). Wenn er sagt, dass ich mir den WM-Pokal noch mal genau anschauen soll, muss er das erst mal beweisen. Denn sowas posaunt er ja jedes Jahr raus – bisher stand aber immer ich oben. Selbst in Peking, und da haben wir immerhin den besten Hansi (Lochner/d.Red.) seit Jahren gesehen.

Was sehen wir aktuell für einen Lochner – und was für einen Friedrich?

Das lässt sich noch schwer sagen, weil in Übersee nicht alle Teams am Start sind. Denn man muss wirklich tief in die Tasche greifen, um hier an den Start zu gehen…

Wie viel?

Die Transportkosten haben sich allein verdrei- bis verfünffacht. Was in dieser Saison passiert, werden wir erst sehen, wenn wir im kommenden Jahr in Winterberg stehen. Diese Übesee-Tour, fünf Wochen – das muss man sich mal vorstellen! – wird für das Team einen sechsstelligen Betrag kosten. Das kann sich in unserem Sport leider nicht jeder leisten.

Profi-Fußballer könnten Ihre Saison recht gut finanzieren…

Aber die sind Fußballer geworden, weil sie Fußball spielen wollten. Die Ausdauersportler sind Biathleten geworden – und denen geht es auch viel besser. Ich schaue da nicht neidisch auf andere. Das ist eine typisch deutsche Mentalität, die ich nicht mag. Wäre ich etwas anderes geworden, wäre es anders gewesen – aber so machen wir das Beste aus dem, was uns Spaß macht. Wir jammern nicht.

Gab es dennoch Momente, in denen Sie dachten: Warum tu ich mir das an?

Diesen einen Punkt gab es nie. Gezweifelt habe ich vielleicht eher am Anfang der Karriere, aber es hat mir immer mehr Spaß gemacht, mich da reinzuarbeiten. Ich sehe mich heute ein bisschen in der Vorbildrolle – auch um den Sport an sich in unserer Bevölkerung wieder dem Stellenwert zu geben, den er leider nicht mehr hat.

Ihre Kinder bewegen sich wahrscheinlich mehr als andere, oder?

Die toben immer rum! Es macht mich schon traurig, wenn ich sehe, wie viele Kinder so viel vor dem Handy, dem Tablet, dem Fernseher sitzen. Die sollten lieber mal rausgehen! Dafür stehe ich, dafür sind meine Medaillen bei jedem Termin treue Begleiter. Ich drücke sie bewusst jedem in die Hand, um zu zeigen: Man kann alles schaffen, wenn man will!

Vor der Saison wagten Sie die düstere Prognose, dass Ihre Enkel den Bobsport nur aus den Geschichtsbüchern kennen würden.

Die Sorge bleibt. Und mir wird immer bewusster, dass es da um ein Gesamtkonstrukt geht. Wenn weniger Kinder generell Sport machen, kommen noch weniger bei uns an. Bob ist eine Quereinsteiger-Sportart, man kann frühestens mit 13 auf die Bahn. Es ist schon in den letzten Jahren immer schwieriger geworden. Da fehlt es an Netzwerken mit anderen Sportarten, um gute Leute zu bekommen. Jeder Sport kämpft für sich, um seine Kaderplätze, seine Fördermittel. Wenn das schon nicht läuft – und dann kommt die Umweltproblematik, die Energiekrise, Corona, was auch immer –, hat man immer weniger Gründe, die Bahnen einzueisen. Auch die TV-Präsenz spielt uns nicht in die Karten. Immer weniger Leute identifizieren sich mit unserem schönen Sport. Deswegen habe ich beschlossen, alles dafür zu tun, ihn am Leben zu halten. Ich will die Leute an die Bahn kriegen, das ist meine Mission.

Ist die Mission realistisch?

Ich hoffe es. Da muss der Blick aber weit über Deutschland hinausgehen. Die anderen Nationen zeigen immer auf uns, blicken neidisch auf unser Material. Sie vergessen aber, dass die schnellen Schlitten das Resultat von harter Arbeit sind. Ich nehme mal die USA als Beispiel: Man hat hier so viele Colleges, so viele Sportler. Wenn hier gezielter gefördert würde, hätten sie Weltklasseathleten.

Für Ihre Weltcup-Siege-Mission ist weniger Konkurrenz aber doch gut?

Mir geht es aber da nicht nur um mich. Natürlich ist es schön, Sieg um Sieg einzufahren. Aber bewusst helfe ich anderen Athleten, wenn ich gefragt werde. Ich fördere die Konkurrenz.

Ist das bei Ihnen ähnlich wie beim FC Bayern: Man wünscht sich mehr Konkurrenz, will aber auch nicht Zweiter werden?

Das ist ein Zwiespalt, da gebe ich Ihnen Recht. Schöner ist es schon, wenn die Rennen enger sind, anstrengender, herausfordernder. Diese Siege machen mehr Spaß.

Können Sie noch besser werden?

Auf jeden Fall. In den letzten zwei Wochen bin ich zum Beispiel zwei Mal gestürzt – davor zuletzt im Jahr 2019. Da habe ich übrigens körperlich inzwischen mehr zu tun als früher. Brustwirbelsäule, Nacken – da tut alles weh.

Interview: Hanna Raif

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