Hamburg – Mit dem Glückslos in der Tasche des dunklen Anzugs konnte sich Julian Nagelsmann (36) gelassen den Weg durch die Gänge der Hamburger Elbphilharmonie bahnen. Weder das leichte Fieber noch der Gedanke an die anstrengende Autofahrt durch die Nacht zurück nach München brachten den Bundestrainer aus der Fassung. Schottland, Ungarn und die Schweiz waren als Gruppengegner interessant genug, um glaubhaft respektvoll auf die Heim-EM zu blicken – aber auch leicht genug, um den Fokus sofort wieder zu verrücken.
„Es ist eine gute Gruppe, keine Hammergruppe. Am Ende geht es darum, dass wir auch bestimmen, wie gut die Gegner sind“, sagte Nagelsmann in einem kleinen Saal des großen Konzerthauses und kündigte nach den massiven November-Enttäuschungen deutliche Veränderungen in der DFB-Auswahl an, inhaltlich wie personell. Für den ein oder anderen Spieler könnte der Traum vom Heim-Turnier schon im März plötzlich ganz weit weg sein. Gedanken machen muss sich nach dem 2:3 gegen die Türkei und 0:2 in Wien gegen Österreich praktisch jeder.
Es gibt jetzt keine Radikalkur, dass wir zehn Spieler zu Hause lassen und zehn neue einladen, aber es wird schon etwas verändern in der Struktur, weil wir auch eine veränderte Nationalmannschaft haben vom Selbstverständnis, in der Art und Weise, wie wir auftreten“, sagte Nagelsmann und ließ damit viel Interpretationsspielraum. Vom Finalziel, das Verbandschef Bernd Neuendorf aus dem Nichts ausgegeben hatte, war am Samstagabend keine Rede mehr.
„Wir dürfen gar keinen unterschätzen. Wir müssen schauen, dass wir wieder in die Spur kommen“, sagte DFB-Sportdirektor Rudi Völler (63), der den März-Plan mit Testspielen in Frankreich und gegen die Niederlande bestätigte. „Wir haben Respekt vor allen Gegnern, aber die haben auch Respekt vor uns“, sagte Präsident Neuendorf.
Mit seiner nebulösen Ankündigung eines Umbruchs eröffnete Nagelsmann die jetzt viermonatige Diskussion von Fans und Experten, was – und wen – der Bundestrainer gemeint haben könnte. Das schien von Nagelsmann genau so gewollt. Gut acht Stunden lang hatte der 36-Jährige am Samstag im Auto gesessen, um es von München trotz des wegen Schneetreibens im Süden gestrichenen Fluges doch noch rechtzeitig in die Elbphilharmonie zu schaffen. Teilweise schon mit Fieber, wie der gesundheitlich angeschlagene Bundestrainer berichtete. Wer so lange am Steuer auf der Autobahn fährt, kann sich viele Gedanken machen. Am Sonntagmorgen war der Bundestrainer dann zurück in München.
Julian ist ein junger Kerl, der hat sich ins Auto gesetzt. Er wollte unbedingt dabei sein“, sagte Völler mit einer Geste, dass ihm dieser Einsatz gefalle. Der einstige Teamchef predigt seit Wochen die Demut, mit der das Nationalteam es zurück in die Herzen der Fans schaffen könne.