Peter Schlickenrieder, Langlauf-Bundestrainer.
Zu Lächeln fällt Carl derzeit nicht immer leicht.
Victoria Carl trainiert privat, ob und wie lange sie gesperrt wird, ist offen. © Instagram/Carl, Fuessmann/Imago, Andersen/dpa
München/Erfurt – Die neuesten Bilder, die Victoria Carl am Sonntag auf ihrem Instagram-Kanal präsentierte, zeigen die 30-Jährige trainierend auf Roll- und Langlaufski – so, als wäre es ein Herbst wie jeder andere. Doch das ist er nicht. Denn wenn der Weltcup in knapp zwei Wochen in Ruka (Finnland) startet, wird die Team-Olympiasiegerin fehlen. Grund ist ein positiver Clenbuterol-Test bei Militär-Weltmeisterschaften Ende März. „Ich habe schwierige Zeiten durchgemacht und habe immer noch sehr schwierige Zeiten vor mir“, schreibt Carl zu ihrem ersten öffentlichen Post seit zehn Wochen. „Es gibt Tage, an denen ich aufgeben möchte, und andere Tage, an denen die Sonne heller scheint.“
Ein Urteil der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA steht nach über einem halben Jahr weiterhin aus. Auch, weil der Fall kompliziert ist. Das DSV-Ass forderte beim damals zuständigen Bundeswehrarzt einen Hustensaft an, weil sie kaum Luft bekam. Für Carl ist das nicht neu, sie leidet seit Jahren an Asthma bronchiale – einer Art Belastungsasthma. Der Arzt machte einen Fehler. Carl vertraute ihm blind. Jedem sei klar, „dass kein absichtliches Doping“ vorliegt, sagt Peter Schlickenrieder. „Aber Fehler anderer schützen nicht vor Strafen.“ Deswegen rechnet der Bundestrainer nicht mit einer Olympia-Chance im Februar.
Dass sich die Aufarbeitung so lange zieht, kann Schlickenrieder nachvollziehen, auch wenn die DSV-Meinung eindeutig ist. „Aus unserer Sicht trifft sie keine Schuld“, so der 55-Jährige. Aber auf der anderen Seite gibt es eine Gerichtsbarkeit. „Die wägt den Fall so objektiv wie möglich ab und muss sich im Detail an der Faktenlage entlanghangeln.“ Die vergleichen viele mit dem Fall der Norwegerin Therese Johaug, die 2016 nach einem positiven Test auf das Steroid Clostebol für 18 Monate gesperrt wurde. „Für Victoria ist es dieselbe Situation. Man trägt die Eigenverantwortung und muss jedes Medikament überprüfen, das man einnimmt“, sagt beispielsweise auch Norwegens Langlauf-Legende Marit Björgen (45). „Es muss unglaublich schwierig sein, nicht zu wissen, wie das Ergebnis ausfallen wird.“ Gänzlich gleichzusetzen sind die beiden Fälle allerdings nicht. Denn während Johaug ihre Sonnencreme-Begründung nach dem Befund konstruierte, gab Carl die Einnahme des Hustensafts – mit reinem Gewissen – schon vor dem Test an. „Für mich ist das ein deutlicher Unterschied“, so Schlickenrieder. „Ähnlich wie alle Dopingexperten sehe ich den Fall von Vici auf einem komplett anderen Level als Johaug.“
Dem Vernehmen nach könnte es in den kommenden Tagen ein Urteil geben. Doch selbst wenn dies positiv für die Thüringerin ausgehen würde, ist der Langlauf-Boss skeptisch mit Blick auf eine mögliche Olympia-Teilnahme. „Vici trainiert seit Monaten allein und ohne Unterstützung durch die Trainingsgruppe. Dazu kommt das Warten und das Gefühl, völlig isoliert zu sein und dass eine Welt zusammenbricht. Das zehrt natürlich und wirkt sich mit Sicherheit auch auf die Leistungsfähigkeit aus.“
Soll heißen: Carl wäre vermutlich nicht zu der Leistung fähig, die sie rein körperlich draufhätte. Zumindest aktuell. Einen olympischen Start 2030 in Frankreich oder bei den nächsten Weltmeisterschaften sieht Schlickenrieder für seine Motivationskünstlerin als absolut realistisch. Dass sich auch Carl noch nicht abgeschrieben hat, beweisen ihre Bilder. Sie habe sich aus den sozialen Medien zurückgezogen, „um meine psychische Gesundheit zu schützen“. Aber jetzt fühlt sie „sich wieder stark genug“, die Öffentlichkeit an ihrem Leben „teilhaben zu lassen“.MATHIAS MÜLLER