Selina Grotian mit Laura Dahlmeier. © Instagram
München/Östersund – Selina Grotian muss die schönen Erinnerungen an ihre geliebte Freundin nicht lange aus dem Gedächtnis hervorkramen. „Ich weiß noch ganz genau, wie Laura in Kontiolahti mit mir extra noch mal eine Runde gelaufen ist“, sagt die 21-Jährige. Dann versiegt die Stimme und Tränen laufen ihre Wange herunter. Sätze wie diese spiegeln wider, wie sehr der tragische Bergsteiger-Steinschlag-Tod von Laura Dahlmeier (31) am Laila Peak in Pakistan auch knapp vier Monate später noch in das deutsche Biathlon-Team hineinwirkt.
Für Grotian gilt das ganz speziell. Sie stammt ebenfalls aus Garmisch-Partenkirchen und ist wie Dahlmeier oder auch Miriam Neureuther und Martina Beck durch die legendäre Trainerschule von Bernhard Kröll gegangen. Als Kind sah die kleine Selina zu ihrem Idol auf, später liefen sie Seite an Seite in der Loipe. „Es ist schwierig, weil ich eine große Verbindung zu Laura hatte“, sagt Grotian mit Blick auf den Weltcup, der am Samstag mit zwei Staffelrennen (13.15 Uhr/ARD und Eurosport) im schwedischen Östersund beginnt. „Laura hat einem als Mensch viel gegeben, nicht nur auf den Sport bezogen. Sie wird uns brutal fehlen.“
Vor knapp einem Jahr in den finnischen Wäldern stand Dahlmeier als wichtige Ratgeberin zur Seite. Grotian, als Jugendliche mit WM-Medaillen hochdekoriert, tat sich noch schwer auf der Weltcup-Bühne und erlebte mit den Plätzen 50 (Einzel) und 48 (Sprint) Tage zum Vergessen. Ein paar Wochen später sprintete sie in Hochfilzen auf Rang fünf, wenig später feierte Grotian in Le Grand-Bornand ihren ersten Weltcupsieg. Auch dank der Hilfe ihrer Heldin aus Kindertagen.
Lässt sie den vergangenen Winter, den sie als zweitbeste Deutsche hinter Franziska Preuß auf Rang neun abschloss, Revue passieren, ist für Grotian immer noch schwer greifbar, was sie geschafft hat. „Hätte mir jemand vor der Saison gesagt, dass ich in die Top 10 laufe, hätte ich das nie im Leben geglaubt“, so das DSV-Ass.
Auf den Ski ist Grotian meist recht flink unterwegs, im Schnitt lag sie nur vier Sekunden hinter der Spitze. Doch entscheidend für die vielen Topplatzierungen waren konstantere Schießleistungen. Die bisherige Trefferquote (83 Prozent) soll in den kommenden Monaten noch weiter steigen. Helfen soll die „größte Veränderung“ – ein neuer Schaft. Eine nicht unübliche Änderungen, auch Dahlmeier hat während ihrer Karriere mehrmals an dieser Stelle gebastelt und Maßanfertigungen erstellen lassen. Mit Erfolg – auf den auch Grotian hofft. Denn beim Zielen habe es noch ein bisserl „gehapert“.
Aber wenn es ein Problem gibt, dann muss man es angehen. Das war immer schon das pragmatische Motto in der Werdenfelser Biathlon-Bubble. „Uns wurde nicht viel hinterhergetragen“, erklärt Grotian. „Wir haben viele Dinge selber in die Hand genommen.“ Wieder so ein Satz. Der hätte auch von Laura Dahlmeier stammen können.MATHIAS MÜLLER