Neuer oder Baumann? Kommunikationsstrategisch ist es mittlerweile wurscht, wen der Bundestrainer auf der heutigen PK als Nr. 1 bei der WM verkündet. Denn das von Nagelsmann angerichtete kommunikative Desaster ist und bleibt groß. Der Bundestrainer scheint Gefallen am viel zitierten Bonmot von Ex-Bundeskanzler Konrad Adenauer zu finden: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“
Monatelang hatte Nagelsmann in diversen Interviews insinuiert und wohl auch Baumann suggeriert, dass der Hoffenheim-Keeper bei der WM im Tor stehe. Das alles degeneriert nun zur Makulatur. Damit konterkariert Nagelsmann zwei grundlegende Qualitätskriterien eines seriösen Kommunikationsmanagements, und zwar Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. So manche Spieler, und das gilt nicht nur für die Nicht-Nominierten, fragen sich, wie glaubwürdig und verlässlich sind die Aussagen des Trainers. Zudem schwächt Nagelsmann seine Spieler, und das nicht zum ersten Mal. Ende März hatte er Deniz Undav im ARD-Interview kritisiert, wofür er sich kurz danach beim Nationalstürmer entschuldigen musste.
Nun ist Baumann der Leidtragende. Mit ihm hätte Nagelsmann spätestens sprechen müssen, als die Sky-Redaktion am Samstag exklusiv vermeldete, dass Neuer seinen Rücktritt vom Rücktritt erklären wird. Das tat er nicht. Und damit ließ Nagelsmann den gutgläubigen Baumann in verschiedene Mikrofone verunsichert sagen, es sei „sein Stand“, dass er die Nummer 1 bleibe. Auch Baumanns Hoffnung, Nagelsmann möge sich am Abend im Sportstudio zu der Torwart-Causa erklären, blieb unerfüllt. Stattdessen fabulierte der Bundestrainer im ZDF mantraartig, dass er zunächst mit den 62 Spielern sprechen müsse, bevor er sich zu Nominierungen äußern könne. Nachvollziehbar! Aber mit einem Spieler, nämlich Baumann, hätte er da längst gesprochen haben müssen.
Dies zu unterlassen, war der nächste kommunikative Fehler. Denn Schweigen ist nicht immer Gold. Nagelsmann besitzt zweifellos eine exzellente Fußball-Fachkompetenz. Aber in Sachen Vermittlungskompetenz und Kommunikationsmanagement verhält er sich manchmal doch ziemlich amateurhaft.
Prof. Dr. Michael Schaffrath ist Leiter des Arbeitsbereichs für Medien und Kommunikation am Department Health and Sport Sciences der Technischen Universität München