„Gell Mama, die Leute glauben sicher, dass wir von hier sind, so gut wie wir mit den Stäbchen essen…“ Ich halte inne, lasse meinen Löffel sinken und schaue mich um. Unter den hunderten Malaien am Markt sind wir die Einzigen mit heller Haut und blonden Haaren. Aber Henry nimmt das längst nicht mehr wahr. Gleichheit wird in seinen Augen nicht durch Hautfarbe definiert, sondern durch die Fähigkeit, mit Stäbchen zu essen. Ich lehne mich zurück und weiß: Diese Reise war richtig.
Gerade rund um die Pfingstferien spüre ich bei vielen Eltern dieselbe Erschöpfung. Die letzten Schularbeiten stehen an, die Kinder sind müde, die Eltern auch. Gleichzeitig beginnt die große Ferienorganisation. Wer nimmt wann frei? Wohin fährt man? Was kann man sich überhaupt leisten?
Wie wär‘s von Ungarn nach Rumänien, vielleicht bis Istanbul und über Griechenland zurück? Und dann geht die Heizungspumpe kaputt, und der Trockner trocknet nicht. Doch wenn ich mich entscheiden müsste, hänge ich lieber den Rest meines Lebens Wäsche von fünf Personen auf, als auf unseren Urlaub zu verzichten.
Denn Reisen bedeutet für mich nicht Luxus. Es bedeutet rauszukommen. Gemeinsam etwas zu erleben. Weg vom Alltag, von Terminen, Schulstress und sich gleichzeitig frei zu machen von diesem Gefühl, Kindern in den Ferien ständig etwas „bieten“ zu müssen.
Auch ich kenne das Drama rund ums Budget. Die entspannten Nebensaisonreisen mit Kleinkindern und später die frustrierende Erkenntnis, dass plötzlich alles an Ferien gebunden ist. Stundenlang saß ich vor Skyscanner und Booking.com, fragte andere Eltern: „Wie macht ihr das?“ Die Antwort war fast immer dieselbe: Italien, Kroatien oder Griechenland. Zwei Wochen Hochsaison zu Preisen, über die man sich kaum zu reden traut.
Also kauften wir uns einen alten Lieferwagen, bauten ihn aus und fuhren los. Unsere erste große Reise führte uns nach Holland. Die Kinder waren begeistert von Grachten, Pfannkuchenboot, dem Watt der Nordsee und Hagelslag auf dem Butterbrot. Ein Jahr später ging es nach Dänemark und Schweden. Astrid-Lindgren-Hörspiele liefen in Dauerschleife, wir hielten an Seen und lernten, dass Reisen mit Kindern vor allem dann funktioniert, wenn man aufhört, alles perfekt machen zu wollen.
2023 dann brachen wir im Juli auf und kehrten erst Ende Mai 2024 zurück. Elf Monate reisten wir durch zehn Länder. Das Jahr hat uns verändert. Unsere Kinder, unsere Ehe und auch mich. Nicht weil immer alles toll war. Sondern weil wir gemeinsam erlebt haben. Weil Kinder unterwegs Dinge lernen, die in keinem Klassenzimmer stattfinden: Offenheit. Anpassungsfähigkeit. Geduld. Vertrauen. Perspektivenwechsel.
Unsere Kinder haben in Vietnam Frösche probiert, in Neuseeland Orcas vom Strand aus verfolgt und in Namibia stundenlang Tiere beobachtet. Sie haben Menschen getroffen, deren Sprache sie nicht verstanden und trotzdem mit ihnen gespielt. Sie lernten, dass die Welt groß ist, man vor Fremdem keine Angst haben muss. Kinder brauchen kein perfektes Hotel oder teures Ferienprogramm. Sie brauchen Zeit. Gemeinsame Geschichten.
Im letzten Sommer fuhren wir durch die Schweiz nach Frankreich bis England und Schottland. Vier Wochen, sieben Länder. Als mein Sohn gefragt wurde, was ihm am besten gefallen habe, antwortete er: „Der Eiffelturm.“ Nicht Disneyland. Nicht das Titanic-Museum. Einfach der Eiffelturm.
Vielleicht liegt genau darin die größte Lektion des Reisens mit Kindern: dass nicht wir Eltern entscheiden, welche Momente groß werden. Sondern sie. Niemand muss dafür elf Monate um die Welt reisen. Manchmal reicht ein Wochenende im Zelt. Denn am Ende sind Zeit, Beziehung und Erinnerungen das, was unantastbar bleibt. Melanie Morandell