Faschingskalender am Heiligen Abend

von Redaktion

Vor 50 Jahren: Graslitzer Musikanten stimmen von Christkönigsturm auf Christmette ein

Waldkraiburg und die Welt – Ausgerechnet in der Ausgabe am Heiligen Abend hat die Zeitung in der Woche vor 50 Jahren den Waldkraiburger Faschingskalender 1969 veröffentlicht. Sage und schreibe 44 (!) Veranstaltungen werden da aufgelistet. Neben Vereins- und Hausbällen stehen Narrensitzungen und Kappenabende auf dem Programm.

Ein Bläsersextett der Graslitzer Musikanten stimmt vom Turm der Christkönigskirche aus die Kirchenbesucher mit weihnachtlichen Weisen ein.

Weihnachtsfilm 1968: Oswalt Kolles „Das Wunder der Liebe“

Der Weihnachtsfilm im Union-Theater: Oswalt Kolles Aufklärungsfilm „Das Wunder der Liebe“, in Farbe und ab 18 Jahren, wie es in einer Anzeige heißt. Die Alternativen: „Die Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann und „Winnetou und das Halbblut Apanatschi“ Mit Pierre Brice und Uschi Glas.

Der SPD-Kreisverband nominiert den Münchner Publizisten Almar Reitzner (Chefredakteur einer sudetendeutschen Zeitschrift) für die Wahlkreiskonferenz des Bundestagswahlkreises Altötting/Mühldorf/Wasserburg. Reitzner ist ein persönlicher Freund des Waldkraiburger Bürgermeisters Josef Kriegisch.

Die Stadtjugendkapelle gibt ihr zweites öffentliches Konzert. Es ist der erste Teil eines Doppelkonzerts zwischen den Jahren. Unter Leitung von Hans Jarzina musizieren 50 Mädchen und Buben in der bis auf den letzten Platz gefüllten Aula der alten Realschule. Nach der Pause spielt die 40-köpfige Akkordeon- und Gitarrengruppe von Franz Zeiß.

Im ehemaligen Filmtheater „Scala“ macht ein neues Tanz-Café auf, die „Waldkraiburger Hütte“.

Kurios: Hochspringer Dick Fosbury, einer der prominentesten Olympiasieger von Mexiko 1968 und Erfinde des neuen Sprungstils Fosbury Flop, steht unter Druck, erhält Drohbriefe und wird von Politikern kritisiert. Der Flop soll gesundheitsschädlich sein.

An Weihnachten zum Mond: Sternstunde des Fortschritts

„Das tollste Abenteuer der Menschheitsgeschichte“ und „eine Sternstunde des wissenschaftlichen Fortschritts“ nennt die Heimatzeitung die Mission der „Apollo 8“. Die ganze Welt schaut auf diesen ersten bemannten Raumflug zum Mond. Die drei Astronauten Frank Borman, William Anderes und James Lovell sind die ersten Menschen, die mit eigenen Augen die Rückseite des Erdtrabanten sehen, den sie zehnmal umkreisen. (Als erster Mann auf dem Mond sollte erst ein gutes halbes Jahr später Neil Armstrong mit „Apollo 11“ Geschichte machen; Anm. d. Red.).hg

In den Landgemeinden im Landkreis tauchte das Weihnachtsrequisit erst Ende des 19. Jahrhunderts auf

Ein Weihnachtsfest ohne Christbaum geht gar nicht. Das gehört zu den wenigen Gewissheiten, die die Menschen an Weihnachten noch verbindet. Dabei hat dieses weihnachtliche Requisit erst sehr spät die Wohnzimmer erobert. Das macht auch ein Artikel der Lokalzeitung vor 50 Jahren deutlich: Rund 20000 Christbäume, so schätzt der Redakteur, werden im damals, vor der Gebietsreform, noch etwas kleineren Landkreis Mühldorf geschmückt (heute sollten es geschätzt zwei- oder dreimal so viel sein; Anm. d. Red.)

Die Ursprünge des Christbaums liegen im Dunklen; vermutlich geht er auf heidnisches Brauchtum zurück. Beim germanischen Julfest wurden immergrüne Zweige aufgestellt. Im 16. Jahrhundert sind erstmals im Elsass geschmückte Äste belegt (Rosen, Äpfel, Zucker, Süßigkeiten). Im 18. Jahrhundert kamen Kerzen hinzu. Goethe schwärmte von einer „Tanne im Lichterglanz“, die er in Leipzig gesehen hatte.

Ausgebreitet hat sich dieser Weihnachtbrauch zunächst in den protestantischen Gebieten, die katholische Kirche hatte wegen der heidnischen Ursprünge Vorbehalte. Erst im 19. Jahrhundert kam der Christbaum im katholischen Süden auf, zuerst in den Großstädten, später auf dem Land. Im Landkreis Mühldorf wohl erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Der erste Christbaum in Mühldorf ist dem Zeitungsartikel vor 50 Jahren zufolge erst 1875 belegt. Da gibt es die erste Zeitungsnotiz über eine Christbaumfeier des Arbeiter-Unterstützungsvereins beim Turmbräu. In den Landgemeinden sei der Christbaum noch später aufgetaucht, in der Gemeinde Taufkirchen zum Beispiel 1885. Und geschmückte Weihnachtsbäume in katholischen Kirchen sind erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts erlaubt.hg

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