Waldkraiburg/Philadelphia – Der Waldkraiburger Tobias Fischer sitzt auf einem Schimmel, neben ihm reitet Park Dilworth auf einem Rentier und versucht dabei, dem Waldkraiburger ein Mikrofon hinzuhalten. Gar nicht so einfach, denn die hölzernen Karusselltiere bewegen sich auf und ab.
Es weihnachtet sehr, aber nicht in Waldkraiburg, sondern an der amerikanischen Ostküste, im Christmas Village in Philadelphia. Das Karussell mit Schlitten, Schimmel und Rentier, auf dem die beiden ihre Runden drehen, ist eine diesjährige Neuerung im Christmas Village, über die Park Dilworth, Moderator beim lokalen Fernsehsender CBS3, berichtet.
Viele halten das Christkindl für
eine Art Engel
Dass er dafür mit dem Waldkraiburger Tobias Fischer aufs Karussell steigt, hat seinen Grund: Der 25-Jährige arbeitet von August bis Januar als Kommunikationsmanager für den Weihnachtsmarkt, kümmert sich um Webseite, Social-Media- Auftritt und Pressearbeit, gibt Interviews, sucht Lieferanten und Partner und tüftelt mit seinen Kollegen an der Logistik für die über 100 Aussteller. Und wenn es personell mal eng wird, stellt er sich auch selbst an den Grill und wendet Bratwürstchen.
Aufgebaut ist der traditionelle Weihnachtsmarkt, der sich am Nürnberger Vorbild orientiert, mitten im Stadtzentrum von Philadelphia im Love Park. Die Verkäufer kommen aus aller Welt und bieten vom 22. November an in kleinen Holzbuden Geschenkideen wie Christbaumschmuck, Nussknacker oder Räuchermännchen. Dazu gibt es Leckereien wie Bratwurst, Waffeln, Lebkuchen, Stollen und gebrannte Mandeln.
Auch der „Gluhwine“ fehlt nicht, sogar eine Almhütte mit Biergarten ist aufgebaut. Eingeflogen wird zudem das Nürnberger Christkindl, um auch in Philadelphia den Eröffnungsprolog zu sprechen. „Das ist für viele Amerikaner etwas befremdlich. Viele halten das Christkindl für eine Art Engel, weil hier traditionell der Santa Claus zu Weihnachten gehört“, erklärt Tobias Fischer.
Über Jobbörse an der Uni im Christmas Village gelandet
Der schlichte, traditionelle Touch kommt gut an, aber ganz ohne Glitzer geht es auch nicht. Dieses Jahr gibt es eine über acht Meter große Installation: ein begehbares Paket aus über 100000 Lichtern. Dennoch: Der deutsche Weihnachtsmarkt ist ein Exportschlager. In Philadelphia findet er zum elften Mal statt, zum dritten Mal mit Tobias Fischer, der sich mittlerweile schon ein wenig heimisch fühlt.
Den Job fand er über eine Jobbörse an der Uni. Für sein Masterstudium „Internationale PR“ an der LMU musste er ein Auslandspraktikum belegen: „Mich hat der Mix aus Event-Management und Öffentlichkeitsarbeit gereizt.“ Das war 2016. Das Studium hat er mittlerweile abgeschlossen. Zweimal zog es ihn seitdem zurück an die Ostküste, um den Job von August bis Januar zu übernehmen. Bis August arbeitete er als Projektmanager in der BMW-IT in München.
In Philadelphia wohnt er mit zwei Kollegen zusammen im Stadtbezirk Germantown: „Aber das ist Zufall. Die Stadt hat ähnlich viele Einwohner wie München, wirkt aber durch die Wolkenkratzer und die schachbrettartig angeordneten Straßen ganz anders“, so Fischer. Viel Freizeit für Sightseeing bleibt ihm nicht. Wenn der Markt, eines der größten Events der Stadt, losgeht, ist er entweder vor Ort oder in Fernsehstudios, um den Markt zu repräsentieren. Nervös machen ihn die Kameras im TV-Studio nicht: „Ich spreche ja nur mit einer Person. Dass da Tausende Menschen zuschauen, kann ich komplett ausblenden.“ Aufregender sei das Eröffnungswochenende, wenn er vor über 1000 Menschen eine Rede halten müsse.
An Heiligabend skypt Tobi mit der Familie
in Waldkraiburg
Am Heiligen Abend schließt der Markt bereits um 17 Uhr: „Wir verbringen dann einen sehr klassischen Abend mit Dinner und einer kleinen Bescherung“, erzählt er. Der erste Weihnachtstag ist einer der wenigen freien Tage – Zeit, einfach mal nichts zu tun. Und dann ist da ja auch noch seine Familie daheim in Waldkraiburg: „Meine Eltern und meine beiden Schwestern feiern gemeinsam mit meinen Cousinen und deren Eltern. Wir werden sicher wieder ausführlich skypen.“ Etwas Wehmut schwingt schon mit in seiner Stimme.
Aus seinem saisonalen Visum für sechs Monate ist mittlerweile ein Expert-Visum geworden: Er könnte in den USA bleiben. Ob er nach dieser Saison nach Deutschland zurückkehren wird, ist offen. „Die Arbeit gefällt mir wirklich sehr gut, es ist nur nicht so einfach, die anderen sechs Monate mit einem adäquaten Job auszufüllen.“