Waldkraiburg – Ist Angela Merkel eine gediegene Machtpolitikerin oder eine Parteifunktionärin Honeckers? Ist sie eher geeignet, ein Damen-Kaffeekränzchen zu leiten als die Geschicke Deutschlands? Ist sie Kommunistin, Aussitzerin, Deutschlands Untergang? Oder weiß sie, was sie tut unter Machotypen wie Trump, Erdogan und Co?
Beim Politik-Stammtisch in Waldkraiburg prallen diese und noch mehr Meinungen aufeinander. Doch die 13 Teilnehmer unter Leitung von Georg Milly schaffen es, kontrovers aber gesittet zu debattieren. Milly leitete lange das Haus der Jugend – mit Hitzköpfen könnte er also umgehen.
Zwei der Teilnehmer sind Klaus-Jürgen Falk (64) aus Buchbach und Gerhard Mania (72) aus Neumarkt- St. Veit. Kennengelernt haben die beiden sich durch die Aktion „Deutschland spricht“ von „Zeit-online“. Der „Austausch unter Andersdenkenden“ fand im September statt. Die Schirmherrschaft übernahm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Bei der zentralen Veranstaltung in Berlin betonte er, wie wichtig Kommunikation mit Andersdenken ist. Das sei zwar anstrengend, „aber ihre Verweigerung ist das Ende der Kompromissfähigkeit“, so Steinmeier.
„Wir sind so geartet, dass wir dem anderen seine Meinung lassen. Manchmal hat man eine Meinung, die besteht aus 51 Prozent. Zu 49 Prozent hat der andere recht“, so Mania
Kopfnicken bei Falk. Und die anderen Teilnehmer am Politik-Stammtisch pflichten bei. Heute geht es im „freiraum36“ eigentlich um AKK. Bedeutet Annegret Kramp-Karrenbauer ein „weiter so“ oder nicht? So wenig, wie die interessierten Diskutanten auf einen grünen Zweig kommen in dieser Frage, so wenig gelingt es, beim Thema zu bleiben.
Es kommen Wortmeldungen zu den Gelbwesten in Frankreich und dann zu Friedrich Merz. Dass Black Rock immer an ihm kleben wird, oder warum ein Mensch denn bitte zwei Flugzeuge braucht. „Vielleicht ist das eine Art Hobby“, mutmaßt eine Frau und alle lachen.
Schnell ist man beim globalen Finanzsystem, das wie ein Kartenhaus zusammenbricht, wenn eine Seite Druck mache. Dass selbst ein starkes Land wie Deutschland es nicht schaffe, ein System zu ändern, weil die Sachzwänge so stark sind. „Diese Leute haben eben kein Format, die wollen‘s doch gar nicht“, sagt ein Mann am Ende der Tafel. „Da muss man eben eine gelbe Weste anziehen, dann kann man was ändern“, scherzt jemand und das lockert wieder die Stimmung auf.
Sollte Merkel lieber Schuhe putzen?
Auch bei extrem harscher Kritik an der Kanzlerin, polemischen Vorwürfen – die Runde bleibt gelassen. „Als Ex-Parteifunktionärin Honeckers sollte sie Schuhe putzen, so jemand darf doch nicht Kanzler werden“, sagt ein pensionierter Lehrer. Eine Frau entgegnet ihm „na, na, na, da hätten wir in Deutschland nach ‘45 viele Altnazis gehabt, die Schuhe putzen hätten müssen“.
Wieder fällt ein Wortwitz, angeregtes Gemurmel dazwischen, bis Milly zur Ordnung ruft und sagt, „hört auf zu schwätzen“.
Er stellt die steile These auf, dass Merkel in 100 oder 200 Jahren seliggesprochen werde – für ihre Flüchtlingspolitik, „da werdet Ihr schauen“. Den Einwand, dass sie evangelisch sei, wischt er lachend weg. Er warnt davor, eine Projektionsfläche zu suchen, der man alles in die Schuhe schiebt, was einem nicht gefalle – wie damals bei den Juden. Politiker seien nun mal so vielen Sachzwängen unterworfen. Es gebe keine Einfachheit.
Die gibt es nicht, ebenso wenig, wie eine einfache Wahrheit. Warum aber schaffen es diese 13 Menschen in diesem Raum, so respektvoll den anderen ausreden zu lassen, und wenn er noch so daneben liegt, wie man selbst meint?
Für Falk, der Philosophie und Kunstwissenschaften studiert hat, dann aber Karriere im IT-Bereich machte, ist es wichtig, sich die Dimensionen der Kommunikation bewusst zu machen. Denn es gebe mindestens zwei davon. Einmal sei da die inhaltliche Ebene. „Aber dann kommt dazu, mit wem hab ich es zu tun, was bringt der an Prägung, Kultur, Emotion mit in die Diskussion. Das muss man sich klar machen, dann funktioniert es besser“, meint er.
Politik sei überall. Treffe man bei einem komplexen Sachverhalt auf einen Andersdenkenden, zum Beispiel einen verbohrten, und es gelinge, die ersten zwei Sätze zu überstehen, dann sei es durchaus möglich, echte Lösungen anzusprechen. „Der andere wird dann ruhiger und hört zu.“
Gerhard Mania sagt, wer mit seinen Freunden diskutiert, darf sich nicht provotieren lassen. Er nennt etwa die Integrationsdebatte mit einem deutsch-kroatischen Spezl, der seit Jahrzehnten hier lebe, aber oft auf Deutschland schimpfe.
Mania habe festgestellt, dass man in Debatten oft Bestätigung bekomme, wenn man bewusst provokante und populistische Dinger raushaut. „Ich nenn das Klatsch-Klassiker: Für Schwachsinn kriegt man Beifall.“ Das habe er in diversen Fällen selbst ausprobiert. Zynismus, so weiß er, sei kein gutes Stilmittel in einer friedlichen Debatte. Zu schwer verständlich, zu verborgen.
Mania ist sehr interessiert und hat vor den Bundes- und Landtagswahlen sämtliche Versammlungen und Vorträge quer durchs Gemüsebeet besucht. „Ich hab Kugelschreiber von der CSU, der FDP, der SPD, den Grünen und der AfD. Von den Linken hab ich ein Kondom bekommen“, lacht der 72-Jährige.
Er kennt es nur zu gut, wenn es in seiner Familie mal hitziger zugeht. „Dann sage ich ‚stopp‘, wir hören dann auf, sonst wird es problematisch. Da muss man sich selbst disziplinieren.“
Klaus-Jürgen Falk bejaht die Frage, ob politische Diskussionen einer Freundschaft schaden können. „Wenn Themen zu einem verminten Gebiet werden, dann kann eine Freundschaft nicht mehr gedeihen.“
Wirtschaftliche
Schere ist das alles überlagernde Thema
Wie kriegt man denn die emotionalisierte Gangart in den Kommentarspalten in den Sozialen Netzwerken in den Griff? Falk sieht es kritisch, dass man dort nicht „mit offenem Visier“ unterwegs sein muss. Bei der Kommunikation im Internet gehe die menschliche Dimension verloren. „Am Telefon wäre das noch einmal was anderes, weil man Stimme und Laune des Gesprächspartners hört. Jedoch auf Facebook und Co. wird der Kommentator entkörperlicht“, stellt Falk fest. Man werfe dem anderen viel leichter hässliche Dinge an den Kopf, die man ihm nie ins Gesicht sagen würde. Er geht noch weiter und kommt vom „depersonalisierten Kontrahenten“ zur Zielscheibe für Drohnenkrieger, die am Computer irgendwo sitzen und nur noch auf den Knopf drücken müssen, um zu töten.
Eines hat Falk in den letzten Jahren für sich festgestellt. Wenn politisch diskutiert wird, ob es nun um Flüchtlinge, die B15 neu oder eine geplante Mülldeponie in Ortsrandlage geht – „am Ende landen wir immer bei der sozialen Ungerechtigkeit“. Würde beim kleinen Bürger vom Wirtschaftsboom was ankommen und die Deutschen könnten etwas auf der hohen Kante haben, würden sie nicht so ängstlich reagieren, glaubt er und verweist auf die Theorie von John Maynard Keynes. Die wirtschaftliche Schere sei ein alles überlagerndes Thema. Eine Million Flüchtlinge 2015 waren, so Falk, nur der berühmte Tropfen, „der die Toilette überlaufen ließ“.