Mit 69 einen großen Bruder bekommen

von Redaktion

„Sie kennan a koan, der in diesem Alter noch einen Bruder gekriegt hat?“, fragt Arthur Ehling und setzt lachend hinzu: „Für mi wars a des erste Moi.“ Das Jahr 2018 hat dem 70-jährigen Kraiburger einen Halbbruder beschert. Wie er zu dem großen Bruder kam, ist eine verrückte Geschichte. Denn beide wussten nichts voneinander.

Kraiburg – „Es war reiner Zufall.“ Arthur Ehling sitzt am Schreibtisch seiner Tochter Marianne in der Steuerkanzlei und schüttelt den Kopf, als könnte er es immer noch nicht glauben, was da im Jahr 2018 passiert ist.

Ein historisches Foto hat den Stein ins Rollen gebracht

Reiner Zufall, dass der Kraiburger Archivpfleger Franz Genzinger ausgerechnet dieses Foto im Marktblatt veröffentlichte, das den Stein ins Rollen brachte. Die fast 90 Jahre alte historische Aufnahme zeigt eine Szene in einem Kraiburger Frisörgeschäft. Ein Lehrling rasiert den Glaser Hans Weiß. Dessen Tochter Martha König hatte sich an den ehrenamtlichen Archivar gewandt, um mehr über das Bild und den Burschen zu erfahren.

Genzinger wandte sich an die Leser des Marktblattes. Auch der gebürtigen Kraiburgerin Josefa Maria Kling, die längst nicht mehr in der Marktgemeinde wohnt, ging diese Ausgabe zu. Und die konnte sehr wohl etwas mit dem Foto anfangen, vor allem mit dem Friseurlehrling. „Das ist kein anderer als Willi Ehling, und er ist der Vater meines Halbbruders Werner Balghuber“, ließ sie den Archivpfleger wissen.

Und der konnte eins und eins zusammenzählen und leistete seinen Beitrag zur Familienzusammenführung. Genzinger brachte den einen Sohn Willi Ehlings mit dem anderen zusammen, mit dem in Kraiburg allseits bekannten Arthur Ehling.

Der erinnert sich an das erste Telefonat mit Josefa Kling, die außerordentlich skeptisch geklungen habe. Arthur Ehling hat Verständnis dafür: „Frau Kling und ihr Halbbruder Werner Balghuber haben überhaupt nicht gewusst, dass da noch jemand existiert. Die waren ja völlig von den Socken.“

Da hatte er selbst einen kleinen Vorsprung. Denn der Gedanke, dass es da noch einen Bruder geben könnte, war ihm nicht ganz neu. Seine 1987 verstorbene Mutter hatte ihm gesagt, dass ihr Ex-Mann Willi, von dem sie schon 1952 geschieden worden war, einen vorehelichen Sohn hatte. „Aber ich hatte keinen Anhaltspunkt und keinen Namen. Die Mutter hat auch nicht mehr gewusst oder wollte nicht darüber reden.“ Und mit seinem 1968 verstorbenen Vater habe er keinen Kontakt gehabt, erzählt er.

Nach weiteren Telefonaten wurde ein Treffen vereinbart. Im Juli kamen Werner Balghuber und Josefa Kling nach Kraiburg. „Die ganze Familie war in heller Aufregung“, erzählt Marianne Ehling. Sie und ihr Bruder hatten plötzlich einen Onkel, die fünf Enkel einen Großonkel. „Und i bin des a ned gwohnt, einen Bruder zu haben“, scherzt Arthur Ehling, der sich freut, dass dieser lange Juli-Nachmittag so angenehm und unkompliziert verlief. Es gab viel zu erzählen, ganze Lebensgeschichten.

Werner Balghuber, der Sohn von Willi Ehling und Rosa Balghuber, ist im November 1946 in Kraiburg geboren, als es im frühen Nachkriegsdeutschland noch drunter und rüber ging. Als Rosas Ehemann als Spätheimkehrer aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückkam, adoptierte er den Buben. Im August 1948 kam Arthur Ehling zur Welt, der Sohn von Fini und Willi Ehling, der die Familie aber einige Jahre später verließ und nach München zog.

Werner Balghuber besuchte in Waldkraiburg die Volksschule und zog später zu seiner inzwischen verheirateten Halbschwester Josefa Kling nach Reutlingen. Er erlernte den Beruf des Elektromechanikers, bildete sich zum Elektrotechniker fort und arbeitete lange bei der Firma Siemens. Der „große Bruder“ hat ein bewegtes Leben hinter sich. Er ist ein „Weltenbummler, war viele Jahre lang beruflich in Australien.“ Heute lebt er alleinstehend bei Stuttgart, erzählt Arthur Ehling, der als Finanzbeamter arbeitete und Steuerberater ist.

Per Telefon halten die beiden Brüder Kontakt und ein zweites Treffen ist auch schon vereinbart. Vor kurzem kam eine Weihnachtskarte von Josefa Kling im Hause Ehling an. „Sie freuen sich schon, wenn sie im Sommer wieder zu uns nach Kraiburg kommen.“

Artikel 9 von 11