Schafkopfen – befriedigend

von Redaktion

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Wie wahr. Gleichungen mit zwei oder mehr Unbekannten, Caesars „De Bello Gallico“, Einführung in die Verhaltensforschung, alles schön und gut. Aber wer hätte gedacht, dass Herzsolo, Wenz und Sauspiel, die uns auf den langen Busfahrten ins Gymnasium die Zeit vertrieben, 40 Jahre später Teil des bayerischen Bildungskanons werden sollten.

Uff! Ganzen Generationen von Schülern dürften Steinbrüche vom Herzen fallen. Gott sei Lob und Dank haben sie die Schulzeit nicht nur mit Latein und Mathematik vertan. Zum Glück wissen sie nicht nur, wer Euklid, sondern auch wer „der Oide“ und „die Oide“ sind. Wir wären aufgeschmissen andernfalls. Und das nicht nur beim Schafkopfen, wie der Philologenverband diese Woche die Öffentlichkeit hat wissen lassen. Als er das Kartenspiel zum Inbegriff des Bildungs- und Erziehungsauftrags adelte. Manche sehen da sogar schon ein neues Schulfach am Horizont heraufziehen: „Schafkopfen – befriedigend.“

Wenn das keine typische Winterloch-Nachricht war! Ein Thema, das halt nur in der staden Zeit, wenn kein Fußball gespielt und kaum Politik gemacht wird, mangels Konkurrenz nach oben gespült wird. Das geht nur zwischen den Jahren und gehört mittlerweile zu Weihnachten, wie – sagen wir: die Auftritte der Kraiburger Faschingsgarden, die zielsicher einen Termin zwei Nächte vor dem Heiligen Abend ansteuerten, um ihr Programm erstmals öffentlich vorzutanzen. Oder wie die Weihnachtsgurke.

Ja, die gibt es tatsächlich. Und dieses relativ neue Phänomen der modernen Festkultur, das zur Freude der Gurken-Produzenten und Christbaumschmuck-Hersteller über den Großen Teich nach Europa herübergeschwappt ist, erfreut sich scheinbar wachsender Beliebtheit. Das haben wir in der Ansprache von Pfarrer Schmidt in der Christfeier im Stadtpark gelernt. Der hat die Geschichte von der Gurke freilich nicht deshalb erzählt, weil er die neue Mode besonders euphorisch aufnimmt, sondern weil er selbst darin etwas sieht, das mitten in die Weihnachtsbotschaft hineinführt: Gott nehme im Weihnachtsgeschehen das Einfache, das Gewöhnliche an, das oft genug abgewertet werde, wie eine Gurke eben.

Zu den besonders rätselhaften Begleiterscheinungen der Waldkraiburger Weihnachtszeit gehört übrigens eine weitere wiederkehrende Erscheinung. Die Eishockey-Mannschaft des EHC, die weit in den Dezember hinein den anderen Oberliga-Teams meist heillos unterlegen ist, rappelt sich – kaum dass die Christbäume stehen – urplötzlich auf, und fängt an zu gewinnen. In den vergangenen Jahren traf die Waldkraiburger Weihnachtsüberraschung die stolzen Favoriten aus Landshut und Rosenheim. Heuer war schon wieder Landshut einer der Leidtragenden. Plötzlich ist sogar der Einzug in die Meisterrunde möglich. Selbst wenn die Partie gegen Regensburg gestern Abend verloren gegangen sein sollte (bei Redaktionsschluss nicht beendet), stehen vier Endspiele an.

Was beflügelt die Burschen? Langsam wird‘s unheimlich. Liegt es an der Ernährung? Was kommt bei den Löwen denn an den Festtagen nicht auf den Tisch, was die anderen träge und zur leichten Beute für sie macht?

Der EHC ist auf einem guten Weg. Doch ein paar Siege braucht es dann doch noch, um eine Tradition zu begründen. Freilich, irgendwann hat jeder Brauch einmal angefangen. Sogar der Christbaum. Gefühlt seit 10000 Jahren unverzichtbares Weihnachtsrequisit, ist der immergrüne Wohnzimmerschmuck in unseren Breiten tatsächlich erst Ende des 19. Jahrhunderts heimisch geworden. Merke: Es ist noch keine Weihnachtsgurke vom Himmel gefallen. Wer weiß, vielleicht läutet der Faschingsauftakt in der Nacht vor dem Heiligen Abend schon in 20 Jahren ganz selbstverständlich die Festtage ein. Und mancher fragt sich, wie das früher einmal war.Hans Grundner

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