Wasserburg/Rosenheim – Seit 1. November gilt der neue Hebammenhilfevertrag. Schon im Vorfeld gab es hier massive Proteste. Insbesondere Beleghebammen sprachen von erwartbaren Gehaltseinbußen von bis zu 30 Prozent. Trotzdem ist der Vertrag in Kraft getreten. Nun, wenige Wochen später, häufen sich die Berichte über Hebammen, die über die Aufgabe ihres Berufs nachdenken oder dies bereits getan haben. Auch an den Romed-Kliniken Wasserburg und Rosenheim sind Beleghebammen tätig. 13 sind es laut Klinik-Verbund in Wasserburg, 16 in Rosenheim. Jährlich begleiten sie etwa 2.600 Schwangere bei der Entbindung. Die Einführung des neuen Vertrags bezeichnen sie als „unverantwortlich“.
Tragende Säule
Belegsystem in Gefahr
„Das Belegsystem hat sich im ländlichen Raum – und besonders im Wasserburger Land – als tragende Säule der geburtshilflichen Versorgung etabliert“, erklären Erika Diller und Marlene Ottinger, Sprecherinnen des Hebammenteams an der Romed-Klinik Wasserburg. Die Struktur ermögliche eine hohe Flexibilität, eine erhöhte Eins-zu-eins-Betreuung, Kontinuität von der Schwangerschaft über die Geburt bis ins Wochenbett und eine maximale Ganzheitlichkeit, da viele Beleghebammen auch Kurse sowie Vor- und Nachsorge anbieten. „Nun gerät dieses System durch den neuen Hebammenhilfevertrag, der seit dem 1. November 2025 gilt, in seiner Existenz massiv unter Druck“, so Diller und Ottinger.
Denn mit dem neuen Vertrag komme es zu erwartbaren Einkommensverlusten von 20 bis 30 Prozent. Seit Einführung des neuen Vertrags werde Geburtshilfe schlechter vergütet als ambulante Tätigkeit in der Vor- und Nachsorge, obwohl die Entbindung die anspruchsvollste aller Hebammentätigkeiten sei und 24 Stunden an sieben Tagen der Woche durchgeführt werde. „In Zeiten steigender Kosten ist das unverantwortlich“, so Diller und Ottinger.
„Wie sollen denn so neue Kolleginnen für das Hebammenstudium gewonnen werden?“, fragen sie. Insbesondere, da gleichzeitig der organisatorische Aufwand und die Bürokratie erheblich steigen würden. So würde die minutengenaue Dokumentationspflicht Zeit binden, die auch bei der Betreuung der werdenden Mutter fehle. Unterstützung bekommen die Hebammen auch von den Romed-Kliniken selbst.
„Die Geburtshilfe im Beleghebammensystem ist auf hohem Niveau und die Versorgung der werdenden Mütter verläuft gut und individuell“, teilt eine Pressesprecherin auf Anfrage mit. Vor dem Hintergrund der Bedeutung der geburtshilflichen Begleitung und der heute schon bestehenden Sorgen der Nachwuchsgewinnung sei das Vorgehen im neuen Hebammenhilfevertrag mit erwartbaren deutlichen Vergütungskürzungen nicht nachzuvollziehen.
„Einen Rückgang des Einkommens der Hebammen halten wir für absolut unvertretbar und fordern hier ausdrücklich Nachbesserungen“, so die Pressesprecherin im Namen des Klinik-Verbunds. Seitens der Romed hätten „die Hebammen unsere volle Solidarität und Unterstützung.“ Allerdings hätten Kliniken keine direkten Einflussmöglichkeiten, denn die Kliniken seien keine Verhandlungspartner. Stattdessen würde der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen mit den Hebammenverbänden die Vertragsinhalte vereinbaren.
Wie hoch die Einbußen der Hebammen tatsächlich sein werden, das wird sich laut Romed wohl erst in den nächsten Monaten zeigen. Eine Antwort auf die Frage, ob es schon Kündigungen im Klinik-Verbund gab, verweigert die Pressesprecherin und verweist auf rechtliche Gründe, die Auskünfte zu personenbezogenen Daten nicht zulassen würden. Nur so viel heißt es: „Gemeinsam mit den Hebammen ist man sich der Verantwortung bewusst und darüber einig, dass das geburtshilfliche Angebot auch künftig vollumfänglich sichergestellt wird.“
Intensive Arbeit an einer
gemeinsamen Lösung
Auch die Hebammen betonen, dass vor Ort intensiv mit Landrat Otto Lederer und den Romed-Kliniken an einer Lösung gearbeitet werde, um das Belegsystem zu stützen. Inzwischen habe sogar der Bayerische Landtag die Problematik erkannt und einen Dringlichkeitsantrag verabschiedet, um die wirtschaftliche Basis der Beleghebammen zu stärken. „Wir arbeiten seit vielen Jahren mit großer Freude, Leidenschaft und Verantwortung an der Romed-Klinik Wasserburg“, betonen Diller und Ottinger.
Modern ausgestattete Räume, ein hochprofessionelles ärztliches und pflegerisches Team sowie die breite Unterstützung durch die Klinikleitung und den Landkreis würden ideale Bedingungen schaffen. „Doch Geburtshilfe muss finanziert werden – und zwar so, dass weder Hebammen noch Kliniken darunter leiden“, erklären die beiden Hebammen-Sprecherinnen. Dafür brauche es „dringend Nachbesserungen seitens der Krankenkassen.“