Izmir/Samos – Nach dem schweren Erdbeben in der Ägäis mit zahlreichen Todesopfern hoffen die Suchtrupps in der westtürkischen Stadt Izmir auf das Wunder, weitere Überlebende zu finden. Zugleich verbrachten Menschen, die nicht in ihre beschädigten Häuser zurückkehren konnten, die zweite Nacht in Folge in Notunterkünften. Auch auf der griechischen Insel Samos schliefen aus Angst vor Nachbeben viele Menschen erneut im Freien, in Autos und Zelten. Die türkische Katastrophenschutzbehörde Afad meldete zahlreiche keine Nachbeben.
In der Nacht auf Sonntag konnten die Rettungskräfte in Izmir nach 33 Stunden einen 70-jährigen Mann aus den Trümmern ziehen, wie der Sender CNN Türk berichtete. Einsatzkräfte klatschten und jubelten, als er zum Krankenwagen getragen wurde. „Ich bin besonders glücklich, weil der Mann Geburtstag hat“, erzählte ein Helfer. Die Rettung des 70-Jährigen habe das gesamte Einsatzteam motiviert.
Am Samstag hatten die Einsatzkräfte unter Applaus schon drei Kinder und ihre Mutter lebend aus den Trümmern eines achtstöckigen Gebäudes geborgen, wie der Staatssender TRT berichtete. Später sagte der türkische Gesundheitsminister Fahrettin Koca Reportern, eines der Kinder sei gestorben. Die Retter hatten zuvor Kontakt mit der Frau aufnehmen können. „Wenn du meine Stimme hörst, klopfe drei Mal“, rief ein Helfer. Daraufhin gab die Frau ein Lautzeichen.
Die Zahl der Toten in der Türkei ist unterdessen auf 58 gestiegen. 885 Menschen sind zunächst verletzt ins Krankenhaus gekommen, 667 von ihnen aber bereits wieder entlassen. Rund 5000 Retter und 20 Suchhunde sind im Einsatz.
Auf der griechischen Insel Samos kamen ein 17-jähriger Schüler und seine 15 Jahre alte Freundin ums Leben, als sie das Beben auf dem Nachhauseweg überraschte. In einer engen Gasse brach eine Mauer über ihnen zusammen. Man habe sie eng umschlungen gefunden, berichtete das griechische Boulevard-Blatt „To Proto Thema“. Am Sonntagmittag seien die beiden beerdigt worden.
Das Auswärtige Amt hat bisher keine Hinweise darauf, dass unter den Toten und Verletzten Deutsche sein könnten. Die Botschaft in der griechischen Hauptstadt Athen und das Konsulat im türkischen Izmir seien aber weiter mit den zuständigen Behörden in Kontakt, hieß es.
Erdogan sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus und versprach, zerstörte Gebäude in der Türkei schnell aufzubauen. „Jedes einzelne Beben erinnert uns daran, dass sich unser Land in einem gefährlichen (seismologischen) Gebiet befindet“, ergänzte er.
Die Erde bebte derweil weiter – das ganze Wochenende über gab es Hunderte Nachbeben, die zum Teil eine Stärke von 4 und mehr erreichten. Nach Angaben der Katastrophenschutzbehörde Afad gab es am Samstagmorgen in der Region des westtürkischen Bezirks Seferihisar ein Nachbeben der Stärke 5,0.
Das erste Beben Freitag um 14.51 Uhr Ortszeit (12.51 Uhr MEZ) hatte nach Angaben der türkischen Katastrophenbehörde eine Stärke von 6,6. Das Zentrum lag in der Ägäis vor der türkischen Provinz Izmir. Die für Beben zuständige US-Behörde USGS gab die Stärke des Bebens mit 7 an.
In Izmir stürzten nach Angaben des Provinzgouverneurs mindestens vier Gebäude komplett ein. Das Viertel Bayrakli der Küstenstadt war besonders stark getroffen. Nach offiziellen Angaben suchten die Helfer am Samstag an acht Gebäuden weiter nach Überlebenden. Immer wieder mahnten sie Einsatzkräfte zur Stille, um Stimmen hören zu können.
Vereinsheime und Sporthallen wurden als Notunterkünfte bereitgestellt. Zudem sind 1500 Zelte errichtet worden, 2000 weitere folgen. Auch in Containern sollen die obdachlos gewordenen Menschen unterkommen.
Die Europäische Union und die Nato wollen der Türkei und Griechenland helfen. „Ich bin in Gedanken bei allen, die betroffen sind“, schrieb EU-Ratschef Charles Michel auf Twitter. „Die EU hält sich bereit, um Unterstützung zu leisten.“ Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg boten Hilfe an.
In der Türkei verlaufen mehrere Verwerfungslinien. Das Land wird immer wieder von verheerenden Erdbeben erschüttert. Erst im Januar waren bei Beben in den osttürkischen Städten Elazig und Malatya mehr als 40 Menschen getötet worden. Eines der tödlichsten war das Beben im Jahre 1999 in der Nähe von Istanbul. Damals kamen über 17 000 Menschen ums Leben.