Burghausen – Michael Vassiliadis, Chef der Chemiegewerkschaft IG BCE, ist derzeit meistens da, wo es in Unternehmen brennt, wo es um Stellenabbau geht. Diese Woche war er wieder einmal in Burghausen. Er nahm persönlich an der jüngsten nichtöffentlichen Betriebsversammlung des Wafer-Herstellers Siltronic teil. Anschließend zeigte er sich im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen und innsalzach24.de jedoch spürbar optimistisch – trotz der harten Realität des globalen Marktes und vor Ort in Burghausen.
Aus Siliziumscheiben
werden Chips
Siltronic hat das, was Wacker noch bevorsteht, zu einem großen Teil hinter sich. Siltronic stellt Wafer her. Das sind Siliziumscheiben, aus denen Computerchips entstehen. Vor rund eineinhalb Jahren stellte das Unternehmen in Burghausen die Produktion kleinerer Wafer in CD-Größe ein, da der Weltmarkt inzwischen Scheiben in Schallplattengröße verlangt. Die Folge: der Wegfall von rund 500 Arbeitsplätzen.
Siltronic-Betriebsratschef Oliver Haunreiter und IG-BCE-Bezirksleiter Günter Zellner betonen in dem Gespräch: „Der Abbau lief absolut geräuschlos und sozialverträglich.“ „Es geht auch in schwierigen Zeiten zusammen“, erklärt Bezirksleiter Zellner. Der Stellenabbau sei ohne öffentliche Proteste abgelaufen, „weil für den überwiegenden Teil der 500 Betroffenen über Frühverrentung und Vorruhestand individuelle Lösungen gefunden wurden. Das funktioniert aber nur, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet.“
Wie viel rauer weht der Wind derzeit nebenan bei Wacker. Nach einem Rekordverlust von 805 Millionen Euro im vergangenen Jahr steht der Standort Burghausen vor dem größten Einschnitt seiner Geschichte. Im Rahmen des weltweiten Sparprogramms „PACE“ werden allein in Burghausen 1.300 Stellen bis Ende kommenden Jahres abgebaut, das entspricht 16 Prozent der Belegschaft. Die verbleibenden Beschäftigten müssen bis 2028 im Zuge eines sogenannten Solidarbeitrags auf vier Prozent ihrer Arbeitszeit und ihres Lohns verzichten.
Gewerkschaftsboss Vassiliadis spricht dabei von einem „harten Kampf“ mit Wacker. Er erinnert sich an die ersten Ansagen aus der Wacker-Personalabteilung, mit denen er nicht einverstanden war. Da ging es auch um betriebsbedingte Kündigungen. Am Ende stand ein Kompromiss, der laut Vassiliadis mühsam war, „aber dafür ausbalanciert“.
Vassiliadis warnt eindringlich vor dem Trend, Europa und Deutschland nur noch als reine Forschungs- und Entwicklungsstandorte zu sehen, während die Produktion nach Asien abwandert. Nur mit „brained people“ (klugen Köpfen) werde Europa nicht überleben. Es brauche auch die Produktion vor Ort. „Wir haben jetzt schon fahrlässige Engpässe bei wesentlichen Antibiotika“, so Vassiliadis. „Es reicht ein Brand in einer einzigen Produktionsanlage auf der Welt, und Allerweltsarzneien wie Ibuprofen gehen uns aus.“
Kritik an längeren
Arbeitszeiten
Scharfe Kritik übt der Gewerkschaftschef an den Rufen aus der Politik nach längeren Arbeitszeiten oder der Rente mit 70. Wenn Fabriken ohnehin wegen mangelnder Nachfrage unterausgelastet seien, helfe eine Arbeitszeitverlängerung niemandem – im Gegenteil, sie führe nur zu Entlassungen. Bei Wacker habe man dagegen die Arbeitszeit jetzt sogar verkürzt, um die Krise zu überbrücken.
Für Europa gehe es laut dem IG-BCE-Chef jetzt darum, international kluge, strategische Allianzen zu schmieden, statt in veralteten Mustern zu denken. Vassiliadis forderte hier ein klares Umdenken und verabschiedete sich im Pressegespräch mit einer deutlichen Ansage: „Für die Zukunft brauchen wir Partnerschaften auf Augenhöhe.“