Prien – Seltene Vögel beobachten, Gold suchen, Biber oder Fledermäuse aufspüren: Mit ausgebildeten Naturführern kann jeder solche Abenteuer in der Chiemseeregion erleben und viel über heimische Tier- und Pflanzenarten lernen. Um die Vielfalt der Führungs-Angebote zu erweitern, werden derzeit über 30 Frauen und Männer zu Naturführern ausgebildet.
Wie vielfältig Geologie, Flora und Fauna in der Region sind, lässt sich schon daran ermessen, dass die Grundausbildung über ein Jahr dauert. Erst 2019 werden die 34 künftigen Naturführer zertifiziert, erläutert Jürgen Pohl im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Er ist Vorsitzender des Vereins der Natur- und Landschaftsführer Inn/Salzach. Dessen Anfänge reichen bis zur Jahrtausendwende zurück. Damals entstand unter anderem ein Gewässerentwicklungsplan für den Chiemsee. Bestandteile waren zum Beispiel auch Naturbeobachtungsstationen rund ums Bayerische Meer. Der Hintergedanke: Durch gezielte Angebote sollen die Besucherströme in geordnete Bahnen gelenkt werden. Damals entstanden auch die ersten Naturführungen, bei deren Vermarktung die Tourismusverbände und örtlichen Büros bis heute tatkräftige Unterstützung leisten.
Bald gründeten die Spezialisten für die regionale Flora und Fauna einen Verein und entwickelten immer mehr regelmäßige Angebote. Zugpferd ist und bleibt die Deltabootsfahrt, die im Sommerhalbjahr freitags und samstags so gut wie immer ausgebucht ist. Aber auch Exkursionen wie „Die Burgherren sind zurück“ in der Nähe von Biberburgen, die „Erdgeschichtliche Zeitreise“ an der Prienmündung oder „Von Drachen und Jungfrauen – durchs Libellenparadies“ in der Eggstätt-Hemhofer Seenplatte sind feste Bestandteile des touristischen Gesamtangebots. 200 bis 300 Führungen werden jedes Jahr angeboten, die Teilnahmegebühren sind oft kaum mehr als Unkostenbeiträge.
Der Beitrag der Naturführungen zur Vielseitigkeit der Urlaubsregion ist beträchtlich. Über 60 000 Teilnehmer haben die Angebote, die unter dem Motto „Der Natur auf der Spur“ auch in einem Faltblatt zusammen gefasst sind, seit Vereinsgründung schon angenommen, weiß Christine Haslbeck, die für die Naturführer eine Statistik führt. Den kostenlosen Flyer gibt es unter anderem in allen Tourismusbüros.
Vielleicht werden bald neue Angebote ins Programm genommen, wenn die 34 Damen und Herren 2019 zertifiziert werden, die Anfang April ihre Ausbildung begonnen haben. Durchgeführt wird sie vom Verein in Eigenregie mit Unterstützung mehrerer Ämter und Behörden. Die Neuen bekommen bei regelmäßigen Terminen im Wasserwirtschaftsamt Traunstein vielfältiges Basiswissen vermittelt, zum Beispiel auch Methodik, Didaktik und rechtliche Grundlagen, erläutert Pohl. Von anerkannten Fachleuten, zum Beispiel Geologe Dr. Robert Darga vom Naturkundemuseum Siegsdorf oder Dirk Alfermann, Gebietsbetreuer Chiemsee im Auftrag der Landratsämter Rosenheim und Traunstein, bekommen die Neuen Infos zu vielfältigen Themenfeldern..
Zusätzlich geht es im Schnitt einmal pro Woche raus in die Natur. Am Sonntag Abend standen in der „Umweltpädagogischen Hütte“ an der Prienmündung Fledermäuse auf dem Stundenplan. Der Rimstinger Konrad Hollerieth, Gründungsmitglied des Naturführervereins, führt dort regelmäßig im Sommerhalbjahr abendliche Führungen an. Sein eigenes Interesse an den nächtlichen Räubern wurde einst durch eine Diplomarbeit seiner Tochter geweckt.
Früher hat Hollerieth auch Gruppen auf der Herreninsel begleitet. Dort gibt es 16 der 24 in Bayern nachgewiesenen Fledermausarten. In einer Ausstellung im Schloss können Besucher auch Livebilder aus dem Dachgeschoss sehen, wo Kolonien von Großem Mausohr, Kleiner Hufeisennase und Wimpernfledermaus ungestört ihren Nachwuchs aufziehen. Die Führungen auf der Insel hat vor einigen Jahren Jakob Nein, der Chef der Inselgärtnerei, übernommen. Aber auch an der Prienmündung geht Hollerieth das Material nicht aus. In der Hütte werden die Zuhörer in Wort, Bild und Ton eingestimmt, hören zum Beispiel Aufzeichnungen von Rufen verschiedener Arten und staunen, dass die ein oder andere für den Laien klingt wie ein Vogel.
Mit knapp 1000 Arten sind Fledermäuse die facettenreichsten Säugetiere. Funde von Versteinerungen, die bis zu 60 Millionen Jahre alt sind, belegen, dass diese Tiere lebende Fossilien sind. Die größte in der Region heimische Art, das Große Mausohr, bringt es immerhin auf eine Flügelspannweite von 40 Zentimetern. „Die Fledermaus fliegt mit den Händen und sieht mit den Ohren“, sagt Hollerieth und meint, dass sich die Hände bei diesen Tieren einst zu Flügeln weiterentwickelt haben und dass im Hirn einer Fledermaus jedes Geräusch zu einem Bild umgewandelt wird, sie sich also im Dunkeln dank Schallwellen perfekt orientieren kann. Mit viel neuem Wissen ausgestattet, verlassen die Naturführer-Lehrlinge gegen 21 Uhr die Hütte, Hollerieth mit Detektor und leistungsstarker Taschenlampe voraus. Natürlich braucht es immer auch etwas Glück, die flinken und meist geräuschlosen Insektenjäger zu Gesicht zu bekommen, aber der erfahrene Führer weiß genau, wo sie zu finden sind und beweist so: „Die im Dunkeln sieht man doch.“
Die künftigen Naturführer sind fasziniert – nicht zum ersten Mal, wie einige im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung erzählen. Von den bisherigen Ausbildungsmodulen sind beispielsweise Harry Rosenberger aus Raubling die über die Geologie und die „unvergessene“ Biberführung in Erinnerung. Carola Kahles aus Rott schwärmt besonders für alles, was mit Steinen zu tun hat. Und Nicola Bichler aus Pittenhart mag es lieber tierisch: Vögel, Biber, Fledermäuse und die interessanten Experimente bei der Deltafahrt sind ihr am meisten im Gedächtnis.
Die drei und alle andern eint die Liebe zur Natur und ihrer Heimatregion. Mit über 30 „Azubis“ scheint die Zukunft der Naturführungen im Chiemseegebiet langfristig gesichert. db