KULTUR

Bissige Analysen und unbequeme Wahrheiten

von Redaktion

Kolbermoor – Vor zwei Jahren brillierte Max Uthoff, der derzeit wohl herausragende Vertreter des politischen Kabaretts im Rosenheimer Ballhaus bei den Kleinkunsttagen. Jetzt zog es ihn wieder in die Region – diesmal nach Kolbermoor, wo er im Mareissaal sein aktuelles Programm „Moskauer Hunde“ präsentierte. Gemeinsam mit Klaus von Wagner komponiert er die ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt“ und setzt Maßstäbe in politischer Satire. Zu seinen Stilmitteln gehören weniger kurzfristige komödiantische Effekte, die Basis bilden Recherche und daher oft genug unbequeme Fakten.

Entsprechend groß war die Resonanz im ausverkauften Mareissaal, in dem Uthoff ein geschliffenes und pointiertes Programm voller bissiger Analysen auf die Bühne brachte. Standen beim „Ballhaus“-Auftritt noch die Auswüchse des Neoliberalismus von Politikerseite aus im Fokus, so waren es jetzt bevorzugt die einzelnen Bürger mit ihrem Konsumverhalten.

Mit einer Reihe packend dargebotener Beispiele hielt Uthoff dem Konsumenten den Spiegel vor, freilich auch mit Querziehern durch das politische Personal, von Finanzminister Olaf Scholz über FDP-Chef Lindner bis zu der jüngeren Generation um Kevin Kühnert und Paul Ziemiak, der sich jüngst an der 16-jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg abarbeitete. „Während sich Kinder inzwischen erwachsen verhalten, werden Erwachsene zu Kindern“, kommentierte Uthoff die Demonstrationen der jugendlichen Klimaaktivisten und die inzwischen als grotesk widerlegten und erwiesenermaßen falschen Berechnungen mancher Lungenfachärzte.

Auch die Medien bekamen ihr Fett ab: „Immer wenn es spannend wird und über Hintergründe berichtet werden müsste, ist die Sendung zu Ende“, kommentierte Uthoff mit Seitenhieben auf die Kürzung aufklärerischer Sendungen, deren Redaktionen mit Personalproblemen kämpfen.

Uthoff konfrontierte das Publikum mit unangenehmen Fakten: So seien 93 Prozent der Bürger laut Umfragen gegen Privatisierungen öffentlicher Infrastruktur, doch genau das Gegenteil sei die Praxis. Gegen einen Volksentscheid für mehr Insektenschutz sei zwar nichts einzuwenden, aber eigentlich gehe es um andere Dinge, hauptsächlich um die Verteilung von Vermögen und damit um bessere Chancen. „Die 45 reichsten Deutschen besitzen als Einzelpersonen so viel wie die bezüglich des Vermögens untere Hälfte aller Deutschen zusammen“, so Uthoff. Noch immer würde finanzieller Erfolg mit Glück gleichgesetzt, so sei man auf den als Rockmusiker aktiven Sohn erst „stolz“, wenn der seine erste CD rausgebracht hat. afr

Immer wieder gab es spontanen Beifall für einzelne Passagen. Einer der Höhepunkte war sicher der Blick auf das Reiseverhalten. Die Suche nach Glück und Zufriedenheit treibe viele in andere Länder, und deswegen reise man zunächst von A nach B, hört dann aber von einem noch schöneren C und unterwegs vom noch tolleren D – so beschleunige sich das immer schneller werdende Karussell der Touristik, die weltweit finanzstärkste Branche überhaupt. „Genuss ist nur möglich, wenn man die Folgen verdrängt“, konstatierte Uthoff mit Blick auf soziale und ökologische Folgen unseres Konsums.

Sehr deutlich wurde Uthoff, als er die Verteilung zwischen Nord und Süd mittels der Unterteilung des Mareissaals in eine Nord- und eine Südhälfte demonstrierte, die dann den Elektroschrott der Nordbewohner unter Einatmung giftiger Dämpfe recyceln darf.

Mit dem Rückgriff auf das Motto „Moskauer Hunde“ setzte Uthoff noch den markanten Schlusspunkt unter sein bissiges, sprachlich geschliffenes und hochkarätiges Programm und meinte: „Die Hunde haben irgendwann nicht mehr brav mit dem Schwanz gewedelt.“ afr

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