Prien – Johannes Dreikorn wurde 2015 sozusagen zwangsverplichtet fürs Priener Starkbierfest. Sepp Furtner, bekannt auch als Bauhofchef und Trachtler in vorderster Frost, mochte nicht mehr derblecken. Die Ratschkathl´n“, die Priener Gemeinderätin Rosi Hell und ihre Schwester Brigitte Sperger, übernahmen, wollten aber nicht jedes Jahr auf die Priener Bühne. Hell hatte dann den Verantwortlichen der Blaskapelle, die das Starkbierfest veranstaltet, quasi im Namen Dreikorns eine Zusage gegeben, ohne dass der etwas wusste. Aber er nahm es gelassen und die Herausforderung gerne an. So stand er Ende März 2015 zum ersten Mal in seiner Kutte als Bruder Johannes am Rednerpult und philosophierte unter anderem über eine „G´raffel-Wand“ im Eichental (ein umstrittenes und inzwischen längst abgebautes „Kunstwerk“) und darüber, dass „ein Kursaal ohne Wirt wie eine Kuh ohne Euter ist“, weil die Bewirtung im inzwischen in König Ludwig Saal umbenannten Veranstaltungsraum logistisch schwierig war. Lampenfieber hatte Dreikorn damals nicht, im Rampenlicht zu stehen und vor vielen Menschen zu reden ist ihm nicht fremd, ob in jungen Jahren beim Starkbierfest der katholischen Jugend, bei Einlagen beim Pfarrfasching oder in ernsterer Rolle – 15 Jahre lang als Vorsitzender des Roten Kreuzes in Bad Endorf. Und in eine Rolle zu schlüpfen fällt ihm ebenso leicht, spielt er doch seit 25 Jahren für Kinder den Nikolaus. Auf den Mund gefallen ist er außerdem nicht. „Ich halte mit meiner Meinung auch in der Freizeit nicht hinter den Berg“, räumt er unumwunden ein. Nur ein bisschen eitel ist er vielleicht. „Schreib ,der Junggebliebene’“, lacht er, als ihn die Chiemgau-Zeitung nach dem Alter fragt, dass noch recht knapp jenseits der 40 liegt. Die Chiemgau-Zeitung ist für den Fastenprediger eine der wichtigsten Quellen. „Die liegt bei uns immer auf der Eckbank“ gewährt er Einblick ins Familienleben. Er selbst, seine Frau und die Kinder (15, 18 und 22) lesen sie gleichermaßen, aber unterschiedlich, und so ergibt sich ein guter Querschnitt an Themen und Vorlagen. Aber auch seine vielfältigen Kontakte versorgen ihn mit reichlich Stoff. Der Inhaber einer Versicherungs-Generalagentur in Bad Endorf ist mehr oder weniger aktiv dabei im Trachtenverein Prien, bei der Feuerwehr, beim BRK, in der Kolpingfamilie, beim Fischerverein und beim Motorsportclub (MSC). Am Samstag, 13. April, wird er im Rampenlicht stehen, dann werden Applaus und Lacher Gradmesser dafür sein, ob er die Themen richtig ausgewählt hat und die Pointen sitzen. Jetzt sammelt er noch, auch im Gespräch in den Redaktionsräumen macht er sich ein paar Notizen, genauso wie vor ein paar Tagen beim Philosophieren mit einem Spezi abends nach dem dritten Cocktail („Caipi“) in einer angesagten Bar. Das kleine rote Notizbuch, das er immer in der Innentasche seiner Trachtenjacke hat, füllt sich mehr und mehr, aber die Manuskriptseiten sind noch blütenweiß. „Ich brauch den Druck“, hat er bei seinen beiden bisherigen Fastenpredigten gelernt. Die letzten 48 Stunden, bevor der Scheinwerfer angeht, wird er sehr intensiv an seiner Rede arbeiten – dann noch ein oder zweimal durchlesen, und dann gehts los. Dreikorn weiß auch, dass es nicht ganz einfach ist, in den König Ludwig Saal Stimmung reinzubringen., Für seinen Geschmack stehen die Tische zu weit auseinander. Der Fastenprediger ist ein Freund bayerischer Wirtshausatmosphäre. Das merkt man spätestens, als er von einem Stockturnier auf einer Asphaltstraße in der Faschingszeit in der Nähe des Simssees erzählt, und vor allem von der Atmosphäre bei der Einkehr danach beim Kirner in Hirnsberg, wo alle Generationen ungezwungen durcheinander saßen. Etwas mehr Stammtischkultur und -diskussionen würden auch Prien gut zu Gesicht stehen, findet Dreikorn, früher sei das viel mehr verbreitet gewesen. Auch die „Mutter aller Starkbierfeste“, der Nockherberg in München, ist ihm heutzutage zu hektisch, zu überdreht, mit den vielen schnellen Interviews fast schon wie eine Sportveranstaltung. Ihm fehlt das Gemütliche, das Spontane. Das findet er, wenn er sich zum Beispiel alte Nockherberg-Auftritte von Walter Sedlmayr anschaut. Bei seiner Predigt wird Bruder Johannes vor allem Priener Gegebenheiten und Besonderheiten durchleuchten, vielleicht auch über „Priener Dilemma“ philosophieren, wie er die Zwickmühle nennt, dass der Ort „für ein Dorf zu groß, aber für eine Stadt zu klein ist“. Aber Dreikorn wird auch über den Tellerrand der Marktgemeinde hinausschauen. „Die Leute wollen ja wissen, warum in Aschau alle durchdrehen“, grinst er vielsagend. Nicht jedem wird gefallen, was er zu hören bekommt, aber damit kann der Prediger umgehen. „Da bin ich schmerzbefreit.“ Und das er ein gutes Gespür dafür hat, wie weit er gehen kann und manchmal muss, hat er schon zweimal unter Beweis gestellt. Und vielleicht gelingt es ihm sogar, mit einer seiner „Visionen“, die er einbauen will, weil es daran in Prien hapere, etwas anzustoßen – gern auch etwas vermeintlich Kleines. Es muss nicht immer teuer sein. Als bald nach seiner Premiere vor vier Jahren der Polizeisteg am Forellenweg erneuert, mit Geländer und Alu-Treppe sowie Radlständer erweitert worden ist, hat ihn das sehr gefreut.