Rosenheim – Stiftungen sind ein stiller Riese in unserer Gesellschaft, sagte die evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler. Sie hielt die Festrede beim Rosenheimer Stiftertag und was sie damit meint, war, dass sich hier ein hoch effektiver caritativer Einsatz meist unbemerkt von der großen Öffentlichkeit abspielt: Von den fünfzehn Stiftungen, die von der Stadt verwaltet werden, flossen und fließen in diesem Jahr rund 470 000 Euro. Dazu kommen weitere Stiftungen, wie die Sparkassenstiftung, die Gertraud-Stumbeck-Stiftung oder die Emmy-Schuster-Holzammer-Stiftung. Allein diese drei sorgen für weitere Volumen von rund 410 000 Euro. Das soziale Leben in Rosenheim basiert zu einem nicht unwesentlichen Teil auf der Unterstützung durch die Stiftungen, die selbst aber als Gruppe nur einmal im Jahr auftreten, eben auf dem Stiftertag. Er ist nicht zuletzt als Netzwerktreffen gedacht. Als Gelegenheit, bei der sich die Mitglieder der Stiftungen untereinander aber auch mit der Zielgruppe der Stiftungstätigkeit austauschen können: Also jenen, die für die konkrete Hilfe, die sie leisten, ihrerseits Unterstützung benötigen. Aufforderung zur Nächstenliebe Den grundlegenden Gedanken für diese Zusammenarbeit fasste die Regionalbischöfin so zusammen: Der christliche Auftrag laute nicht „Geht hin und macht die Welt besser“. Er laute: Geh’ hin und kümmere Dich um Deinen Nächsten – das größere Ziel ergebe sich daraus dann ganz von selbst. In diesem Zusammenhang seien die Stifter in gleichem Maß zu würdigen wie die Mitarbeiter der Stiftungen und jene Menschen, die dank der Stiftungen tätig werden könnten: Es brauche bei allen einen sensiblen Blick, um die zu sehen, die man nach Brechts berühmtem Zitat aus der Dreigroschenoper normalerweise nicht sieht: Jene, die im Dunkeln stehen. Für die Stifter selbst sei es ein herausstechendes Merkmal, „dass sie diese Menschen nicht nur sehen, sondern in diesem Sehen eine Chance erkennen, nämlich die, selbst tätig zu werden“. Der Blick der Stifter sei dabei einer, der weit über die Grenzen des eigenen Egos hinausgehe: Stiftungen, das machte auch Dr. Helmut Schmidt, der Vorsitzende der Gertraud-Stumbeck-Stiftung in seinem Eröffnungsgrußwort deutlich, hätten verglichen mit der sonstigen Schnelllebigkeit unserer Zeit gewissermaßen fast Ewigkeitscharakter. So stamme die älteste Stiftung in Bayern, die Bürgerspitalstiftung in Wemding, aus dem Jahr 930. Wer als Stifter tätig wird, darf also nicht damit rechnen, die großen Früchte seines Tuns noch zu eigenen Lebzeiten heranreifen zu sehen. Eine Tatsache, sagte Susanne Breit-Keßler, die es aber wiederum erlaube, die Stifter in einen Zusammenhang mit jenen zu stellen, die unsere Gesellschaft nachhaltig verändert hätten. Sie nannte Mahatma Gandhi oder Mutter Theresa: der Mensch als gestaltendes Individuum sei verstorben, das Gedankengut hinter seinem Tun lebe weiter. Und in diesem Zusammenhang wird eine radikal opimistische Weltsicht verständlich, die die Regionalbischöfin vertritt: Dass es tatsächlich eine Zeit geben könnte, in der die Welt gerechter sei und es niemand mehr geben müsse, der im Dunkeln stünde. Das sei kein Sozialkitsch, sondern eine reale Möglichkeit, denn der erste Schritt auf diesem Weg sei auch dank der Stiftungen, von denen es in Deutschland 22 000 gebe und von denen immer neue gegründet würden, ja bereits gemacht. Und nicht zuletzt die Stiftungen zeigten, dass das Dreibein aus Wirtschaft, Sozialem und Kultur, auf dem unsere Gesellschaft gründe, eine durchaus tragfähige, weil widerspruchslose Konstruktion sei: „Nur wer Geld hat, kann es auch ausgeben“, sagte die Bischöfin, und ausgegeben werde es von den Stiftungen nicht nur für caritative Zwecke sondern auch für kulturelle. Könner brauchen Gönner Auch das wurde am Stiftertag deutlich, bei dem zwei Schecks über je 5000 Euro nicht nur an den Hauskrankenpflegeverein übergeben wurden, sondern auch an FitZ, die „Begabungsförderungsinitative für junge Hoffnungsträger in der Stadt Rosenheim“. Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer hatte diese Spannbreite ihrerseits in zwei kurzen Sätzen auf den Punkt gebracht: Könner – auch werdende – brauchen Gönner. Und: Es könne nicht sein, dass in einer so reichen Gesellschaft wie der unseren ein Mensch auf der Strecke bleiben müsse. Als Beispiel, wie viel Positives ein solches Denken bei den Betroffenen auslösen kann, könnte man die „ABM-Band“ der Stiftung Attl anführen. Die „Atteler Bunte Mischung“ war Teil des musikalischen Rahmenprogramms und der Refrain ihres Schlussliedes lautete optimistisch: „Gib ned auf“.