ROSENHEIM & REGION

Beim zweiten Lied ist nichts mehr peinlich

von Redaktion

Rosenheim – Singen, ohne Angst vor der Blamage: Beim Mitsing-Konzert von „Volxgesang“ ist genau das möglich. Die Veranstaltungsreihe ist bayernweit unterwegs – und kam jetzt nach Rosenheim. OVB-Redakteurin Anna Heise hat für ihre Serie „Ausprobiert und miterlebt“den Abend damit verbracht, sich die Seele aus dem Leib zu singen.

„Es gibt nur zwei Regeln, niemand singt zu laut und niemand singt zu falsch“, mit diesen Worten begrüßt Michael „Michi“ Hermann das Publikum im Gasthof Höhensteiger. Verhaltenes Lachen. Noch kann ich mir nicht vorstellen, dass hier gleich lautstark gesungen wird. Auch Hermann schaut etwas skeptisch in die Runde. Kurz stellt er sich vor. 42 Jahre, Musiklehrer, Jazz-Pianist, Leiter des Intakt Musikinstitut in Pfaffenhofen an der Ilm, und Teil der gemeinnützigen GmbH „Volxgesang“. Das Konzept ist soweit klar – jedenfalls in der Theorie. Hermann spielt die ersten Töne auf seinem Keyboard, die Liedtexte werden auf die Leinwand hinter ihm projiziert, dann steigt das Publikum ein. Fast wie Karaoke, nur eben in der Gruppe.

Die erste Strophe erscheint auf der Leinwand. Ein Klassiker von Queen. Leise singen die etwa 100 Besucher den Refrain. Auch ich murmle mit, stets darauf bedacht nicht zu viel Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Beim zweiten „We will, we will rock you“ wird es schon etwas lauter. Weiter geht’s mit dem Lied „Wenn der Maibaum wieder am Dorfplatz steht.“ Ich kenne das Lied nicht, der Rest des Publikums schon. Lautstark singen sie vom „heißen Dirndl“, dem „Wahnsinnsgefühl“ und dem „krachenden Tanzboden“. „Das war doch gar nicht so schlecht. Gutes Lied zum Warmwerden“, sagt Hermann. Es folgen „Blue Bayou“, „Morning has broken“ und „Papa wird es schon richten“. Mittlerweile singe ich lautstark mit. Überlege kurz, ob ich nicht doch eine Gesangskarriere hätte anstreben sollen. Verwerfe die Idee aber schnell wieder.

In der Pause spreche ich mit der Frau, ohne die es diesen Abend gar nicht gebe, Nicole Wagner. Die 55-Jährige besuchte vor fünf Jahren ein Mitsing-Konzert in Köln. „Ich wollte da gar nicht hingehen, die Hemmungen waren einfach zu groß. Auch weil mir in der Schule schon immer gesagt worden ist, ich soll lieber nur die Lippen bewegen“, sagt sie. Trotzdem raffte sie sich auf. Sie hatte so viel Spaß, dass sie sich auch in München auf die Suche nach einem solchen Konzept machte. Ohne Erfolg. Für Wagner stand fest, das muss sich ändern. Sie trommelt Musiker zusammen, erzählt von ihrer Idee und konnte nach und nach Leute gewinnen. Einer von ihnen: Michael Hermann.

Der stimmt im Gasthof Höhensteiger bereits den nächsten Ton an. „That’s amore“ von Dean Martin. Ein Lied, das direkt ins Herz geht. Auch die Auswahl der nächsten Songs kommt gut an. „99 Luftballons“, „Hit the road Jack“, „Fiesta Mexicana“, „Yesterday“ von den Beatles und „Ein bisschen Frieden“ von Nicole. Jedes Lied wird gefeiert, laut mitgesungen. Es wird geschunkelt, gelacht und gesummt. Die Stimmung könnte besser nicht sein. Beim „Schneewalzer“ tanzen die ersten. Nicht ich. Ich konzentriere mich lieber auf eine Sache, meinen Gesang.

Beim „Timewarp“ trifft es mich dann doch. Ich springe nach links, mache einen Schritt nach rechts, packe meine Hände an die Hüften und schiebe mein Becken nach vorne. Peinlich ist mir schon seit dem zweiten Lied nichts mehr. Und das ist ja auch irgendwie der Sinn vom „Volxgesang“. „Wenn man in der Gruppe singt, klingt man immer gut“, sagt Nicole Wagner. Michael Hermann fügt hinzu: „Singen löst ein Glücksgefühl aus. Deswegen kommen die Leute.“ Dem kann ich nur zustimmen – und nehme mir vor, auch beim nächsten Mal dabei zu sein.

Der nächste Termin ist am Donnerstag, 13. Februar 2020, im Gasthof Höhensteiger.

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