CHIEMGAU

„Er hat allweil auf Prien g’schaut“

von Redaktion

Prien – Statt Fragen und Wünsche viele Worte des Dankes, und zusätzlich zur üblichen Jahresbilanz eine Zwölf-Jahres-Bilanz: Auch wenn Jürgen Seifert noch für einige Monate Priener Bürgermeister ist, schwang der Abschied in der Bürgersammlung deutlich mit.

„Die schönsten, beeindruckendsten und wundervollsten Jahre in seinem Leben“ nannte Jürgen Seifert die vergangenen zwölf Jahre. „Demütig, dankbar und ein bisschen stolz“ sei er, in Prien Bürgermeister zu sein. Auch wenn er noch gut fünf Monate im Amt ist, stand die Bürgerversammlung im Schatten des Abschieds. Zuvor allerdings zog er Bilanz – zunächst über das fast abgelaufene Jahr (eigener Bericht folgt), dann über seine bis dato elfeinhalb Jahre an der Spitze der Marktgemeinde. Das erklärte Ziel in dieser Zeit: Dafür sorgen, dass Prien weiter so lebens- und liebenswert bleibt. Eindrucksvoll ist die Liste der Großprojekte, die mit Seifert an der Spitze der Verwaltung von 2008 bis 2019 umgesetzt wurden und in die insgesamt 72,5 Millionen Euro flossen. Den Beginn machte der Brucker Kreisel, der bislang aus Gründen des Grunderwerbs als nicht umsetzbar gegolten hatte. Im März 2010 wurde er eingeweiht, eine Million Euro kostete er. Ein Beweis, dass „öffentliche Bauten weder teurer kommen noch länger dauern müssen“, sei die Komplettsanierung der Franziska-Hager-Schule für 10,5 Millionen Euro 2009 bis 2011. Weiter erinnerte Seifert an das Hafengebäude der Stippelwerft (1,5 Millionen), den Neubau des Kindergarten Marquette (2,4 Millionen), die Erneuerung des Prienavera-Zeltdaches (1,8 Millionen), den Neubau des Bauhofs, wo seither „alles unter einem Dach“ ist (1,3 Millionen). Der Neubau des Minikreisels sei mit 120 000 Euro zwar eine kleine, aber angesichts der Verkehrssituation in der Ortsmitte wichtige Maßnahme gewesen. 900 000 Euro flossen in den vergangenen sechs Jahre in die Sanierung des Rathauses, das offen und bürgerfreundlich geworden sei – nicht nur baulich. Hier laufe mit der Sanierung des Lichthofs derzeit die letzte Maßnahme. Zuletzt nannte der Bürgermeister ein Herzensprojekt: Den Bau der Mehrgenerationen-Wohnanlage in Eglwies, wo kürzlich Richtfest gefeiert wurde. „Ein zukunftsweisendes Modell, wo miteinander, in Gemeinschaft und füreinander gelebt wird“, so Seifert über das Projekt, bei dem 25 bezahlbare Wohneinheiten entstehen. „Zahlen lügen nicht“: Gut gewirtschaftet Stolz mache es ihn, dass die enormen Investitionen getätigt und zugleich Schulden ab- statt aufgebaut wurden. „Zahlen lügen nicht…“, sprach aus Seifert der einstige Kämmerer (in Kulmbach). „…und sie zeigen, wir haben gut gewirtschaftet“, fügte er hinzu. Gerne führte er einige dieser Zahlen an: Das Haushaltsvolumen hat sich von rund 20,5 Millionen Euro im Jahr 2007 auf heuer 43 Millionen mehr als verdoppelt. 2007, so erinnerte er, habe die Gemeinde nicht einmal die vorgeschriebene Mindestzuführung an den Vermögenshaushalt geschafft, seit 2008 gelang dies jährlich, ab 2011 lag der Gewinn stets im siebenstelligen Bereich, heuer sogar bei vier Millionen Euro. Diese finanzielle Entwicklung, die er „nicht in meinen kühnsten Träumen“ erhofft habe, sei das Ergebnis der harten Arbeit und hohen Disziplin aller, die mitgearbeitet habe, so Seifert. „Geld ist wichtig, aber wichtiger sind die Menschen“, leitete er über zu großen Ereignissen seiner Priener Zeit. Die drei Gautrachtenfeste dieser Jahre werden ihm in Erinnerung bleiben, aber auch das Jahrhunderthochwasser 2013, als er während des Katastrophenfalls die Erfahrung machte: „Wenn es darauf ankommt, dann hält Prien zusammen.“ Bilanz ziehen wollte Seifert aber nicht nur über seine Erfolge. „Mein größter Fehler in zwölf Jahren Prien“ nannte er den umstrittenen Schräghang am Minikreisel. Nur ein winziger Anteil an der sonst sehr grünen Fläche Priens sei der steinerne Hang, aber ein gutes Beispiel, wie Stimmungsmache funktioniert. „Schauen sie sich den Hang in drei Jahren an, dann werden sie von den Steinen nicht mehr viel sehen“, riet er den Kritikern. Zwei Niederlagen: Die Bürgerentscheide Zwei harte Niederlagen musste Seifert in seiner Amtszeit einstecken: die Bürgerentscheide gegen das Holzheizkraftwerk 2011 – „da haben wir eine riesen Chance vergeben“ – und gegen die Jugendherberge (2018) – „mir bis heute völlig unverständlich“. Doch dies schmälere nicht die schönsten und intensivsten Jahre seines Lebens. „Eine Zeit, die mich im Wesen beeinflusst und hat reifen lassen, wie ich es mir nicht vorstellen konnte“, so der Bürgermeister. Möglich gewesen sei dies nur, weil ihn die Gemeinde „mit offenen Armen“ aufnahm und alle Aufgaben in Gemeinsamkeit angepackt wurden. „Es war mir eine Ehre vorauszugehen. Aber ohne alle, die mitgegangen sind, wäre nichts gegangen“, begann Seifert seine Worte des Dankes. Diese galten allen, die ihn in den zwölf Jahren „begleitet, gestützt und gefördert“ hatten; allen voran seinen Stellvertretern im Bürgermeisteramt, dem Gemeinderat, jedem einzelnen Mitarbeiter im Rathaus und in den Betrieben der Gemeinde sowie natürlich seiner Familie. Das Dankeschön zurück an den scheidenden Bürgermeister übernahm Zweiter Bürgermeister Hans-Jürgen Schuster. „Er hat allweil auf Prien g’schaut“, erklärte er und hob drei Punkte hervor: Seiferts besondere Affinität zu Geld, dass er Prien zusammen mit dem Gemeinderat immer weiter voranbringen wollte, und sein starker Einsatz für die Vereine. „Nachdem immer auf Prien g’schaut hast, darfst jetzt mal in den Himmi gucken“, überreichte er als Dankeschön Karten für den „Himmegugga“ im Theaterzelt Riedering. Wo sonst in einer Bürgerversammlung die Bürger das Wort ergreifen, um Wünsche und Anregungen anzubringen, trat diesmal nur ein einziger ans Mikrofon; Lothar Rechberger. Sein Anliegen: Dem Bürgermeister zu sagen, dass es schade ist „dass sie jetzt schon gehen“.

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