MANGFALLTAL

Vom Flüchtlingscamp zur Malerlehre

von Redaktion

Bad Aibling – Vor kurzem hat Richard seine Ausbildung zum Orthopädietechniker begonnen: Ein großer Erfolg für den 30-Jährigen aus dem Kongo, der 2016 alleine nach Deutschland kam. Er war zuvor schon mehrere Jahre in Europa, ohne eine Schule zu besuchen. In Prien stellte Richard mit Erfolg einen Asylantrag. 2018 erfuhr er von einer Mitarbeiterin der Diakonie vom Ausbildungsförderzentrum (AFZ) in Bad Aibling und bewarb sich.

Die Initiative stammte von einem privaten Spender, der jungen Geflüchteten den Einstieg in das Berufsleben ermöglichen wollte. Gleichzeitig sollten Betriebe in der Region bei der Suche nach Auszubildenden unterstützt werden. So wurde 2017 unter der Trägerschaft der Malteser Werke und des Diakonischen Instituts für Bildung und Soziales, das im Bad Aiblinger Ortsteil Mietraching den Dietrich-Bonhoeffer-Bildungscampus betreibt, das AFZ gegründet.

Das Programm besteht aus zwei Teilen, erklärt Leiterin Susanna Ehrensberger: Im ersten „Aktivierungsjahr“ gebe es einen wöchentlichen Wechsel von Schule und berufsorientierenden Praktika. Die Teilnehmer leben auf dem B&O-Gelände in zwei Wohngemeinschaften zusammen.

Dort haben auch Susanna Ehrensberger und Erzieherin Annette Berheide ihre Büros. Die beiden unterstützen die jungen Geflüchteten im Alltag, helfen bei Problemen in Schule und Betrieb und bieten gemeinsame Freizeit- und Ferienaktionen an.

Im zweiten Jahr beginnen die jungen Menschen im Idealfall eine Ausbildung und leben zu zweit oder dritt in kleineren Wohnungen in der Nähe.

Der Unterricht findet im Bildungscampus in kleinen Gruppen statt. Die Flüchtlinge werden sprachlich und fachlich auf den Mittelschulabschluss vorbereitet. Bei Bedarf bekommen sie zusätzlich individuellen Nachhilfeunterricht. Der beruflichen Orientierung dienen ausführliche Potenzialanalysen. Dabei erfahren die Teilnehmer, wo ihre Interessen und Stärken liegen oder wie groß ihre Konzentrations- und Sprachfähigkeit ist. Mit den Erkenntnissen gehen sie gemeinsam mit den Betreuerinnen auf die Suche nach Praktikumsstellen.

„Wir freuen uns sehr, wenn Betriebe auch auf uns zugehen und initiativ Praktikumsplätze anbieten“, sagt Ehrensberger, die mit Berheide den Betrieben eine intensive Begleitung anbietet. Sie vermitteln bei Kommunikationsschwierigkeiten, helfen mit Formularen und Förderanträgen, halten Kontakt zur Berufsschule und kümmern sich bei Bedarf um Förderunterricht.

Bisher nutzen viel mehr Männer als Frauen die Fördermaßnahme. Das liege daran, dass Männer meist alleine oder mit entfernten Verwandten in Deutschland seien, während die jungen Frauen oft mit ihren Kernfamilien hier seien und diese unterstützen müssten, weiß Ehrensberger. Anstatt sich um ihre Ausbildung zu kümmern, würden sie zum Beispiel bei Behörden und Arztbesuchen übersetzen. Eine der jungen Frauen, die dennoch den Weg ins AFZ gefunden haben, ist Dalal. Die 24-Jährige hatte in Syrien 11 Jahre lang die Schule besucht. Seit drei Jahren lebt sie mit der Mutter und zwei jüngeren Schwestern in Deutschland.

Ihr Praktikum hat sie in einer Arztpraxis in Bad Aibling absolviert und festgestellt: „Ich möchte mit Menschen arbeiten und Menschen helfen, gesund zu werden.“ Nun hat sie ihre Ausbildung bei einem Lungenfacharzt in Rosenheim begonnen. Nicht alle Teilnehmer absolvieren das gesamte Förderprogramm. Im letzten Jahrgang sind vier von elf Teilnehmern ausgestiegen, um erst einmal Geld zu verdienen und die Familien zu unterstützen. „Das ist auch in Ordnung“, erklärt Ehrensberger, „denn das Ziel des Arbeitsamts ist ja die Hinführung und Eingliederung in das Ausbildungs- und Beschäftigungssystem“. Richard aus dem Kongo ist dabeigeblieben. Nach der Bewerbung zog er im September 2018 im AFZ ein und schaffte im Sommer den Schulabschluss. Im Praktikum im Sanitätshaus „Köck & Dengl“ in Rott überzeugte er seinen Vorgesetzten und bekam einen Ausbildungsvertrag. Er wusste von Anfang an: „Orthopädietechnik war mein Wunsch, weil ich selber eine Prothese habe. Ich möchte anderen Menschen helfen, die Probleme haben“.

Sorgen macht er sich nur wegen der Berufsschule: „Deutsch ist nicht unsere Muttersprache“, gibt er zu bedenken, „aber wir versuchen es.“ Und wenn Probleme auftauchen, sind Susanna Ehrensberger und Annette Berheide weiterhin für ihn da.

Ibrahim, 24 Jahre, aus Somalia: Ich bin während des Bürgerkriegs geboren. 2009 ist die Familie mit dem Boot nach Jemen geflohen. Vier Jahre war ich in einem Flüchtlingscamp, ging zur Schule und habe als freiwilliger Hygieneberater gearbeitet. Dann brach der Bürgerkrieg im Jemen aus und ich kam alleine nach Deutschland. Ich zeichne sehr gerne, darum habe ich in München eine Ausbildung als Mediengestalter angefangen. Im Betrieb war es gut, aber es gab Probleme mit der Schule. Ich konnte noch zu wenig Deutsch. Das war Stress. Im Caritascafé in Rosenheim habe ich vom Malteser AFZ erfahren.

Ich habe im April 2018 angefangen mit der Schule und dem Praktikum und im Juli den Schulabschluss gemacht. Seit September 2018 mache ich eine Ausbildung als Maler. Ich kämpfe immer noch mit der Sprache, ich muss gut Deutsch können. Aber eine Lehrerin hat gesagt: „Du bist einer der besten.“ Sie ist sehr nett. Im Betrieb habe ich nette Mitarbeiter. Manchmal sagt der Chef „Feierabend – du musst nach Hause gehen.“ Aber wenn ich arbeite, mag ich nicht gehen.

Wahidullah, 20 Jahre, und Rahmatullah, 26 Jahre, aus Afghanistan. Rahmatullah: Wir sind seit 2015 in Deutschland und seit 2017 im AFZ. Ich habe von meiner Betreuerin davon erfahren und Wahidullah eingeladen. Wir haben uns in der Berufsschule in Bad Aibling kennengerlernt. Ich wollte Automechatroniker werden und habe eine Woche Schule und eine Woche Praktikum gemacht. Jetzt mache ich eine Ausbildung in einer Autowerkstatt auf dem B&O-Gelände. In Physik und Mathe habe ich Nachhilfe, diese Fächer hatte ich noch nicht. Ich war in Afghanistan nicht lange in der Schule und bin schon mit 13 Jahren vor den Taliban geflohen. Wahidullah: Ich mache im VW-Zentrum in Rosenheim eine Ausbildung als KfZ-Lackierer, weil ich auch in Afghanistan als Lackierer gearbeitet habe. In der Berufsschule läuft es. Wenn wir in einem Fach Nachhilfe brauchen, bekommen wir die von den Maltesern. Wir beide haben zusammen angefangen, vielleicht können wir zusammen arbeiten.

Norbert Kühnle, Inhaber des Malerbetriebs Kühnle in Bad Aibling: Ich wurde von den Maltesern gefragt, ob wir Ibrahim ein Praktikum für drei Monate anbieten würden. Ibrahim ist sehr höflich und zuvorkommend, er lernt schnell und merkt sich Arbeitsabläufe, zum Beispiel auf der Baustelle, gut. Als bei uns eine Lehrstelle frei geworden ist, haben wir ihn genommen. Er ist sehr gut integriert und jeder unserer acht Mitarbeiter freut sich, wenn er dabei ist. Auch bei den Kunden kommt er sehr gut an. Zuerst schauen sie kurz, aber dann wird er akzeptiert. Er lernt viel und hat nach dem ersten Lehrjahr im Berufsschulzeugnis bis auf eine Vier in Deutsch nur Einser und Zweier.

Zu den beiden Mitarbeiterinnen des AFZ besteht ein guter Kontakt. Sie sind immer auf dem kurzen Weg erreichbar und unterstützen den Betrieb bei Problemen oder formellen Fragen. An Weihnachten gab es eine Feier, zu der die Ausbilder eingeladen wurden. Da haben die Flüchtlinge gekocht und Plätzchen gebacken.

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