WASSERBURG & REGION

Weil die kleinen Freuden zählen

von Redaktion

Wasserburg – „Ich habe mich immer wie ein Schmarotzer gefühlt, weil ich nicht mehr arbeiten kann. Aber hier bin ich freundlich aufgenommen worden.“ So wie Willi geht es vielen Kunden der Wasserburger Tafel.

Damit die Betroffenen ein besseres Leben führen können, werden sie mit gespendeten Lebensmitteln unterstützt. „Ohne Hilfe würde ich nicht einmal meinem Enkel ein Eis kaufen können“, sagt Willi. Sein Geld ginge sonst ausschließlich für Essen und Kleidung drauf. Dabei seien die kleinen Freuden für das Selbstwertgefühl der Betroffenen so wichtig, wie der 56-Jährige sagt.

Das Konzept, nach dem alle Tafeln arbeiten, ist ursprünglich vor 30 Jahren in den USA entstanden. Dabei sollen Waren, die kurz vor Ablauf des Verfallsdatums stehen oder zu viel produziert worden sind, an bedürftige Mitbürger verteilt werden. Nachwievor wandern nämlich rund 20 Prozent der Lebensmittel aus verschiedenen Gründen in die Mülltonne. Vieles muss für viel Geld entsorgt werden, obwohl die Produkte noch gut sind.

Die Tafel-Idee hat sich 1993 auch in Deutschland durchgesetzt. Bundesweit gibt es inzwischen ungefähr 940 Tafeln. Sie verteilen grundsätzlich keinen Alkohol an ihre Kunden. Die Wasserburger Tafel gründeten auf Initiative von Elke Pawelski mehr als 20 Freiwillige im Februar 2003. Unter der Schirmherrschaft von Bürgermeister Michael Kölbl wollten sie sozial schwachen Mitbürgern die Möglichkeit geben, jeweils einmal pro Woche Nahrungsmittel zu einem symbolischen Preis zu erwerben.

Am Konzept hat sich bis heute kaum etwas geändert: Ansässige Supermärkte, Bäckereien und Metzgereien stellen ihre Produkte, die sie nicht mehr verkaufen können, gegen eine Spendenquittung der Tafel zur Verfügung. Abholen muss das ausschließlich ehrenamtliche Team der Wasserburger Tafel die Produkte aber selbst. Hierfür kommt der Kühlwagen zum Einsatz, der mit Spendengeldern finanziert werden konnte. Immer montags wird damit in Wasserburg und Umgebung gesammelt.

Die Tafeln tauschen untereinander ihre Lebensmittel und schaffen so ein vielfältigeres Angebot. Je nachdem welche Lebensmittel zur Verfügung gestellt werden, verteilen die Ehrenamtlichen ab und zu auch Lebensmittel, die sie sich selbst nur selten leisten würden, und berücksichtigen kleine Wünsche.

Bevor die Tafel jeden Dienstag von 10 Uhr bis 12 Uhr die Türen öffnen kann, ist der Großteil der 30 Helferinnen und Helfer mit dem Sortieren und Einräumen der Waren beschäftigt. Danach bedienen sie ungefähr 90 Kunden.

150 Personen – Tendenz steigend – sind derzeit bei der Wasserburger Tafel mit einem Ausweis als bedürftig registriert. Der Grad der Bedürftigkeit wird nach speziellen Einkommensgrenzen festgelegt und regelmäßig überprüft. Die meisten Kunden der Tafel sind Rentnerinnen und Rentner, oder Alleinerziehende.

Willi ist aus einem anderen Grund bei der Tafel. Nach seinem Maschinenbau- Studium arbeitete er selbstständig. Als Alkoholiker hat er innerhalb von 40 Jahren „ein Vermögen versoffen“. Der 56-Jährige leidet zusätzlich an Epilepsie. Seitdem er nicht mehr erwerbsfähig ist, lebt er vom Mindestsatz. Die Wasserburger Tafel unterstützt ihn nun seit zweieinhalb Jahren. Er schätzt besonders, dass ihn die Helfer „nicht von oben herab behandeln“.

Die Gespräche und den Kundenkontakt in dieser Form aufrecht zu erhalten, ist auch dem neuen Führungsduo ein Anliegen: Nach 16 Jahren übernehmen Jeanette Kampshoff und Renate Steinbichler die Verantwortung von Elke Pawelski, die im Sommer umgezogen ist. Die beiden haben vorher schon im Team mitgearbeitet und wollen die Einrichtung ohne große Veränderungen weiterführen. Das Personal bleibt gleich.

Die Leitungsaufgaben teilen sich die beiden, damit sie wie früher mitarbeiten können. Denn derzeit sind sie optimal ausgelastet. Bei mehr Nachfrage „müssten wir einen zusätzlichen Tag einrichten. Das wäre ehrenamtlich nicht möglich.“ Die Dankbarkeit in den Augen der Kunde zu sehen, ist der schönste Lohn.

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