Mühldorf – Der Welt-Aids-Tag am 1. Dezember will Solidarität mit Menschen mit HIV und AIDS fördern und Diskriminierung entgegenwirken. Er erinnert zudem an die Menschen, die an den Folgen der Infektion verstorben sind. Und er ruft dazu auf, weltweit Zugang für alle zu Prävention und Versorgung zu schaffen.
Das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlichte jetzt die neuesten Zahlen zu HIV und AIDS. So lebten Schätzungen zufolge Ende 2018 rund 87 900 Menschen mit HIV in Deutschland. Die Zahl der HIV-Neuinfektionen ist mit 2400 im Jahr 2018 gegenüber dem Vorjahr (2500) gesunken. Rund 10 600 Menschen in Deutschland wissen jedoch nichts von ihrer HIV-Infektion, so das RKI. OVB-Autorin Bettina Niederschweiberer hat am Landratsamt Mühldorf einen Aids-Test gemacht.
Abteilung Gesundheitswesen: Ärztin Doktor Cornelia Erat und Sozialpädagogin Bianca Ott warten bereits. Meinen Namen sage ich nicht. Auch den Termin für den Test konnte ich anonym vereinbaren. Das Gesundheitsamt legt größten Wert auf Diskretion.
Die beiden Frauen bitten mich in das Beratungszimmer und setzen sich mir gegenüber. Üblicherweise ist Doktor Erat nur bei der Blutabnahme anwesend. Doch diesmal bleibt sie, um meine Fragen zu beantworten. Fragen zu HIV, dem „Human Immunodeficiency Virus“ – übersetzt: „menschliches Abwehrschwäche-Virus“.
Einiges, über das Erat mich aufklärt, ist mir bereits bekannt: Das HI-Virus befällt Zellen des körpereigenen Immunsystems. „Man erkrankt also an allem leichter und auch eine für uns normalerweise harmlose Grippe kann dann lebensbedrohlich sein“, sagt Dr. Erat. Von Aids, dem „erworbenen Abwehrschwächesyndrom“, spricht man erst dann, wenn gefährliche Krankheiten auftreten.
HIV kann nur übertragen werden, wenn eine ausreichende Menge an Viren auf Schleimhäute gelangen, auf offene Hautstellen treffen oder direkt in die Blutbahn gelangen. Eine Übertragung kann also durch ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einem unbehandelten HIV-Infizierten geschehen. Aber auch beim gemeinsamen Gebrauch von Spritzen, etwa bei Drogenkonsumenten.
Wie präsent der Virus ist, vor allem im Landkreis Mühldorf, kann Dr. Erat nur schätzen. Genaue Zahlen kennt die Ärztin nur deutschlandweit. „Sicher leben auch in den ländlicheren Regionen Infizierte. Ein großes Zentrum ist München.“ Sie warnt davor, die Infektionskrankheit auf die leichte Schulter zu nehmen: „Eine Ansteckungsgefahr besteht grundsätzlich immer und Kontakt hat man überall – sei es beim Urlaubsflirt, beim Partnerwechsel oder beim Tauschen von Nadeln.“
Hat sich das Bewusstsein zu der Krankheit geändert? Steckt die Angst vor einer Ansteckung in den Kopf? Sind die Menschen genug aufgeklärt? Nach Erats Einschätzung gehen die Menschen heute sorgloser mit der Gefahr um als in den Achtzigerjahren. Den Grund sieht Pädagogin Ott darin, dass „das Virus von außen nicht mehr sichtbar ist.“ Damals waren noch keine medizinischen Mittel erforscht, das HI-Virus galt als Todesurteil. „Da hat man den Menschen die Folgekrankheiten angesehen.“
Im Laufe der Zeit habe sich das Krankheitsbild aber deutlich geändert. HIV ist nun gut behandelbar. Die Voraussetzung dafür ist aber ein zeitnaher HIV-Test nach einem Risikokontakt. Medikamente können dem Patienten durch seine aktive Mitarbeit und Zuverlässigkeit ein langes Leben ermöglichen und auch eine Ansteckung ausschließen. Im Klartext: Der Träger des HI-Virus kann eine ganz normale Partnerschaft eingehen, heiraten und Kinder kriegen. Einer Studie zufolge können Medikamente die Viruslast im Körper so stark reduzieren, dass eine Ansteckung nicht mehr möglich ist.
Die Einnahme bestimmter HIV-Medikamente kann die Übertragung des Virus auf Sexualpartner verhindern. „Wichtig ist, dass man die Medikamente immer nimmt, ansonsten kann sich das Virus anpassen“, betont Ott.
Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts seien besonders homosexuelle Paare gefährdet. „Man kann sich gut davor schützen. Kondome schützen vor einer sexuellen Übertragung. Den Tausch von Spritzen kann man natürlich auch vermeiden“, so Erat.
Jetzt steht der HIV-Test an. Aufregung? Nein, ich zähle mich nicht zu den Risikopatienten, für mich ist es nur ein kleiner Piks in den Arm, um Blut abzunehmen. Den Test bietet das Gesundheitsamt kostenlos und anonym an.
Wichtig: Ein Test sollte dann gemacht werden, wenn ein Risikokontakt stattgefunden hat. Aber nicht gleich. Man sollte rund sechs Wochen warten. Sozialpädagogin Bianca erklärt auch warum: „Der Test zeigt, wie der Körper mit dem vielleicht vorhandenen Virus reagiert hat. Um das messen zu können, braucht es ein paar Wochen, bis das Immunsystem reagiert.“ Ott klärt mit mir also zuerst ab, ob ein Risikokontakt stattgefunden hat und ob diese sechs Wochen bereits vorüber sind. Eine Reihe von Fragen zum Sexualleben und Drogenkonsum folgen, alle Angaben notiert sie in ihren Unterlagen. Das war’s dann auch schon. Am Ende erhalte ich einen Zettel mit einem Code. Nur mit diesem kann ich später mein Ergebnis einsehen.
Anschließend bittet mich Dr. Erat in ein Behandlungszimmer zur Blutabnahme. „Wir schicken die Probe ans Robert-Koch-Institut. Nach drei bis fünf Werktagen kann man das Ergebnis ausschließlich persönlich und nur mit dem erhaltenen Code erfahren.“
Hat man das Virus nicht in sich, fällt er negativ aus. Positiv bedeutet, der Körper hat sich mit dem vorhandenen Virus auseinandergesetzt. Ein zweiter Bestätigungstest schließt Fehler aus.
Zugegeben: Ich habe ein mulmiges Gefühl, als ich mir das Ergebnis persönlich abhole. Auch wenn ich mir sicher bin, gesund zu sein, bin ich nicht entspannt. Man setzt sich mit der Krankheit auseinander, informiert sich, macht sich Gedanken. Dann endlich das Ergebnis, das mich aus der Grübelei reißt: negativ.
Doch was passiert, wenn das Ergebnis positiv ausfällt? Patient und behandelnder Arzt sprechen dann über weitere Schritte zur Behandlung. „Der Patient wird natürlich nicht alleine gelassen“, erklärt Dr. Erat. „Man geht zusammen den Weg“.
Die Ärzte versuchen grundsätzlich, ihr „90-90-90-Ziel“ zu erreichen. Das heißt: 90 Prozent der Infizierten sollen möglichst schnell von ihrer Infektion wissen. 90 Prozent der Infizierten sollen dann zeitnah behandelt werden. Und die letzten 90 Prozent stellen die Personen dar, die mit einer optimalen Behandlung nicht mehr ansteckend für andere sind. Erat fügt hinzu: „100 Prozent als Ziel, das wäre eine Utopie. Wir wollen realistisch denken.“