Prien – Die „Badende“ vor dem Eingang des Erlebnisbades Prienavera, „Begegnungen“ im Brunnenensemble vor dem Priener Rathaus, oder der 14-teilige, hochformatige Kreuzweg in der Kirche St. Klara in München-Zamdorf – nicht nur mit diesen Arbeiten ist sie im öffentlichen Raum wahrnehmbar: Marianne Lüdicke (1919 – 2012), die Grande Dame der Chiemgauer Nachkriegs-Künstlerlandschaft. Am 18. Oktober wäre sie 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass würdigt die Marktgemeinde Prien die Künstlerin mit der Gedächtnisausstellung „Die andere Marianne Lüdicke“ im Heimatmuseum mit teilweise noch nie gezeigten frühen Arbeiten und Zeichnungen aus Jahren von 1940 bis 1960.
Die Bildhauerin zählt zu den wenigen regionalen Künstlern, die mit ihrem Werkkomplex weit über die Grenzen des Chiemgaus hinaus bekannt sind. Nicht zuletzt durch ihre rege Ausstellungstätigkeit unter anderem in Köln, Berlin und Hamburg. Ein großer Teil ihrer Werke ging nach ihrem Tod in den Besitz der Marktgemeinde Prien über. „In Begegnungen ist Marianne Lüdicke auf uns zugegangen, in Begegnungen haben wir sie kennen und schätzen gelernt, und es sind Begegnungen, die wir in ihrem Sinne weiterführen – wie mit dieser Ausstellung“, sagte Bürgermeister Jürgen Seifert in seiner Eröffnungsrede vor den vielen Besuchern, die sich im Eingangsbereich und den angrenzenden Räumen des Heimatmuseums drängten. „Welchen Weg sie einst gehen wird, lässt sich heute noch nicht absehen. Aber dass sie ein Talent ist, ist offenkundig. Sie verdient, im Auge behalten zu werden“, zitierte Seifert aus einem Bericht der OVB-Heimatzeitungen von 1948. „Wir wissen heute, welchen Weg Marianne Lüdicke gegangen ist. Einen Weg, der nicht nur ihrer großartigen Kunst gewidmet war. Es war auch ein Weg der Mitmenschlichkeit, Offenheit, Liebenswürdigkeit und positiver Lebensausstrahlung.“ Geboren in Frankfurt am Main verbrachte Lüdicke ihre Kindheit in Kronberg im Taunus.
Nach dem Abitur besuchte sie die Kunstschule von Wilhelm Georg Maxon in München, von 1939 bis 1944 studierte sie an der Akademie der Bildenden Künste in München; Anfang der 1940er Jahre kam sie über ihren Malerfreund Maxon nach Weisham bei Bernau. In dem Ort lebte und arbeitete sie schließlich über 70 Jahre als freischaffende Bildhauerin. Eine langjährige Freundschaft mit der Künstlerin pflegte Karl J. Aß, Kreisheimatpfleger, Kulturbeauftragter der Marktgemeinde Prien und Leiter des Heimatmuseums. Wie er in seiner Einführung zur Ausstellung bekannte, war es aber nicht eine Freundschaft im üblichen Sinne. „Es gab bei den Begegnungen mit Marianne Lüdicke immer eine Distanz, die sie sich bei all ihren Freunden trotz ihrer Offenheit und positiven Lebenseinstellung bewahrte.“ Diese Distanz und Kühle durchziehe letztlich auch ihre künstlerische Arbeit. Ihr Werkkomplex lasse sich in drei Abschnitte teilen. Zum einen die frühen Terrakotta-Arbeiten der Jahre 1940 bis 1950, danach entstanden in einer zweiten Werksphase rund 100 Zementgüsse, zumeist Unikate, in denen die Künstlerin schon ihren eigenen Stil gefunden hatte. Aß: „Gerade diese Steingüsse zählen zu den besten Arbeiten Marianne Lüdickes; sie wurden in der Kunstliteratur ausgesprochen wohlwollend besprochen.“
Erst die dritte Werkphase ab 1965 zeige sie als große Bronzeplastikerin, „so, wie wir sie heute kennen“. Es sei erstaunlich, dass sie nicht sofort an ihre ersten Erfolge aus den 50er- und 60er-Jahren anschließen konnte, so Aß weiter. „Ihr weiterer Weg war zunächst ein steiniger; erst in den 80er-Jahre hat sich ihre finanzielle Situation mit dem Verkauf ihrer Arbeiten – vor allem Bronzeskulpturen – verbessert.“ Aß verwies in diesem Zusammenhang auf das Bändchen „Erinnerungen“, die Dokumentation eines schweren Lebensweges. „Ein Kunstwerk, das seinen Ursprung nicht in Empfindungen hat, ist keine Kunst“ – dieser Spruch eines Unbekannten reflektieren nach Ansicht Aß’ treffend die Werke der Bildhauerin. „Sie haben ihren Ursprung in Empfindungen und deshalb werden sie auch bestehen.“