Wasserburg – Eigentlich tagt der Wasserburger Bauausschuss in der kleinen Ratsstube. Doch heute, 18 Uhr, weicht das Gremium des Stadtrates in den großen Sitzungssaal aus, denn es wird mit einem Besucherandrang gerechnet. Das Thema, das die Bürger bewegt: die Verkehrsberuhigung in der Altstadt. Nach dem fehlgeschlagenen Lösungsversuch im Juli hatte der Stadtrat sich und den vielen Interessengruppen eine Pause zum erneuten Nachdenken verordnet. Die Wasserburger erhielten eine weitere Chance, sich mit Vorschlägen in die Debatte einzubringen. Auch die Fraktionen bekamen als Hausaufgabe mit, noch einmal Lösungsansätze auszutüfteln. Die Verkehrsplaner wurden beauftragt, unter anderem den Vorschlag des Wirtschaftsförderungsverbandes, der kurz vor der Julisitzung eingegangen war, zu begutachten. Auch die Polizei sollte noch einmal Stellung nehmen. Ursprünglich war für Mitte September eine erneute Beratung im Bauausschuss vereinbart worden. Dieser Termin konnte jedoch aufgrund aktueller Ereignisse nicht eingehalten werden. Unter war die Tektur für die Planungen zur Aufhebung des Bahnübergangs Reitmehring dazwischen gekommen. Heute ist es nun endlich soweit: Der Bauausschuss steigt um 18 Uhr wieder in die Diskussion ein. Die Sondersitzung des Gremiums beginnt mit einer Präsentation des Planungsbüros. Es wird noch einmal die Ausgangslage der Diskussion um die Verkehrsberuhigung und den Verlauf der bisherigen Debatte darstellen sowie den Status quo beleuchten, teilt Stadtbaumeisterin Mechthild Herrmann auf Anfrage zum geplanten Verlauf der Sitzung mit. Außerdem werden die Daten einer weiteren Verkehrszählung, die im Oktober stattfand, vorgestellt. Die Wasserburger haben die Chance genutzt, sich noch einmal einzubringen: 23 Stellungnahmen von Bürgern mit Vorschlägen und Lösungsansätzen liegen der Stadt laut Herrmann vor – einige davon verfasst von Gruppierungen, die die Interessen von mehreren Einwohnern vertreten. Unter anderem hat der Verein „Rio konkret“ die Ergebnisse eines Streetcafes zum Thema Verkehrsberuhigung in der Altstadt eingebracht. Auch der Wirtschaftsförderungsverband hat sich erneut mit einer Stellungnahme zu Wort gemeldet. Die Stadtverwaltung geht ergebnisoffen in die Sondersitzung, teilt Herrmann mit. Einen Beschlussvorschlag für den Ausschuss gibt es nicht. Offen ist deshalb noch die Frage, ob es zu einer Vorentscheidung kommt. Das letzte Wort hat der Stadtrat. Der möchte das heiße Eisen Verkehrsberuhigung eigentlich gerne vor der Kommunalwahl vom Tisch haben. Denn seit der Juli-Sitzung des Stadtrates ist die Debatte um die Verkehrsberuhigung munter weiter gegangen. Damals hatte das Gremium eine beschlossene Verkehrsregelung auf Probe (Poller in der Schustergasse mit Aufhebung der Einbahnstraße in der Färber- und in der Herrengasse) wieder gekippt. Denn ein Fahrversuch mit der Polizei hatte aufgezeigt, dass ein Wendemanöver für Zulieferfahrzeuge in der Färbergasse/Schustergasse bei dieser Lösung nicht möglich ist. Vor der Sitzung war ein Schreiben des Wirtschaftsförderungsverbandes (WFV) eingegangen, der einen neuen Vorschlag einbrachte: Beschränkung des Verkehrs in der Hofstatt auf Anwohner samstags von 12 bis 24 Uhr, Umkehr der Einbahnregelung in der Gerblgasse von stadtauswärts frei auf stadteinwärts frei, Kennzeichnung von acht Kurzzeitparkplätze in der Färbergasse und in der Ledererzeile. Es folgte eine emotionale Debatte im Stadtrat, in der sich der WFV aufgrund der Terminierung seines Lösungsvorschlags, der kurz vor der Sitzung eingetroffen war, und aufgrund von Missverständnissen rund um eine angebliche Einigung mit der Initiatorin einer Unterschriftenaktion für eine autofreie Hofstatt zu Unrecht an den Pranger gestellt fühlte. Verbale Attacken, Vorwürfe, Stellungnahmen und Gegenstellungnahmen, Unterschriftenlisten pro und contra diverser Lösungsvorschläge sowie Leserbriefe heizten den ganzen Sommer hindurch die Diskussion um die Verkehrsberuhigung in der Altstadt immer wieder an. Heute soll nun endlich ein Kompromiss gefunden werden, der den schwierigen verkehrsrechtlichen Anforderungen gerecht wird – und den Bürgern, die eine möglichst autofreie Altstadt wünschen, sowie den Geschäftsleuten, die die Erreichbarkeit ihrer Läden aufrecht erhalten wollen.