Rosenheim – Man muss nicht selber malen oder zeichnen können, um Kunst genießen zu können. Eine gewisse Veranlagung aber schadet nicht: die Fähigkeit etwa, sich überrumpeln, verrücken und verunsichern zu lassen. Diese Gabe wähnt der Kunstverein Rosenheim auf dem Rückzug. Womöglich nicht mal zu Unrecht, angesichts der Bilder-, Lichter-, Lärm- und Ereignisflut der Gegenwart. Es droht die Abstumpfung, und dem setzt der Kunstverein Rosenheim seine Mitgliederausstellung entgegen. Das Motto lautet „surprise, surprise“. also „Überraschung!“, freudig auf der dritten Silbe zu betonen, eine Störung im besten Sinne. Um es vorwegzunehmen: Die Überraschung ist dem Kunstverein insgesamt gelungen, durch Farbe und Form, durch Inhalt und vor allem Vielfalt. In aller Stille, das Grelle sucht man vergebens, ebenso den Tabubruch; es ist eine Schau weitgehend ohne flache Wort-Bild-Witze, ein Vorzug, den nicht jede Ausstellung eines Kunstvereins besitzt. Das Besondere im Alltäglichen, die Geschichte im Unauffälligen: Am augenfälligsten führt das vielleicht Heidemarie Hauser in ihrer Fotografie auf Alu-Dibond vor. Zu sehen ist eine leicht von Schnee überzuckerte Szene, winterlicher Wald, davor eine Hofeinfahrt und die Rückfront dessen, was man lieblos als landwirtschaftliche Produktionsstätte bezeichnen möchte. Die Szene beherrscht allerdings ein Herd, der funktionslos am Wegesrand steht, ein altertümlicher emaillierter Kasten, den man sich als früheren Mittelpunkt und nunmehr einzigen Überrest eines Hofes vorstellen kann – was die Umgebung nochmals seelenloser wirken lässt. Oder Christine Fricks Schwarzweißfotografien, die zunächst wie abstrakte Arbeiten wirken, bevor man auch in ihnen ganz Normales erkennt: den Tanz von Schneeflocken im Lichtkegeleiner Straßenlaterne; das Wellenmuster einer Gardine vor dem Licht- und Schattengitter eines Rollos. Die Poesie einer vom elektrischen Strom getrennten Märklin-Landschaft entfalten die Gouachen von Gerhard Prokop: Autobahn und Bahnhof aus der Zentralperspektive, rasend belebte Orte wie eingefroren, ohne Menschen, Züge oder Autos. Da entwickelt das Nüchterne surreale Züge, es braucht ein paar Sekunden, bis man im Alltäglichsten den Ausnahmezustand erkennt. Ein ungewöhnliches und in seiner meditativen Qualität packendes Bild hat Sieglinde Berndt mit „Maria im Berg“ geschaffen. Bar eines Rahmens wirkt die Leinwand wie ein Zeichen auf der Wand, eine rätselhafte Kombination aus Landschaftsmalerei und Altarbild. Eine fünfköpfige Jury hat aus einer Vielzahl von Arbeiten 87 Werke ausgewählt. Künstlerinnen sind deutlich in der Überzahl, ein Trend lässt sich ansonsten nicht ablesen, wie auch aktuelle Themen sich nicht erkennbar niedergeschlagen haben. Kein Klimawandel, keine #metoo-Debatte, keine Migrationsdiskussion, in der Kunstmühle an der Klepperstraße gilt‘s der Kunst. Die weitgehende Abwesenheit von Tagesaktualität erweist sich aber als Vorzug dieser Ausstellung, die insgesamt, also mit Titel und der Vielzahl der Werke, eine grundsätzliche Frage stellt: Kann Kunst den einen zum Staunen bringen, der alles gesehen zu haben meint: den übersättigten Menschen der Gegenwart? Man lernt im spartanisch anmutenden Dachgeschoss der Kunstmühle, dass sich der Wettbewerb des immer Krasser-Seins womöglich dem Ende zuneigt. Kunst kann nicht immer überwältigen. Vielmehr ist es wichtig, die eingangs erwähnte Fähigkeit wiederzubeleben. Denn Staunen ist nicht die Entgleisung der Gesichtszüge, so wie sie die Ü–Eier-Köpfe von Uta Beckert am Eingang aufs Korn nehmen. Die Plastik, gekonnte Parodie auf die drei Affen, ist als eine der wenigen Karikaturen dieser Ausstellung ein ironischer Kommentar zum Ausstellungsmotto. Die Mehrheit der anderen Arbeiten belässt die Überraschung als intime Angelegenheit: als Saat der Erkenntnis tief in den Gedanken der Betrachter.