Bad Aibling – Gar keine Lust hatte sie am Anfang. „Keine Lust auf gar nichts“, gesteht Celia (Namen von der Redaktion geändert) leise und schaut in den Boden. Die 13-Jährige wiegt zu viel für ihre Größe und ihr Alter und hat sich nur widerwillig zum „Big Friends“-Programm des Vereins Lufti-Team für übergewichtige und adipöse Kinder angemeldet. Ein Jahr lang jede Woche einmal zum Sport und zum Ernährungsprogramm oder zur psychosozialen Schulung, Gruppenaktionen und dann auch noch die gesündere Lebensweise in den Alltag integrieren – das hatte so gar keinen Reiz für den Teenager.
Doch seit Februar hält sie tapfer durch – und kann dem Programm mittlerweile positive Seiten abgewinnen: Sie hat etwas abgenommen, neue Bekanntschaften geschlossen und hat sich auch beim Konsum von zuckerhaltigen Lebensmitteln viel besser im Griff. Damit ist sie nicht allein im aktuellen Kursjahrgang. „Diesmal haben wir eine ausgesprochen erfolgreiche Gruppe. Jeder hat bis hierhin schon viel geschafft“, stellen Organisatorin und Sportlehrerin Gaby Mayer sowie Ernährungswissenschaftlerin Bettina Kuba fest.
Richtig glücklich berichtet Sabrina (16) davon, wie sich ihr Leben seit Kursstart verändert hat. Auf „Big Friends“ aufmerksam geworden ist sie über einen Zeitungsbericht in den OVB-Heimatzeitungen, in dem die elfjährige Teilnehmerin Lilly über ihre Erfahrungen aus dem vorherigen Jahrgang berichtet hatte.
Dieses Mal ist sie selbst am Start. „Ich habe gut zehn Kilo abgenommen, bin psychisch motivierter. Das Beste: Ich habe dabei auf nichts verzichtet. Alles fühlt sich jetzt einfach leichter an und macht Spaß. Alleine hätte ich das sicher nicht geschafft“, ist die 16-Jährige überzeugt. Vor allem, als es zwischendrin schwerer wurde: „Am Anfang geht es noch schnell mit dem Gewichtsverlust, aber irgendwann stagniert es. Da darf man nicht aufgeben und da hat mich die Gruppe jedes Mal wieder motiviert. Aber auch meine Familie unterstützt mich sehr.“
Das „Schönste“ sei, das bestätigen die Mitglieder der Gemeinschaft, „dass wir alle das gleiche Problem haben. Wir helfen uns gegenseitig. Wir lernen, mit Stress und Frust umzugehen und dann eben nicht zu essen, sondern stattdessen entspannende Musik zu hören, rauszugehen oder eben auch darüber zu reden.“ Sabrina hat bei „Big Friends“ sogar eine Freundin gefunden, mit der sie auch schon zu Hause einmal das Gelernte in der Küche umgesetzt hat: „Wir haben eine ,gesunde Pizza‘ gebacken: Als Boden haben wir einen Wrap genommen und mit Gemüse, das uns schmeckt, belegt. Das ist richtig gut geworden.“
Auch Miri (17) hat zuhause experimentiert. „Aber mein Smoothie ist mir nicht so gelungen. Er hat überhaupt nicht so gut geschmeckt wie der, den wir im Kurs zubereitet haben. Das probiere ich nochmal“, lacht sie. Sie ist der Sonnenschein in der Gruppe, steckt die anderen an, motiviert sie. „Das merken sie oft gar nicht so, aber wenn sie dann nach den Treffen zur Tür rausgehen, sind sie dann wieder gut drauf.“
Gut drauf ist mittlerweile auch Adnan. Vor allem aber nimmt er die Bedeutung eines gesünderen Lebens endlich ernst. „Ich habe das am Anfang nicht verstanden, als meine Eltern und mein Arzt gesagt haben, dass ich zu der Gruppe gehen soll, weil meine Blutwerte viel zu schlecht waren, ich Schilddrüsenunterfunktion habe und ich abnehmen sollte. Ich habe mich da echt beleidigt gefühlt.“
Erst als der Arzt ihm eine ganze Liste „heruntergerattert“ habe, was die Folgen sein können – vom Schlaganfall bis zum Erblinden –, habe er dann doch angefangen, auf das Gewicht zu achten. Wie er das gemacht hat? „Ich hab‘ eigentlich nichts Besonderes weggelassen, einfach die Essensmenge reduziert.“ Mit welchem Resultat? „Ich habe abgenommen, schwitze nicht mehr andauernd und bin auch nicht mehr so schnell aus der Puste. Meine Werte sind viel besser geworden. Jetzt bin ich einfach nur noch dankbar, dass ich hier bin.“ Die 15-jährige Steffi hat neben gesundheitlichen Erfolgen noch andere positive Erfahrungen gemacht. „Ich bin stur, war immer total auf Basketball fixiert. Aber hier in der Gruppe machen wir immer was anderes – auch Federball, Frisbee, Handball, Fußball. Jetzt möchte ich gerne noch Zumba ausprobieren.“
Sogar in den Ferien haben sich einige zu Unternehmungen getroffen. Möglicherweise bleibt das auch so. Am Ball bleiben wollen sie alle – auch nach dem Kurs. „Wir haben so viel geschafft, das setzt man nicht aufs Spiel. Sonst sind wir ja wieder da, wo wir am Anfang waren.“ Nicht immer gelingt das, weiß das Lufti-Team: „Circa ein Drittel verliert noch Gewicht und tendiert in den Jahren nach Kursende dauerhaft in Richtung Normalgewicht, ein weiteres Drittel nimmt zumindest nicht mehr zu und ein Drittel ist nicht so erfolgreich.“
Und wie sieht es über die kursfreie Weihnachtszeit aus? „Das ist bei vielen eine ,kritische‘ Zeit, gerade wenn es an den Feiertagen traditionell viel Essen gibt. Da heißt es dann schauen, wer innerhalb der Familie einen unterstützen kann. Viel rausgehen, Dinge tun, die Spaß machen. Verinnerlichen, dass die Feiertage nicht nur aus Essen bestehen“, sagt Bettina Kuba. Da sei der Kontakt zu den Eltern enorm wichtig, betont Gaby Mayer. „Wir brauchen die Unterstützung der ganzen Familie für die Dauer des Programms und auch in der zweijährigen Nachbetreuungsphase mit Treffen in größeren Abständen.“
Seine Philosophie fasst der Verein „Lufti-Team“ so zusammen: „Ob Asthma, Anaphylaxie, Neurodermitis oder starkes Übergewicht/Adipositas: Wir glauben an Hilfe zur Selbsthilfe. Wir machen Sie und Ihr Kind zu Experten. Dazu arbeiten wir immer in einem interdisziplinären Team, um nicht nur Wissen, sondern auch Handlungskompetenzen zu vermitteln und den Austausch zu fördern.“ Die vier Säulen des „Big Friends“-Programms sind Medizin (Dr. Thomas Nowotny), Sport (Gaby Mayer, die auch die Organisation übernimmt), Ernährung (Bettina Kuba) und Pädagogik (Verena Siedow). Die Experten schulen und begleiten Kinder ab zehn Jahren und Jugendliche, „die es dick haben, zu dick zu sein“, und holen auch die Familien mit ins Boot. Mit Mannschafts- und Individualsport, Ausdauer-, Beweglichkeits- und Krafttraining sowie kleinen Spielen und Exkursionen kommt die Bewegung nicht zu kurz. Darüber hinaus gibt es Tipps zur Freizeitgestaltung, Gespräche und Hilfe zur Selbsthilfe. Infos dazu gibt es auch online unter www.lufti-team.de.