Angst vor Herbstdepression

von Redaktion

Rosenheim/Rohrdorf – Der schönste Tag im Leben zweier Menschen ist ein wichtiger Tag auch für Wirte. 25,30 Hochzeiten richte sein Hotel in einem normalen Jahr aus, sagt Martin Kupferschmied vom Happinger Hof in Rosenheim. Und jetzt? „Zwei Hochzeiten noch, der Rest ist storniert.“ Wegen der Obergrenze für Gäste. Kupferschmied seufzt. Corona setzt den Wirten und Hoteliers in der Region zu. Nicht mehr so schlimm wie in März, April und Mai, als erst mal alles dicht bleiben musste, aber immer noch so heftig, dass von halbwegs normalen Zuständen bis auf weiteres nicht die Rede sein kann. 2020 wird als Tiefpunkt in die Geschichte vieler Betriebe auch in der Region eingehen.

Dabei gibt es ein deutliches Land-Stadt-Gefälle. Hotels, Pensionen und Gastwirtschaften auf dem Land kamen halbwegs glimpflich davon. Nach den zwei Monaten des Lockdowns konnten sie im Sommer Boden gutmachen. „In der Ferienzeit in Juli und August haben Hotellerie und Gastronomie besser als erwartet abgeschnitten“, berichtet Thomas Geppert aus Bad Aibling, Geschäftsführer des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands. Die Werbe-Arbeit von Gemeinden und Verband habe sich ausgezahlt und teilweise ausgeglichen, was durch das Fortbleiben ausländischer Gäste verloren gegangen sei. „Manche kommen in Juli und August sogar an ihre Vorjahreszahlen heran und verzeichnen eine Belegung von 60, 70 Prozent.“

Positiv äußert sich auch Christina Pfaffinger von der Chiemsee-Alpenland Tourismus GmbH. „Im Bereich der klassischen Urlaubsübernachtungen liefen die Monate Juli und August sehr gut, in unserem Chiemsee-Alpenland Infocenter hatten wir im Juli sogar Anfragerekorde.“ „Juli und August waren für viele sehr gut, auch für uns“, sagt Theresa Albrecht vom Hotel zur Post in Rohrdorf, Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands. Aber: Betriebe, die auf Veranstaltungen, Geschäftsreisen, Gruppen, Tagungen und auch Gesundheit bauen, verzeichnen noch immer Einbrüche, die „nicht überall und auch nur bedingt durch den vermehrten Inlands-Ferientourismus ausgeglichen wurden“. Besonders heftig wirken sich diese Einbrüche für die Hotellerie in der Stadt aus: Monate fast ohne Veranstaltungen verhageln Übernachtungsbetrieben die Bilanz. „Städte sind unser Sorgenkind“, sagt Geppert. Auch Rosenheim, wo die Absage des Herbstfestes viele Übernachtungen überflüssig gemacht hat.

Martin Kupferschmied freut sich über den guten Umsatz während Juli und August in seinem Biergarten, beklagt aber nach der guten Nachfrage im Sommer eine schlechte Auslastung der Zimmer ab September. Die Begrenzung der Besucherzahlen bei Veranstaltungen auf 50 wegen des Anstiegs der Corona-Fallzahlen in Rosenheim „hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht“. Erst vorhin habe jemand eine große Hochzeit abgesagt. „Das trifft uns schon hart“, sagt Kupferschmied. Insgesamt aber, auch vor dem Hintergrund der apokalyptischen Szenarien vom März, sagt er: „Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen.“ Im Sommer lief‘s so halbwegs. Sorgen bereiten der Branche Herbst und Winter. Die Buchungen in der Hotellerie liegen „deutlich unter dem Vorjahr“, meldet Theresa Albrecht, bei der Hälfte des Septembers 2019, im Oktober sogar noch vier Prozente drunter. Von einer Abwendung der Pleitewelle könne daher nicht gesprochen werden. Christina Pfaffinger tut sich –¨des guten Sommers auf dem Land zum Trotz – schwer mit einer guten Bilanz. Abwarten, sagt sie, darauf, wie sich Wetter und Corona verhalten. Wir hoffen auf den Goldenen Herbst, dass man möglichst lang den Außenbereich nutzen kann“, sagt Kupferschmied.

Gerät eine Branche in Turbulenzen, wandern die Blicke zur Politik. Steuern senken, heißt dann eine Forderung, die von der Politik bereits erfüllt wurde (siehe Kasten). „Wir drängen auf eine Entfristung der reduzierten Mehrwertsteuer, auch für Getränke“, sagt Thomas Geppert. „So bleibt mehr Geld beim Wirt, und das ist extrem wichtig, um Schuldenberge und Belastungen zu meistern.“ Auch Augenmaß der Politik sei wichtig. Etwa, dass auch wieder größere Veranstaltungen in Gaststätten und Hotels stattfinden können. „Die Leute gehen halt auf private Partys“, sagt Theresa Albrecht. „Aber das ist gefährlicher, als wenn ich zum Wirt gehe.“ Klaus Stöttner, tourismuspolitischer Sprecher der CSU-Landtagsfraktion, signalisiert Entgegenkommen: „Der Spagat zwischen Sicherheit und Freizügigkeit ist sicher eine Gratwanderung. Ich glaube aber, dass unser Gesundheitssystem gerüstet ist, auch eine zweite Welle zu verkraften.“ Erfahrung und Kapazitäten seien gleichermaßen gewachsen, „Wir sollten prüfen, ob wir für bestimmte Bereiche nicht mehr zulassen können.“

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