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Gelbes Band heißt: zugreifen

von Redaktion

Bernau – Die saftigen Birnen hängen reif am Baum, der direkt auf der Streuobstwiese am Straßenrand steht – kein Bauer weit und breit in Sicht, darf man da einfach beherzt den Arm nach oben strecken und zugreifen? Nein, eigentlich nicht, sofern es sich nicht um eine öffentliche Fläche handelt oder um einen wild gewachsenen Baum, informiert das Bundeszentrum für Ernährung. Die süße Birne, gepflückt von landwirtschaftlicher oder privat bestellter Fläche, ist leider ein Diebesgut. Doch viele Obstbaumbesitzer schaffen es nicht, ihre Bestände abzuernten. Überreife Zwetschgen, Birnen und Äpfel fallen dann vom Baum und verfaulen im Gras. Zu schade zum Verfaulen im Gras „Obst und Gemüse sind dafür viel zu schade“, finden Bernaus Bürgermeisterin Irene Biebl-Daiber und Umweltreferent Severin Ohlert. Sie wissen, dass andernorts in Deutschland bereits Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung laufen, etwa die Aktion „Gelbes Band“. Im Mai dieses Jahres wurde diese mit dem Bundespreis „Zu gut für die Tonne!“ ausgezeichnet. „Das wollen wir auch in Bernau“, beschlossen Biebl-Daiber und Ohlert. Bei sich eingeführt haben das gelbe Band bereits erfolgreich das Bundesland Niedersachsen und der baden-württembergische Landkreis Esslingen. „Bei uns in der Region beteiligen sich bereits Feldkirchen-Westerham und Bad Aibling“, weiß Ohlert. Ab sofort können sich nun Obstbaumbesitzer oder Menschen, bei denen zu viel Gemüse für den Eigenverzehr wächst, auch bei der Gemeinde Bernau ein solches gelbes Band abholen, „sie liegen im Eingangsbereich des Rathauses kostenlos zu den normalen Öffnungszeiten bereit“, informiert Biebl-Daiber. Und dass auch eigene gelbe Bänder, die man zu Hause habe, verwendet werden dürfen. „Bei Bäumen, die von der Straße nicht einsehbar sind, kann zusätzlich ein Band an den Gartenzaun oder die Haustüre gebunden werden“, ergänzt sie. Das Band schaffe Klarheit und man könne ohne schlechtes Gewissen zugreifen, so die Bürgermeisterin. Sie selbst habe am Wochenende die gemeindeeigenen Apfelbäume und einen Birnbaum gekennzeichnet, erzählt sie, und dass sie kurz darauf schon die ersten Pflücker beobachten konnte. „Üblicherweise holen die Kindergartenkinder sich dort das Obst, aber sie können nicht alles einsammeln. Dann müssen unsere Bauhofmitarbeiter das heruntergefallene Obst vernichten, das finde ich bitter“, schildert sie ihren Beweggrund, bei der Aktion mitzumachen. Dabei sei das Schwerste gewesen, überhaupt an gelbes, breites Stoffband zu kommen, lacht sie: „Das war überall ausverkauft.“ Am Ende wurde sie im Internet fündig. „Eine ausgezeichnete Idee“, sagt dazu auch Landwirtin Mariele Simon vom Bernauer Hof Sepp´n Bauer. Ihr eigener Hof macht zwar nicht mit, weil der Hofladen zum Lebensunterhalt der Familie beitrage. Wer aber selbst beispielsweise zu alt sei, seine Bestände abzuernten, der könne sich freuen, wenn andere dies täten. Sie rät Sammlern: „Obst, das schon auf dem Boden liegt, sollte schnell verzehrt oder verarbeitet werden, etwa zu Saft, sofern es noch gut ist.“ Die Bürgermeisterin erinnert zusätzlich daran, drei einfache, „eigentlich selbstverständliche“ Regeln beim Pflücken zu beachten: Die Grundstücke dürften beim Ernten nicht verschmutzt werden und müssten so wieder verlassen werden, wie sie betreten wurden. Das Abernten der markierten Bäume geschehe außerdem auf eigene Gefahr und sollte – zumindest bei eingezäunten Grundstücken – vorher kurz mit den Besitzern abgesprochen werden. Umsichtig sein mit Schätzen der Natur Und: „Wer Obst erntet, sollte sehr darauf achten, keine Äste abzubrechen oder den Baum irgendwie zu beschädigen“, bittet die Bürgermeisterin. Das ist auch ein Punkt, der Bäuerin Mariele Simon wichtig ist. Aus eigener Erfahrung legt sie Spaziergängern und Obstsammlern ans Herz: „Man sollte auch die Wiesen, auf denen die Bäume stehen, umsichtig betreten, gerade wenn das Gras schon höher steht.“ Denn niedergetrampeltes Grün lasse sich schwer mähen. Ihr Tipp: Sich beim Sammeln und Abernten nur im kleinen Kreis direkt unter dem Baum bewegen.

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