Porträt eines „ewigen Studenten“

Der Letzte aller Magister Artium

von Redaktion

„Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“: Inwieweit das für die philosophische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München noch gilt, wird heiß diskutiert seit dem Auslaufen des Magister-Studiengangs, der durch den eher verschulten Bachelor-/Master-Studiengang ersetzt wird. Der allerletzte Magister Artium der Münchener Philosophen hat als Nachzügler jetzt sein Magisterzeugnis überreicht bekommen.

Bad Aibling – Kritiker konnten die Verschulung der Mutter aller Geisteswissenschaften noch so bedauern – genutzt hat es nichts: 2009 war Schluss für das klassische Studium der Philosophie an der LMU. Eigentlich sollte das Thema damit schon vor einiger Zeit erledigt sein, gäbe es nicht den einen, den allerletzten Philosophie-Magister, der erst vor Kurzem sein Zeugnis überreicht bekommen hat: Stefan Dörr aus München mit Wurzeln in Bad Aibling.

Ein ganz eigener Mensch ist er, der Letzte der Magister. Als hätte sich das Schicksal genau ihn ausgesucht, denn er passt wie kein Zweiter zum Thema: Er ist nicht nur der Letzte „M.A. phil.“, sondern auch der Letzte der „ewigen Studenten“: Im Alter von 47 Jahren hat er sein Magisterzeugnis überreicht bekommen. Aber bevor man den Stab über ihm bricht, sollte man sich dieses Leben einmal genauer ansehen, denn es enthält zahlreiche Facetten, die unserer genormten Lebensweise alles andere als entsprechen und wenigstens zum Nachdenken anregen.

Realität eher

bewusst ausgeblendet

Aufgewachsen in einer gutbürgerlichen Familie als Jüngster von drei Geschwistern, verlebte er eine sehr behütete Kindheit. „Wir hatten einen Garten, sogar mit Schwimmbad darin“, erzählt er. Dieser Garten war sein Traumreich, dort war er glücklich und lebte in einer eigenen Welt, die er nie ganz abgelegt und letztlich auch mit in sein Erwachsenenleben genommen hat. Wobei er alles andere als ein Träumer ist, er sieht die Dinge klar und nüchtern, ist weniger Realitätsverweigerer als vielmehr bewusster Realitätsausblender.

Schulisch geht so eine Lebenseinstellung natürlich schief; er flog erst vom Gymnasium, dann von der Realschule und verließ auch die private Wirtschaftsschule ohne Abschluss. Eine Lehre als Speditionskaufmann brach er ab, um sich mit 18 ein Jahr in Spanien herumzutreiben. Damals schon war ihm klar, dass er von der unbändigen Leidenschaft in den Tag hineinzuleben angetrieben war und ihm außer dem Nachdenken über das Leben und dem Verfassen entsprechender Texte nichts so richtig befriedigte; eine Eigenschaft, die bis heute der Antrieb in seinem Leben ist.

Aber ein Leben ohne Bildungsabschluss war ihm zu wenig, und so holte er mit 22 Jahren seinen Hauptschulabschluss nach und arbeitete in der Folge an der Musikhochschule. Es war eine aktive Zeit, drei Jahre später war neben der Arbeit die mittlere Reife geschafft. So beflügelt, machte er sogar sein Abitur über den zweiten Bildungsweg und hatte dann im Alter von 29 Jahren schließlich die Allgemeine Hochschulreife in der Tasche.

Nachdem er außer Texte zu verfassen und über das Leben nachzudenken immer noch keine andere Leidenschaft entwickelt hatte, fing er ein Studium der Germanistik, Nebenfach Philosophie, an. Eigentlich alles gut, wenn da nur nicht das Leben an sich samt seiner Verlockungen für studentische Tagedieberei gewesen wäre. Das Ende vom Lied war, dass ihn die Universität 2010, nach zehn Jahren Studium, zwangsexmatrikulierte.

„Gerettet“ hat ihn seine Arbeit für die Zwischenprüfung im Nebenfach Philosophie. Diese hatte es den Professoren so angetan, dass sie sich persönlich für ihn einsetzten und er ein Studium der Philosophie weiterführen durfte. Weil aber 2010 das Magister-Studium der Philosophie schon nicht mehr begonnen werden konnte, ließ er sich aus seinem bisherigen Studium einiges anrechnen und schrieb Prüfungen nach. So konnte er als Quereinsteiger mit 40 Jahren den Magister-Studiengang aufnehmen.

Als das geschafft war, nahm er sein studentisches Lotterleben wieder auf und ließ sich lieber die Lehren des Lebens als die seiner Professoren gefallen. Als es durch die extreme Studiendauer erneut eng wurde, konnte er seine Professoren abermals überzeugen und man versprach, seine Magisterarbeit zu betreuen. Und der ewige Student wäre nicht er selbst gewesen, hätte er nun seine letzten sechs Monate sinnvoll genutzt. Statt ein halbes Jahr gleichmäßig zu arbeiten, ließ er erst vier Monate verstreichen und machte seine Magisterarbeit dann unter höchstem Druck in zwei Monaten. Geendet hat es nun dennoch gut mit dem Titel „Magister Artium“.

Was ist das für ein Leben, fragt man sich? Er selbst sieht so manches heute kritisch und gibt zu, regelmäßig von Existenzangst geplagt worden zu sein: „Finanziell bin ich mein Leben lang hart am Wind gesegelt“, witzelt er darüber, „aber ich hatte nie eine ernsthafte Idee, wie ich Geld verdienen könnte.“ Natürlich gab es Situationen, in denen es Spitz auf Knopf stand. „Manchmal hatte ich tagelang nichts zu essen“, erzählt er.

Das Ende einer langen Bildungsodyssee

Was jetzt, nachdem seine Bildungsodyssee von über 30 Jahren zu Ende ist? In die Wirtschaft will und kann er nicht, dafür ist er zu alt, zu eingefahren. Promovieren, eine Karriere an der Universität machen schon eher, es böte sich an. „Vielleicht habe ich heute zum ersten Mal in meinem Leben richtig Angst“, beschreibt er die Leere, die sich nach dem Magisterzeugnis einstellte. Er sieht sich zum ersten Mal wirklich vor dem Scheideweg: „Entweder ich schaffe es, an der Universität zu bleiben, oder ich gehe unter.“

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