Aktuelles Interview mit Nico Kornhass

„Ich werde den ganz großen Titel holen“

von Redaktion

Viermal stand er in seinem Leben als Kickbox-Weltmeister schon sehr weit oben. Doch nun hat Nico Kornhass aus Bad Aibling ein weitaus höheres Ziel: „Ich werde den ganz großen Titel holen.“ Und damit meint er nichts Geringeres als den Sieg über seine im Frühjahr 2016 diagnostizierte Krankheit „ALS“. In unserem Interview gewährt er tiefe Einblicke in sein Denken und Leben.

Herr Kornhass, Sie haben ALS vom ersten Tag an den Kampf angesagt und die Krankheit als Ihre Aufgabe bezeichnet. Wie gehen Sie heute damit um?

Es hört sich vielleicht widersprüchlich an, aber ich glaube, Krankheiten verbergen stets einen Schlüssel für wichtige Veränderungen. Die Kunst ist es, diesen zu finden. Dazu gehören viel Geduld, Selbstreflektion, Durchhaltevermögen und eine riesen Portion Vertrauen – ganz besonders dann, wenn es erst einmal so aussieht als entwickelten sich die Dinge in die Gegenrichtung. Doch am Ende wird womöglich die „Krankheit“ als Freund von einem gehen. Ich war mein Leben lang im „Sauseschritt“ unterwegs und nun bin ich gänzlich entschleunigt und mehr der Beobachter. Ich war immer stark, sportlich und ein „Macher“ und nun bin ich für jeden Handgriff auf Hilfe angewiesen und kann diese sehr gut annehmen. Früher habe meistens ich geredet, heute kann ich gut zuhören. Auch wenn mein Körper im Augenblick schwach ist – mein Geist wird mit jedem Tag stärker und klarer und das ist definitiv ein „Sieg“ und spornt mich an.

Vielen Menschen ist Ihr Vortrag vom April aus Ihrer „neuen Welt“, Ihrem Leben mit der Krankheit ALS, noch gut in Erinnerung. Viele standen Schlange, um wenigstens kurz mit Ihnen zu reden, Sie zu umarmen, ein Foto mit Ihnen zu machen. Was ist Ihnen von diesem Abend am meisten in Erinnerung geblieben?

Am überwältigendsten war für mich zu sehen, dass der Kurhaussaal aus allen Nähten platzte, weil so viele Menschen gekommen waren, um mir zuzuhören. Menschen, die Anteil nahmen an meiner „neuen Welt“ voll Mitgefühl und Interesse. Die ein paar Tränen vergossen und gleichzeitig mit mir lachten. Das betrachte ich als großes Geschenk. Dabei fühlte ich mich kurz vor Beginn des Vortrags ziemlich energielos und hatte sogar Angst, dass meine Stimme versagen könnte. Sobald ich jedoch auf der Bühne stand und mich all den Zuhörern gegenüber fand, ergriff mich eine Welle von so positiver Energie, die mich den ganzen Abend über trug.

Wie ging es in den Tagen danach weiter?

Ich bekam unglaublich viel positives Feedback. Die Leute drückten mir ihre Anerkennung und Bewunderung aus und bedankten sich, dass ich meine Erfahrungen und meinen Umgang mit meiner Situation mit ihnen teilte und sich der ein oder andere vielleicht in Bezug auf seine eigene Lebenslage inspiriert fühlte. Freunde, Bekannte und auch Fremde schrieben mir, dass sie an mich glaubten, wünschten mir Glück und Kraft und so viele boten mir ihre Hilfe an. Natürlich bekam ich auch Ratschläge in Bezug auf Heilmethoden und Behandlungen. All die Reaktionen bestärkten und ermutigten mich noch mehr, meinen Weg genau so weiterzugehen.

Wie ist es Ihnen seither körperlich ergangen und wie geht es Ihnen im Moment?

Auch wenn der momentane äußere Anschein und mein körperlicher Zustand dies derzeit vielleicht nicht vermuten lassen, trage ich nach wie vor die feste Überzeugung in mir, dass die Heilung erfolgen wird. Momentan behelfe ich mir mit einem Rollstuhl, den ich selbst meinen „fliegenden Teppich“ nenne. Und wenn die Krankenkasse mitspielt, bekomme ich bald einen Sprachcomputer, um wieder leichter kommunizieren zu können, denn mein „Nicoriaisch“ versteht meist nur mein ganz enges Umfeld. Einen Vortrag könnte ich also derzeit nicht halten…

Auf Fotos sieht man Sie immer fröhlich, mit einem ansteckenden Lachen. Sie leben Ihr Leben mit einer unglaublich positiven Einstellung. Was antworten Sie denen, die Sie fragen, wie es kommt, dass Sie an ALS und all diesen Folgen nicht nur nicht verzweifeln, sondern es schaffen, mit Ihrer Einstellung auch so viele andere anzustecken?

Ich bin immer schon mit einer wunderbaren Frohnatur gesegnet und würde mich selbst als einen „Überoptimisten“ bezeichnen. Ich glaube, jeder Mensch muss sich im Leben Herausforderungen stellen und jeder verliert zwischendurch auch mal einen Kampf. Aber aufgrund meiner langjährigen Wettkampferfahrung weiß ich, dass man nach einer Niederlage immer wieder aufstehen und noch gewinnen kann, mag der Gegner anfangs noch so stark erscheinen. Oft wächst gerade aus einer Niederlage eine ganz besondere Stärke – und der Gegner ist nur so stark, wie man ihn sein lässt. Darum glaube ich auch jetzt noch daran, dass ich mit etwas Geduld und Vertrauen letztlich den „ganz großen Titel“ holen werde! Und dieser Optimismus ist offenbar ansteckend.

Sie sprechen sehr offen über Ihren Glauben, sehen Gott als besten Freund, Arzt und Ratgeber. Hatten Sie schon immer einen so starken Glauben?

Ja, mein Glaube begleitet mich seit meiner Jugend. Durch mein immer schnelllebigeres und stressiges Leben hatte ich zwischenzeitlich jedoch versäumt, mir die Zeit zu nehmen, in die Stille zu gehen und auf die Stimme in meinem Inneren zu lauschen. Ich habe viele Hinweise und Weggabelungen nicht erkannt oder auch ignoriert. Als ich nun im Frühjahr 2016 durch ALS ausgebremst wurde, hatte ich zwangsläufig wieder Zeit, in mich zu hören. Die Stimme war immer noch da – sogar lauter und deutlicher denn je und sie gibt mir jeden Tag Kraft und Rat. Zudem war es immer schon so, dass ich ganz besonders in der Natur eine unwahrscheinlich starke Kraft und Verbundenheit zu Gott verspürt habe. Darum sitze ich auch so gerne an meinem ganz persönlichen Kraftplatz – unserem Steg, wo ich mich mit dem glitzernden Wasser, den Blättern, die im Wind rauschen, den Sonnenstrahlen oder auch den Regentropfen eins fühle.

Wenn Menschen Schlimmes widerfährt, bleibt selten die Frage nach dem „warum“ und „warum ausgerechnet ich“ aus? Hadert man nicht in dunklen Stunden und zweifelt?

Man hadert vielleicht mit den Symptomen und Unannehmlichkeiten, welche die Situation mit sich bringt. Klar gibt es auch bei mir Tiefen und Momente des Zweifels oder der Ungeduld. Ich weiß nicht warum, aber Gott habe ich trotzdem noch nie für meine „Aufgabe“ verantwortlich gemacht. Im Gegenteil: Er ist mein Kraftquell, um diese Herausforderung zu meistern, und nicht der „Buhmann“.

Nach jedem noch so schweren Sturz im wahrsten Sinne stehen Sie – momentan durch Hilfe Ihrer Mitmenschen – wieder auf, Sie trotzen den Schmerzen, können über sich selbst lachen und machen weiter. Setzen Sie sich dabei bestimmte Ziele oder lassen Sie den Weg Ihr Ziel sein?

Natürlich ist mein Hauptziel meine vollkommene Gesundheit. Meine positive Lebenseinstellung hilft mir dabei, auf dem Weg dorthin jeden Tag zu ehren und mich über jedes kleine Zwischen-Ziel zu freuen. Außerdem träume ich jeden Tag davon, gemeinsam mit meiner Frau zurück nach Santiago de Compostela zu kehren und von dort bis ans Meer nach Finisterre zu gehen. Diese Vorstellung löst ein überwältigendes Glücksgefühl in mir aus, so dass ich manchmal am liebsten sofort meine Wanderstiefel anziehen und losmarschieren möchte.

Gibt es etwas, was Sie anderen Menschen sagen möchten, die in schwierigen Situationen sind, die nicht wissen, wie sie aus Krisen herauskommen?

Wie schon gesagt, mir persönlich gibt neben meiner Familie und meinen Freunden mein Glaube wertvolle Kraft und ich kann jedem nur empfehlen, wieder mehr in sich hineinzuspüren und auf seine innere Stimme zu hören. Was tut mir gut, was hindert mich? Allein kann es manchmal sehr schwer werden. Das habe ich selbst auf dem Camino – dem Jakobsweg, auf dem ich im Herbst 2016 insgesamt 800 Kilometer zurückgelegt habe – schmerzlich erfahren müssen. Doch ich habe gelernt, Hilfe anzunehmen. Der Partner, die Familie oder Freunde stehen einem bei, unterstützen, trösten und geben Mut, Kraft, Hoffnung und vor allem Liebe. Lasst den Gedanken zu, dass es immer eine Lösung gibt und gebt der Möglichkeit eine Chance!

Sie, der früher immer Sportliche, Selbstständige, haben gelernt, Hilfe annehmen zu können. Sie haben sich, nachdem die finanziellen Probleme immer drückender wurden, zu dem Schritt entschlossen, auch aktiv und öffentlich – via Facebook – um Hilfe zu bitten. War es eine schwere Entscheidung, diesen Schritt zu gehen?

Nachdem ich auf dem Camino das „Hilfe annehmen“ auf harte Art und Weise gelernt habe, fiel es mir diesmal nicht schwer. So viele Menschen kamen immer wieder auf mich zu mit der Frage, wie sie mir helfen können und da war die sehr ehrliche Antwort jetzt: Wir brauchen Geld. Denn wenn in so einer Situation plötzlich erhebliche finanzielle Probleme entstehen, fühlt sich das besonders niederschmetternd an, da man nicht in der Lage ist, die Ärmel hochzukrempeln und etwas dagegen zu tun. All diese Probleme wären mit Einsatz, Tatkraft und Arbeit zu bewältigen gewesen, wenn man nicht gleichzeitig ein Leben mit der Aufgabe „ALS“ meistern müsste. Darum hat jeder, der gespendet hat, unser Leben nicht nur finanziell bereichert, sondern uns die Chance erhalten, uns mit all unserer Energie auf mein Wohlbefinden zu konzentrieren und unbeirrt an dem Glauben auf Heilung festzuhalten.

Wie waren die Reaktionen, die Sie nach dem Gang an die Öffentlichkeit erfahren haben?

Die Reaktionen sind mehr als berührend – von Privatpersonen, die gespendet haben, über Vereine, Firmen, Ideen und Vorschläge vom Spendenlauf bis hin zum Benefizkonzert war alles dabei. Es gab so viele nette und liebevolle Gesten, wie zum Beispiel eine Spende, die mit einer Tüte Semmeln und einem Glas Honig vorbeigebracht wurde. Oder der Kindergarten, wo die Kinder mir etwas vorgesungen und dann feierlich die Geldspende überreicht haben, Kampfsportstudios die gesammelt haben, Freunde, Bekannte und auch Fremde. So viele Menschen haben mir unter die Arme gegriffen und mir meine momentane Situation wirklich erleichtert. Dafür möchte ich aus ganzem Herzen danke sagen! Interview: Eva Lagler

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