Irschenberg/München – Direkt nach der Schule fuhren vier Jugendliche aus dem Kinderdorf nach München ins Maximilianeum. Gemeinsam mit Annette Ehnes, der stellvertretenden Dorfleiterin, und Thomas Gratzl, dem Partizipationsbeauftragten des Kinder- und Jugendparlaments, folgten sie der Einladung von Tanja Schorer-Dremel.
Die CSU-Politikerin ist Vorsitzende der seit 2009 bestehenden Kinderkommission des bayerischen Landtags. Ihre Einladung ging zurück auf den Besuch des Präsidiums des Bayerischen Landtags im Juli in Irschenberg (wir berichteten). „Dort hatte Hanni uns ordentlich die Meinung gesagt“, erklärte Schorer-Dremel einführend ihren Kolleginnen in der paritätisch besetzten Kommission: Doris Rauscher (SPD), Gabi Schmidt (Freie Wähler) und Gisela Sengl (Bündnis 90/Die Grünen).
Hanni (13) hatte damals einen Brief an Landtagspräsidentin Barbara Stamm geschrieben und vorgelesen, in dem sie die Politik fragte, was sie zu tun gedenke, damit Deutschland keine Waffen mehr exportiert. Denn mit den in Deutschland produzierten Waffen würden überall Kriege geführt, vor denen die Menschen dann fliehen müssten – auch nach Deutschland. Das sei ihrer Meinung nach „total unlogisch“. Besonders ärgere sie die Situation, dass einigen Flüchtlingen zudem die Abschiebung drohe.
Ein Beispiel hierfür sei Ajmal, der mit 15 Jahren mit seinem kleinen Bruder aus Afghanistan fliehen musste, nachdem Taliban ihren Vater, einen Piloten, wegen seiner Regierungstreue getötet und die beiden Söhne massiv bedroht hatten. Die unsichere Zukunft der beiden, die heute im Caritas-Kinderdorf in Sicherheit leben, beschäftigte Hanni sichtlich.
Vor der Kinderkommission hatte sie noch einmal die Gelegenheit, ihre Position deutlich zu machen. Die Politikerinnen nahmen sich die Zeit, darauf einzugehen. Es folgte eine intensive Diskussion, in deren Verlauf auch die unterschiedlichen parteipolitischen Positionen deutlich wurden.
Hanni, Miradie und Nicki engagieren sich heute im Kinder- und Jugendparlament. Sie wurden wie die anderen Mitglieder von den Kindern und Jugendlichen des Kinderdorfs als deren Interessensvertreter gewählt. In regelmäßigen Sitzungen besprechen sie Themen, wie Kinderrechte, diskutieren Ideen und Wünsche der Kinder und Gruppen und sorgen so für einen steten Informationsaustausch. Sie kümmern sich im Kinderdorf auch um das Beschwerdemanagement und planen Festivitäten und Freizeiten.
Bei ihrem Besuch der Kinderkommission hatten die jungen Repräsentantinnen viele Fragen an die Politikerinnen, die diese geduldig beantworteten. Von der Flüchtlingswelle über Armut, Klimawandel und Umweltschutz reichte die Bandbreite der weltpolitischen Themen, die die selbstbewussten Kinderdorfkinder umtrieben.
Abschließend kam noch ein Punkt zur Sprache, der die Kinder persönlich betrifft. Denn Nicki (13) fragte bei den Politikern nach, warum sie drei Viertel ihres Lohns abgeben müsse, wenn sie in den Ferien jobbe. Hintergrund: Kinder und Jugendliche, die sich in der öffentlichen Jugendhilfe befinden, dürfen tatsächlich nur 25 Prozent des verdienten Geldes behalten, der Rest muss abgeführt werden. So will es eine Regelung.
Annette Ehnes machte deutlich, dass darunter die Eigeninitiative und Motivation der Kinder und Jugendlichen stark leiden: „Uns ist wichtig, dass alle die Möglichkeit haben, Tätigkeiten auszuprobieren und sich etwas dazuverdienen, wenn sie möchten. Der Einsatz sollte sich dann aber auch lohnen“, forderte die stellvertretende Dorfleiterin.
Die Mitglieder der Kinderkommission versprachen, das Thema weiterzuverfolgen. Dieses werde von Kommune zu Kommune unterschiedlich gehandhabt.
Dass die Kinderkommission Buben und Mädchen ernst nimmt, wurde noch einmal deutlich, als Vorsitzende Tanja Schorer-Dremel die Sitzung mit den Worten schloss: „Ihr seht, Kinder, es lohnt sich, den Mund aufzumachen. Macht weiter so. Und vielleicht tretet ihr ja als Erwachsene eines Tages in unsere Fußstapfen. Wir brauchen Menschen wie euch.“