Kolbermoor – „Wenn wir die Zahlen sehen, müssten wir eigentlich lachend zu Bett gehen und lachend wieder aufwachen“, sagte Wolfgang Schubert-Raab, Präsident des Bayerischen Baugewerbes, auf dem Verbandstag in Kolbermoor. Doch der Präsident des bayerischen Baugewerbes meinte: „Man unterstellt uns momentan, goldene Wasserhähne – das ist nicht der Fall.“ Astrid Beste vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband meldete in ihrem Impulsvortrag samt Podiumsdiskussion rund um das Motto „Wie viel Bau braucht Bayern“ fortwährend Zuwächse für die Bauwirtschaft des Freistaats. Zum Beispiel: prognostizierte zehn Prozent mehr Umsätze im Tiefbau, fünf im Ausbau, vier im Hochbau. Beste: „Beim Bau läuft’s rund.“
Rosenheim: Steigende Nettoumsätze im Bau
Das gilt auch für die Region Rosenheim. Sie hatte nach Angaben des stellvertretenden Landrats Dieter Kannengießer in 2018 die „konjunkturstärkste Bausaison der vergangenen zwei Jahrzehnte“. Rund 414 Millionen Euro netto setzte die Bauwirtschaft im Landkreis und der Stadt im Vorjahr um – ein Plus von rund 13 Prozent zu 2017. Erfasst hat der Landesverband Bayerischer Bauinnungen (LBB) dabei aber aus statistischen Gründen nur Firmen, die mehr als 20 Arbeitnehmer haben. Waren es 2017 noch 36, stieg die Zahl 2018 auf 45 an. „Der Umsatzanstieg ist auch preisgetrieben“, analysierte Beste für das bayerische Baugewerbe. Die Entwicklung bei den Quadratmeterpreisen mache sie „ein bisschen nervös“.
„Die Preise explodieren“, meinte Klaus Stöttner (CSU), Mitglied des Ausschusses für Wirtschaft, Landesentwicklung, Energie, Medien und Digitalisierung im Bayerischen Landtag sowie Vorsitzender des CSU-Kreisverbandes Rosenheim-Land. Es könne nicht angehen, dass sich ein Handwerkersohn im eigenen Dorf kein Haus mehr bauen könne. Stöttner sprach sich mit Blick auf den Zuzug ins strukturstarke Bayern für rege Bautätigkeit und „Freiheit für gesunde Entwicklung“ aus.
Zankapfel: Maximaler Hektarverbrauch
Der Freistaat verbrauchte in den vergangenen Jahren im Schnitt täglich rund zwölf Hektar Land. Im Landkreis Rosenheim wurde 2016 mehr als ein Drittel Hektar pro Tag verbaut. Der bayerische Koalitionsvertrag sieht nun dafür fünf Hektar pro Tag vor. Stöttner interpretierte die Grenze, eingedenk der Landesentwicklung, als „Zielsetzung, um es ernsthafter anzugehen“. Für „schwachsinnig“ hielt Sebastian Körber (FDP), Vorsitzender des Ausschusses für Wohnen, Bau und Verkehr im Bayerischen Landtag, eine solche Reglementierung. Damit greife man nicht nur „massiv in die kommunale Planungshoheit“ ein, sondern komme auch dem Bedarf nicht nach. Bayern brauche Neubauten, nur über teure Dachstuhlsanierungen komme man nicht ans Ziel.
Körber bezog auch gegen eine angedachte Grundsteuer C – also eine Steuer auf brachliegende Bauflächen, die Spekulanten abschrecken soll – Stellung. Er hielt sie für „Murks“. Wenn jemand seine Fläche nicht nutze, um sie zum Beispiel für die Enkelin aufzuheben, „dann ist das die eigene Entscheidung. Die Enteignungstendenzen machen mir schon Sorgen.“
Anderer Meinung ist Claudia Tausend (SPD), Mitglied im Ausschuss für Bau, Wohnen, Stadtentwicklung und Kommunen im Bundestag. Sie fand: „Die Grundsteuer C sollte beschlossen werden. Das kann auf dem Land Probleme lösen.“ Die Wohnungsnot in Ballungsräumen, betonte Tausend, die an die Sozialbindung des Eigentums erinnern wollte und für „verdichtetes Bauen“ plädierte, könne man dort allein nicht lösen.
Es brauche Gewerbe in den Dörfern, meinte Stöttner mit Blick auf die Pendlerzahlen. Laut dem „Pendleratlas“ der Arbeitsagentur gehen rund 15800 von 128000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Wohnort Rosenheim-Stadt oder im umliegenden Landkreis in München einer Arbeit nach.
Man müsse ohnehin in größeren Radien denken, forderte Ursula Sowa, Sprecherin für Baupolitik des Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag: „Es ist eine interkommunale Verständigung nötig, um Wohnen und Freizeit in Einklang zu bringen. Dann ist das Fünf-Hektar-Ziel gar nicht mehr das Gespenst.“ Man könne die Fläche ja auch nutzen, in dem man in die Höhe und Tiefe baue. Dazu könne man alte Gebäude einer neuen Funktion zukommen lassen, wie etwa der Alten Spinnerei in Kolbermoor, in deren Kesselsaal die Diskussionsrunde stattfand.
Körber hob dagegen hervor, man müsse Bauern einen schnelleren und günstigeren Verkauf von potenziellem Bauland ermöglichen. Sowa erwiderte, die Ernährung in Bayern müsse gesichert bleiben. Im Landkreis Rosenheim ging zwischen 2007 und 2017 mit 1,1 Prozent etwas mehr landwirtschaftliche Fläche verloren als im bayernweiten Schnitt (0,8). Im Bereich des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Rosenheim entfallen 67700 Hektar auf landwirtschaftliche Flächen und 48000 Hektar auf Waldflächen. Sowa trat unter Gemurmel der Bauverbandsmitglieder dafür ein, nachwachsende Rohstoffe im Bau zu nutzen. „Dann bauen Sie bitte Blockhäuser“, entgegnete Körber.
Für den Ressourcenabbau konnte sich Stöttner „vernünftige Eingriffe in die Natur“ vorstellen, um die Entwicklung der Dörfer zu fördern. Körber fand mit Blick auf Bauprojekte: „Der Naturschutz ist kritisch zu hinterfragen.“
Auch Schubert-Raab kritisierte während der Podiumsdiskussion, vor allem bei der benötigten Qualität von Baustoffen aus Abbrüchen zum Recycling, zu hohe, „unerfüllbare“ Standards von Politik und Rechtssprechung für seine Branche.
Freude über gute Konjunktur getrübt
Auch gesunkener Leistungswille, gestiegene Krankheitsstände und steigende Kosten für das Bauen drückten seine Freude über die gute Konjunktur.
Ja, der Bauwirtschaft gehe es gut und sie werde auch künftig benötigt und das nicht nur für Gebäude und Straßen, sondern auch für die Erneuerung alter Infrastruktur wie etwa Leitungen im Boden.