Über die Autorin

Mein Bruder, der Soldat

von Redaktion

Wie 18-Jährige den Mauerfall verhindern sollten: Die Geschichte des Bruders einer OVB-Redakteurin

Rosen als Zeichen des Friedens: Bürger überreichen Angehörigen der Grenztruppen Blumen.

Berlin/Bad Aibling – Vor 30 Jahren geht eine unglaubliche Nachricht um die Welt: „Die DDR öffnet ihre Grenzen.“ Tausende Ostdeutsche strömen nach Berlin. Zur gleichen Zeit entwickelt sich eine explosive Situation. Die Grenzregimenter werden in „erhöhte Gefechtsbereitschaft“ versetzt. Mein jüngerer Bruder Michael (18) ist mittendrin in diesem Chaos. Er leistet gerade seinen Grundwehrdienst bei den Grenztruppen.

Ich bin 23 Jahre alt und sitze an jenem 9. November vor meinem Fernseher in Schmölln (Thüringen). Seit Monaten verpasse ich keine Nachrichtensendung mehr. Die DDR bricht zusammen. Keiner weiß, was der nächste Tag bringt. Es ist 19.30 Uhr. Die ostdeutsche „Aktuelle Kamera“ meldet, dass „ab jetzt jedem DDR-Bürger an allen Grenzübergangsstellen das Visum zur ständigen Ausreise gewährt wird“. Was das bedeutet, erfahre ich erst Minuten später in der westdeutschen „Tagesschau“: „Die DDR öffnet ihre Grenzen.“

„Endlich
Reisefreiheit“

In meinem Kopf bricht ein Chaos aus: Grenze auf. Endlich Reisefreiheit. Endlich Träume leben. Doch im selben Moment schlägt meine Freude in Sorge um. Für meinen Bruder bedeutet diese Nachricht: Grenztruppe. Informationsdefizit. Befehlsgehorsam! Dazu die unklare Aussage der Regierung: „Schusswaffen gegen Demonstranten sind verboten – außer bei Gewalt gegen bewaffnete Kräfte.“

Ich in Thüringen. Mein Bruder ist im Norden Brandenburgs stationiert. Unsere Eltern sind gerade in Warschau. Ich habe kein Auto. Kein Telefon. Ich habe einfach nur Angst um das Leben meines Bruders. Er leistet erst seit dem 1. September 1989 seinen dreijährigen Grundwehrdienst ab, um studieren zu dürfen.

Mir geistern all die Geschichten durch den Kopf, die er mir erzählt hat, als ich ihn nach seiner Einberufung das erste Mal besuchen durfte. Irgendwann Anfang Oktober. Er wusste nicht viel von dem, was im Land passierte. War abgeschottet. Musste Urinstein aus Toiletten kratzen, weil er im Radio „Rias zwei“ gehört hatte. War im Arrest, weil er sich gegen die Schikanen von Vorgesetzten zur Wehr gesetzt hatte, die unter dem Schutzmantel der Armee bevorzugt Abiturienten quälten. Eine perfide Mischung aus Willkür und Befehlsgewalt.

Auch seine Einheit war im Herbst 1989 mehrmals mobilisiert und zur Absicherung von Demonstrationen geschickt worden. Nach Berlin, Schwerin, Stralsund. Nur in Wartestellung in Turnhallen zwar. Unbewaffnet. Und doch mit Waffen und scharfer Munition im Gepäck. „Ich hatte einfach nur Angst“, erzählte mir mein Bruder später: „Angst, dass ich auf meine eigenen Leute einschlagen müsste. Und Angst, dass ich selber aufs Maul kriege.“

Willkür, Waffen
und Kopflosigkeit

Am Abend des 9. November 1989 begreife ich das Zusammentreffen von Willkür, Waffen und Kopflosigkeit einer ganzen Regierung als unberechenbaren Sprengstoff. Als eine lebensgefährliche Lage für meinen Bruder, der als Soldat eine Grenze schützen soll, die gerade geöffnet wurde. Und für die Menschen, die diesen ersten Tag in Freiheit feiern und auf dem Weg zur Grenze sind. Ich male mir aus, was passieren könnte, wenn ausgerechnet jene Vorgesetzten, die meinen Bruder schikanierten, nun an der Berliner Mauer Befehlsgewalt besitzen. Ich habe einfach nur Angst. Zu Recht. Aber das erfahre ich erst Wochen später, als ich meinen Bruder an Weihnachten endlich wiedersehe. Ein erlösender Moment.

„Es ist ein
erlösender Moment“

Endlich erfahre ich, wie es ihm an jenem 9. November 1989 ergangen ist. Bin überwältigt, als ich seine Geschichte höre und begreife, wie die explosive Situation entschärft wurde: In der Nacht zum 10. November wird seine Truppe nach Berlin versetzt.

Die Soldaten müssen vor der Panzermauer am Brandenburger Tor Stellung beziehen. Sie haben seit 36 Stunden nicht geschlafen. Sie frieren. Sollen für Ruhe sorgen. „Und die Menschen zur Vernunft bringen“, erinnert er sich. „Was aber war Vernunft in dieser Situation? Das wussten wir nicht. Das wusste keiner.“ In Berlin herrscht absolutes Chaos. Der Grenzübergang an der Bornholmer Straße wird von jubelnden Massen überrollt. „Tausende Menschen standen auf und vor der Mauer, taumelten vor Glück“, erzählt er. Aber unter ihnen sind auch einige, die ihrem Frust Luft machen wollten.

Die Leute feiern ausgelassen, betrinken sich vor Freude. Und mit zunehmendem Rausch werden auch die Rufe „Die Mauer muss weg!“ lauter. Waren die Mauerspechte bis dahin nur mit Hammer und Meißel am Werke, rücken sie in der Nacht mit Vorschlaghämmern, Stahlketten und Traktoren an.

Wasserwerfer
werden eingesetzt

Doch dass die Mauer abgerissen wird, ist in jener Nacht keine Option. Denn noch weiß kein Mensch, was die neue „Reisefreiheit“ bedeutet. Wie es weitergeht mit der DDR. Und ob es noch Grenzen geben wird.

Wasserwerfer werden eingesetzt. Die Soldaten sollen die Lage deeskalieren, mit den Menschen reden, sie beruhigen. „Wir haben Leute entwaffnet, die sich mit Pistolen und scharfer Munition unter die Feiernden gemischt hatten“, erinnert er sich.

Doch die Meisten wollen einfach nur feiern. Sie bieten den Soldaten heißen Tee und Gulaschsuppe an, schenken ihnen Rosen und Pralinen.

Als er mir von diesen Gesten erzählt, wird mir klar, wer diese bürgerkriegsnahe Situation in jener spannenden Nacht wirklich entspannt hat. Es waren die Westberliner, die den Soldaten gezeigt haben, dass sie auch für ihre Lage Verständnis haben. Sie reichten ihnen die Hände und machten klar: „Wir sind ein Volk. Es kann und es muss friedlich bleiben.“

„Erhöhte
Gefechtsbereitschaft“

Mein Bruder hat ein Stück deutscher Geschichte miterlebt. Genau wie unser Vater, der 1961 mit 18 Jahren zurNationalen Volksarmee musste und in „erhöhter Gefechtsbereitschaft“ war, als die Berliner Mauer errichtet wurde. 28 Jahre später wird sie geöffnet. Und es ist sein Sohn, der im Alter von 18 Jahren auf dieser Mauer steht, als sie fällt. Wenn wir uns erinnern, wird uns wieder bewusst, wie brisant die Situation in jener Nacht war, und wie viel Glück wir Deutschen hatten, dass die friedliche Revolution am 9. November 1989 in einem friedlichen Mauerfall gipfelte.

30 Jahre später hat mein Bruder Michael alle Mauern überwunden, an der Technischen Universität in Dresden und im US-amerikanischen Detroit Kraftfahrzeugtechnik studiert, viele Jahre in Amerika und Mexiko gearbeitet, Automobilwerke mit aufgebaut und Arbeitsplätze geschaffen.

Heute macht ihn vor allem ein Gedanke glücklich: Keiner seiner drei Söhne darf mehr zum Wehrdienst zwangsverpflichtet werden. Welch eine Freiheit!

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