Rosenheim – Sie werden glimmend aus dem Auto geworfen. Beim Spazieren gehen auf den Boden geschnippt oder einfach in die Erde gesteckt: Zigarettenkippen. Ein Umweltschmutz, dem bisher wenig Beachtung geschenkt worden ist. Der aber zum Aufreger taugt. Die Stadt Nürnberg hat jetzt eine Aktion gegen den Kippenfrevel gestartet. Und auch in Rosenheim steht das Thema auf der Agenda.
Viele Giftstoffe
in den Filtern
Rauchen ist umstritten: Die einen sprechen von Genuss, die anderen von Geruchsbelästigung und Gesundheitsgefahr. Dass insbesondere Zigaretten zudem die Umwelt schädigen, rückt vermehrt in den Fokus. Das mag an dem sich ändernden Bewusstsein der Gesellschaft liegen und daran, dass Umwelt- und Klimaschutz-Themen an Bedeutung gewinnen. Fakt ist aber gleichermaßen, dass die Kippen als „Problemmüll“ gelten. Vor allem die Filter, die Giftstoffe wie Arsen, Blei, Kadmium oder Benzol enthalten. Außerdem findet sich Celluloseacetat, ein Kunststoff, der ebenfalls nur schwer biologisch abgebaut wird. Die Rückstände belasten Pflanzen und führen zu Schäden bei Tieren, haben Fachleute herausgefunden. Sie gehen davon aus, dass in Deutschland pro Jahr 106 Milliarden Kippen weggeworfen werden.
Wie viele dieser Glimmstengel in Rosenheim auf dem Boden, auf Wiesen oder in der Erde landen, hält die Stadt Rosenheim nicht fest. Tatsache ist, dass die Zigarettenkippen vor allem in der Fußgängerzone „ein ewiges Ärgernis“ sind. Denn sie bleiben in den Fugen des Kopfsteinpflasters hängen und können von den Kehrmaschinen nur schlecht aufgenommen werden. Besonders viele Reste landen nahe der Fußgängerampeln an der Prinzregentenstraße auf dem Boden, meldet die Stadt. Außerdem vor Kneipen, gehäuft an der Ruedorfferstraße. Dass es an vielen Stellen in der Innenstadt Mülleimer mit besonderen Einwürfen gibt, interessiert die wenigsten Raucher.
Die weggeworfenen Glimmstengel sehen fies aus im Stadtbild. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass sich die Filter erst nach 13 bis 15 Jahren auflösen, wenn sie nicht im Restmüll entsorgt werden. Die Giftstoffe gelangen dann auch ins Grundwasser. Sammeln Kleinkinder eine Kippe auf und stecken sie in den Mund, besteht sogar Lebensgefahr.
Die Stadt Nürnberg hat dem Kippenfrevel nun den Kampf angesagt: Ende Oktober gab es eine Woche lang Kontrollen im Stadtgebiet. Raucher, die ihre Zigarettenreste achtlos wegwarfen, wurden angesprochen und über die Folgen ihres Handelns aufgeklärt.
Viele Menschen seien einsichtig gewesen und hätten ihren Abfall wieder eingesammelt, teilt die Stadt mit. Die Aktion soll nicht einmalig gewesen sein, sondern eine Fortsetzung finden. Zudem haben Nürnbergs Bürgermeister Christian Vogel und seine Amtskollegen aus den Städten Erlangen, Fürth und Schwabach an Bayerns Umweltminister Thomas Glauber geschrieben. Sie fordern, den Bußgeldkatalog im Hinblick auf den Umweltschutz zu erweitern und die Bußgeldhöhen anzupassen. Höhere Bußgelder sollen möglich werden.
In Rosenheim laufen nach Angabe der Stadt „Gespräche zu Schwerpunktkontrollaktionen“. Zudem werden bereits jetzt Verwarngelder erhoben, sie liegen zwischen 15 Euro und 35 Euro. Zum Jahreswechsel sei eine Erhöhung bis zu 55 Euro geplant, heißt es. Selbst dann noch läge Rosenheim bundesweit eher im Mittelfeld.
Denn bisher variiert die Höhe der Verwarnungen stark. In Mannheim beispielsweise ist ein Bußgeld für weggeworfene Kippen von bis zu 100 Euro möglich.
Doch egal wie teuer die Verwarnung auch sein mag: Kritiker halten grundsätzlich wenig davon, die Menschen über den Geldbeutel für ihr Tun zu bestrafen. Viel sinnvoller seien die „soziale Kontrolle und Aufklärung“, findet etwa Ursula Fees, die Geschäftsführerin vom Bund Naturschutz, Kreisgruppe Rosenheim. Ein Bußgeld könne lediglich „ein letztes Mittel“ sein. Wichtiger sei es, einen „Bewusstseinswandel“ bei Rauchern herbeizuführen, indem man sie aufkläre über die Risiken für die Umwelt. Sie selbst habe einmal einen Raucher angesprochen, der seine Kippe zunächst auf die Straße geworfen und anschließend – nach ihrer Ermahnung – in einen Gulli gekickt habe. „Das völlige Unverständnis einfach“, sagt Ursula Fees.
Doch wie lässt sich das Problem mit dem abgerauchten Problemmüll lösen? Ursula Fees sagt, es gebe Überlegungen Sponsoren zu finden für sogenannte Mini-Taschenaschenbecher. Sie könnten in einem ersten Schritt kostenlos an Touristen ausgegeben werden, die ihre Glimmstengel dann einfach wieder einstecken und in einem Mülleimer über den Restmüll entsorgen könnten.
Eine andere Idee, die bundesweit diskutiert wird, ist, pro Packung Zigaretten einen Taschenaschenbecher abzugeben und beides mit einem Pfand zu belegen. Wer den Aschenbecher gefüllt zurückbringt, erhält sein Geld zurück. Aufgekommen war dieser Vorschlag bereits im vergangenen Jahr durch die Berliner Initiative „Aufheber“. Zudem sollten Schachteln und Taschenaschenbecher als Mehrwegprodukte konzipiert werden. Doch der Deutsche Zigarettenverband lehnt diesen Vorschlag ab.
Am Ende hilft
nur Einsicht
Auch auf europäischer Ebene gibt es Überlegungen zum Thema: So hat das Europäische Parlament einer Gesetzesinitiative der EU-Kommission zugestimmt, wonach die „enormen Umweltauswirkungen von Abfällen von Tabakprodukten mit kunststoffhaltigen Filtern verringert“ werden müssen. Ziel soll es sein, die Hersteller der Filter an den Kosten für die Reinigung der Umwelt zu beteiligen.
Letztlich aber geht es wohl nicht ohne ein Umdenken der Raucher. Oder wie die Stadt Rosenheim schreibt: „Niemand will einen Überwachungsstaat wie in Singapur oder China (…) Am Ende erfolgreich geht es nur über die Einsichtsfähigkeit der Bürgerinnen und Bürger in unserer Stadt.