Abhängigkeit trifft auch die Familie

von Redaktion

Wie sich Sucht auf Angehörige auswirkt als Thema im Arbeitskreis „Unabhängig 60+“

Bruckmühl – Auch im Alter werden Alkohol, Medikamente und Drogen oft benutzt, um drängende Fragen auszublenden, Leere zu füllen oder Verluste zu verarbeiten. Doch nicht nur für Suchtabhängige selbst führt dies zu großen Problemen, sondern meist auch für ihre Angehörigen. Mit dem Thema „Co-Abhängigkeit“ beschäftigte sich der Arbeitskreis „Unabhängig 60+/Sucht im Alter“ bei seinem fünften Treffen im Bruckmühler Rathaus.

Elisabeth Staber neue
Arbeitskreisleiterin

Maximilian Jaroljmek, Bereichsleiter der Diakonie Rosenheim, stellte eingangs die neue Arbeitskreisleiterin Elisabeth Staber vor. Sie ist Mitarbeiterin der Fachambulanz für Suchterkrankungen in Rosenheim und hat unlängst ihr Sozialarbeit-Studium mit einer Bachelor-Arbeit über „Sucht im Alter“ abgeschlossen.

Auch ihre Diakonie-Kollegin Ute Franke nahm an dem Treffen teil. Sie leitet zwei Orientierungsgruppen und führt psychosoziale Beratungen von Substituierten durch. Ferner arbeitet sie mit Angehörigen von Suchtkranken sowohl im Einzelberatungssetting als auch als Leiterin einer Angehörigengruppe mit monatlichen Treffen.

Die drei Diakonie-Repräsentanten lasen zunächst Stimmen von betroffenen nahen Familienangehörigen vor, die für Beklemmung sorgten. „In dem Bereich, in dem wir uns befinden, sprechen wir noch nicht von Co-Abhängigkeit“, erklärte Elisabeth Staber. Es gehe eher um eine Verstrickung. „Der Angehörige leistet unglaublich viel, er will dem Abhängigkeitserkrankten helfen“, erläuterte sie. Wichtig sei liebevolle Fürsorge, die sehr heilsam sei. Doch irgendwann verschwimmen die Grenzen, man verstricke sich immer mehr in negativen Gefühlen. Diese führten zu Scham, Wut, Frustration, Hilflosigkeit, Verletzbarkeit und dem Hilfewunsch.

Ein wichtiger Punkt sei, dass der Angehörige und seine Arbeit übersehen werde – im Mittelpunkt stehe immer der Abhängigkeitserkrankte. „Er kann mit niemanden darüber sprechen und niemand spricht mit ihm, so drängt man ihn in ein Zwangsschweigen“, schilderte die Suchtexpertin. Dies führe oft dazu, dass Sucht ungewollt unterstützt wird. Lernt der Angehörige nicht aus seinen „Fehlern“ und verharrt in diesem Verhaltensmuster, könne Co-Abhängigkeit als Syndrom entstehen. Aus dem menschlichen Wunsch, dem Süchtigen helfen zu wollen, kann dann selber eine Sucht werden.

„Die Prinzessin küsst den Frosch und wird selber zu einem“, führte die neue AK-Leiterin aus. Tatsächlich vereinfache diese Allegorie die co-abhängige Dynamik sehr grob. „Die Froschwerdung vollzieht sich als schleichender Prozess nach und nach. Erst durch zwanghafte Wiederholung und Ausblenden der Realität wird aus der co-abhängigen Hilfe eine eigenständige Störung“, argumentierte sie. Es komme zu einem Eingenommensein durch den süchtigen Partner, übermäßigem Verlangen zu helfen und zum Bemühen um Kontrolle der Sucht des Partners.

Die Folgen seien unter anderem die Vernachlässigung von Freizeitinteressen und sozialen Bezügen bis hin zur Selbstaufgabe. Dagegen vorgehen könne man durch das Entwickeln von Ehrgeiz und Beziehungsfähigkeit, das Üben von „Nein sagen“, das Eingestehen der Hilfebedürftigkeit und eine Auseinandersetzung im Paarsetting. „Auch die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen ist wesentlich“, hob die Referentin abschließend hervor. Abgerundet wurde die Gesprächsrunde mit einem Erfahrungsaustausch zwischen den zwölf Teilnehmern.

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