Bruckmühl – Wie kurz vor dem Weihnachtsfest sieht es bei Ingeborg Kullmann im Moment ganz und gar nicht aus. Ihren Flur hat sie zum Rangierbahnhof für Kisten und Möbel umfunktioniert. In Küche und Keller sind die Handwerker zugange. Der Wohnzimmertisch steht voller Geschirr, das irgendwann poliert wieder zurück in den Schrank will. Und an Kochen oder Backen ist gerade gar nicht zu denken.
Vorweihnachtliches Chaos macht Freude
Der 73-Jährigen allerdings entlockt das vorweihnachtliche Chaos ein glückliches Strahlen, denn sie ist im Aufbruch. „Irgendwann saß ich an meinem Küchentisch und dachte: Der Ausblick auf den Wendelstein ist doch im anderen Zimmer viel schöner, der Weg in den Garten kürzer. Und dann habe ich Pläne gemacht.“ Was wie ein ganz normaler Renovierungsplan klingt, ist für Ingeborg etwas ganz Besonderes. Denn lange fehlte ihr der Elan, fühlte sie sich daheim nicht mehr wohl, weil ihr Mann Otto eine große Leere hinterlassen hatte. „Er war ein Mensch, der den Raum füllte“, beschreibt sie den Mann, an dessen Seite sie seit ihrem 17. Lebensjahr stand, mit dem sie drei Kindern das Leben schenkte und dessen Hand sie bis zum letzten Atemzug hielt. „Es war eine unglaubliche Bindung“, erinnert sie sich an 49 gemeinsame Jahre, die im Mai 2016 endeten.
Abschied nehmen erfordert viel Kraft
Wie sie das verkraftet hat, weiß sie bis heute nicht. „Die ersten zwei Jahre waren die schlimmsten“, erinnert sie sich. Sie versucht, all den Erinnerungen im gemütlichen Eigenheim in Bruckmühl zu entfliehen, reist viel herum, sogar bis nach Uruguay zu ihrem Sohn. Doch immer, wenn sie wieder nach Hause kommt, bricht die Einsamkeit über sie herein. Weil Otto nicht da ist, nicht einfach wieder zur Tür hereinkommt, weil er nicht anruft.
„Es war so schwer, Pläne zu machen. Ich hätte nicht gedacht, dass die Trauer mich so viel Kraft kosten würde“, beschreibt sie. Dann liest sie vom Trauercafé – einer Gesprächsrunde, die in Bruckmühl einmal im Monat für Trauernde stattfindet. Sie wagt sich ein erstes Mal hin, tauscht sich aus und spürt, dass sie nicht allein ist. „Ich habe es dringend gebraucht, das zu begreifen“, weiß sie heute. Seitdem geht es allmählich wieder aufwärts, hat sie neuen Lebensmut gewonnen, bekämpft ihre Herz-Rhythmus-Störungen mit viel Bewegung und startet jeden Morgen singend in den Tag.
„Ich musste einfach raus, unter die Leute und etwas tun.“ Sie meldet sich als ehrenamtliche Helferin bei der Marktgemeinde Bruckmühl, übernimmt den Fahrdienst für einen älteren Herren. Sie geht mit ihren Enkeln einmal im Jahr auf Reisen.
Aufgeräumt umräumen
Und sie räumt ihr Haus um. Macht es sich hier nun für sich allein gemütlich. Und hat ein gutes Gefühl dabei. Sie war als Familienmanagerin, Ehefrau und Geschäftspartnerin ihres Mannes immer nur von der Sorge um die anderen getrieben. Jetzt hält sie es auch aus, auf sich allein zurückgeworfen zu sein, und denkt das erste Mal in ihrem Leben vor allem an sich. „Ich habe das Gefühl, dass ich innerlich aufgeräumter bin und ganz allmählich wieder bei mir ankomme“, ist Ingeborg Kullmann dankbar.
Nur auf eines wird sie auch an diesem Weihnachtsfest verzichten: auf den Tannenbaum. „Mein Otto liebte es so, gemütlich auf dem Sofa zu liegen und mir beim Schmücken zuzuschauen. Das schaffe ich einfach nicht.“
Das Trauercafé „Weihnachten ohne Dich“ mit Trauerbegleiterinnen und Betroffenen findet heute um 17.30 Uhr im Pfarrheim Bruckmühl statt. Nach einem Essen klingt es mit einer Segensfeier aus.