Das besondere Geschenk

von Redaktion

Am Weihnachtstag vor 35 Jahren hat Familie Grotz ein ganz besonderes Geschenk erhalten: Katharina. Damals kämpfte sie sich ins Leben. Heute ist sie eine junge Frau, die alles hat, was sie zum Glücklichsein braucht: Gesundheit, Familie und Liebe.

Bruckmühl – Eigentlich hätte Katharina noch vier Wochen Zeit gehabt. Doch eine Laune der Natur wollte es anders. Sie sollte am 24. Dezember 1984 zur Welt kommen. Auf einem holprigen Weg. Mit Komplikationen bei der Geburt, die die Sauerstoffzufuhr für das Baby unterbrachen und auch der Mutter Probleme machten. Das größte Glück an diesem Weihnachtstag: Beide haben überlebt. Katharina mit körperlichen und geistigen Einschränkungen. Ihre Mutter Christiane mit dem besonderen Geschenk eines behinderten Kindes. Und Juliane, damals vier Jahre alt, mit einer kleinen Schwester, mit der sie die Sprache des Herzens lernte.

Wahre Liebe ist
bedingungslos

Wer die drei Frauen heute sieht, spürt die bedingungslose Liebe, die sie verbindet. Gewachsen in einer Familie, die annimmt, was das Leben ihr schenkt. Mit Juliane, dem gesunden Kind, das sich gut entwickelt, schon früh Verantwortung übernimmt, studiert und im Beruf erfolgreich ist. Mit Katharina, dem Sorgenkind, das lange braucht, ehe es laufen kann, eine Förderschule besucht, in der Werkstatt für behinderte Menschen arbeitet und nie auf eigenen Beinen stehen wird. Und mit Christiane, der Mutter, die früh ihren Mann Wolfgang verlor und plötzlich vor der Aufgabe stand, ihre beiden Mädchen ganz allein durchs Leben zu bringen. „Ich habe die Dinge, die das Leben für mich bereithielt, immer angenommen“, blickt Christiane Grotz zurück.

Damals bekommt sie eine Stelle als Lehrerin in der gleichen Schule, in der auch Katharina ist. Juliane studiert schon in Passau, später in Italien und ist trotzdem per Telefon jeden Tag daheim. „Ich habe eine sehr enge Bindung zu meiner Familie und wusste immer genau, was zu Hause los ist und wie es den beiden geht“, erinnert sie sich. Bis heute ist Juliane oft bei ihrer Mutter Christiane und ihrer Schwester Katharina zu Gast.

Gemeinsam Erlebtes
schweißt zusammen

Blicken die drei zurück auf das, was sie bisher gemeinsam erlebt haben, entfacht sich eine angeregte Unterhaltung. Katharina, die ihre Gedanken mit Gesten und Lauten zum Ausdruck bringt, erinnert an die Oma, die sie so liebte, die komische Lehrerin an der Förderschule und an der Handicap-Sportgruppe, mit der sie im Garten der Familie gerade erst Jahresabschluss gefeiert hat. Sie kann alles erzählen. Hat dafür ihre eigene Sprache. Und wer sie noch nicht versteht, lernt ihre Sprache – anfangs mit der Übersetzungshilfe von Mutter und Schwester – ganz schnell.

Familie Grotz hat viele Freunde. Für sie gehört Katharina von Anfang an genauso selbstverständlich dazu wie Juliane und Christiane auch. Nur Fremde blicken ab und an neugierig oder meinen, der Mutter sagen zu müssen, dass es großartig sei, wie sie diese „Belastung“ meistere. Doch auch für diese Menschen und die mit einer solchen Aussage verbundene Neugier hat Christiane Grotz Verständnis: „Sie sehen in einem Menschen mit Behinderung nur Negatives, aber woher sollen sie auch wissen, dass Menschen wie Katharina eine enorme Bereicherung sind, dass sie viel stärker sind, als man denkt.“ Christiane Grotz lebt mit ihrer 35-jährigen Tochter bis heute unter einem Dach.

Interessenvertreterin
behinderter Menschen

Und das ist vor allem die Entscheidung von Katharina. In einer Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung möchte sie nicht leben. Sie wolle ihre Mutter nicht allein lassen, bejaht sie mit einem vielsagenden Schmunzeln, denn schließlich ist Katharina gemeinsam mit ihr für die Interessen behinderter Menschen unterwegs. „Durch Katharina bin ich zu der schönen Aufgabe als Behindertenbeauftragte des Landkreises Rosenheim und der Marktgemeinde Bruckmühl gekommen“, sagt Christiane Grotz. Und wenn es ihre Zeit erlaubt, ist Katharina immer dabei, begleitet ihre Mutter auf Termine, Empfänge und Einladungen.

Ganz normal und
doch besonders

Selbst wenn ihre Schwester sie zum Chillen auf dem Sofa überreden will, zieht Katharina die Verpflichtungen als „Beauftragte für Menschen mit Behinderung“ vor. „Sie legt großen Wert darauf, weil sie es als ihre eigene Angelegenheit versteht“, erklärt Christiane Grotz.

Katharina ist eine ganz normale junge Frau. 35 Jahre alt. An Mode interessiert, „und wenn wir ausgehen, auch immer darauf bedacht, sich aufzubrezeln“, wie ihre Schwester erzählt. Und doch ist sie ein ganz besonderer Mensch, der aufgrund seiner Einschränkungen das Leben viel intensiver spürt und so andere lehren kann, worauf es wirklich ankommt. Auf Dankbarkeit und Demut beispielsweise: „Ein junger Mensch wie Katharina lehrt einen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass alles im Leben glatt läuft, und dass man sich über Kinder, die gesund sind und ohne Beeinträchtigungen leben dürfen, unbändig freuen muss“, sagt ihre Mutter. Auch Geduld hat sie ihrer Familie beigebracht, weil „im täglichen Leben nicht alles so schnell geht“. Und Akzeptanz, weil jeder Mensch besonders ist, ein Mensch mit geistigen oder körperlichen Beeinträchtigungen aber „immer ein ganz besonderer Mensch sein wird“.

Zum Glücklichsein
braucht es wenig

Katharina gibt ihrer Familie und den Freunden auch Kraft, sich für das einzusetzen, was ihnen wirklich wichtig ist. Und sie zeigt ihnen, dass man sich an jedem neuen Tag freuen kann. „Katharina ist unbändig fröhlich und wahnsinnig unternehmungslustig. Sie liebt es, mit uns zu wandern, auf Konzerte oder ins Theater zu gehen und Freunde zu treffen“, sagt ihre Schwester Juliane.

Menschen wie Katharina zeigen auch, wie wenig es zum Glücklichsein braucht. Denn auf die Frage, ob es ihr an etwas fehle, kommt sie ihrer Mutter und Schwester zuvor und antwortet selbst: „Nein!“ Katharina ist glücklich und überzeugt davon mit einem „Ja“ aus tiefster Seele.

Ein Tandem
zum 35. Geburtstag

Heute erlebt Katharina ihren 35. Geburtstag. Seit Tagen schon ist sie in heller Vorfreude und bereitet den traditionellen Weihnachtsbrunch mit ihrer Mutter vor. Immerhin werden mehr als zehn Freunde erwartet. Es gibt Lachspastete und Antipasti, selbst gemachte Brotaufstriche und Kuchen. Und es gibt – was Katharina natürlich noch nicht weiß – ein ganz besonderes Geschenk: ein Tandem. Und so kann sie ab heute gemeinsam mit ihrer Mutter Christiane und ihrer Schwester Juliane auf Radtour gehen und dabei sogar selbst in die Pedale treten. Wenn sie es nicht sogar in diesem Moment schon macht…

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