Bad Feilnbach/Bad Aibling – „Man macht Filme, um Menschen abzulenken, sie für etwas zu interessieren, zum Nachdenken zu bewegen und sie vielleicht sogar ein kleines bisschen besser zu machen“, sagt Claude Chabrol, französischer Filmregisseur, Drehbuchautor, Filmproduzent und Schauspieler. Wie vielschichtig die Faszination ist, fasst er gut zusammen. Eine, die für das Kino lebt, und es nicht nur im Mangfalltal vielfältig in Szene setzt, ist Andrea Hailer aus Berbling. Mit ihrer Agentur „soulkino“ organisiert sie beispielsweise die Feilnbacher Filmtage .
Kino bedeutet in der heutigen Zeit was?
Kino (und alles andere auch) wird immer schnelllebiger, Vorbereitungen brauchen Raum, Zeit und Geld. Zum Kinogeschäft gehört aber auch taktieren. Allein die Kunst des richtigen Starttermins ist eine Wissenschaft für sich. Es hängt ja immer ein Rattenschwanz dran: Medien, Plakatierer, Interviewtermine, Produktion, Tourneen etc. und: sehr viel harte, schnelle Arbeit. Durch die vielen Corona-Verschiebungen wird das Kinofilmgeschäft immer schwieriger. Zum Beispiel hängen die Weltstarts ja auch am europäischen Kinomarkt. Lohnt es nicht mehr, gehen die Kinofilme gleich auf die Streamingplattformen. Kino braucht immer auch ein bisschen Glamour. Kultur als solches ist ja kein Parkhaus, was man einfach so auf- und wieder zusperrt.
Wie hat sich das
Publikum verändert?
Das Publikum hat seine Vorlieben verändert. Ich persönlich stehe ja überhaupt nicht auf Langversionen. So ein Film mit 300 Minuten zum Beispiel. Aber was ich spannend finde: Filme werden kürzer. Das hat mit dem „Filmstau“ zu tun, aber auch mit der Geduld der Leute. Ich wünsche mir aber ab und zu wieder ein bisschen mehr Einlassen auf die Kultur. Der Gedanke und die Geschichte müssen schon noch die Hauptrolle spielen und nicht, wie es grad am besten in den Terminkalender passt.
Und in Corona-Zeiten?
Grundsätzlich ist natürlich auch die Arbeit in der Kultur härter geworden, ein (Überlebens)Kampf. Wir und unser Publikum haben aber gerade in den vergangenen zwei Jahren sehr viel gelernt. Obwohl wir so viel wie nie zuvor gearbeitet haben, weil wir unsere Kinder, Tiere, Behausungen, Mitarbeiter vorne angestellt haben. Hintergrund: Bei den Förderungen wurden viele Agenturen, Verleiher und einige mehr „vergessen“, obwohl die Kultur- und Kreativwirtschaft ein bedeutender Wirtschaftsfaktor im Freistaat ist. Wir erwirtschafteten 2019 – im Jahr vor der Corona-Pandemie – 20,7 Milliarden Euro, was 3,4 Prozent der bayerischen Wirtschaftsleistung entspricht. Wir haben gelernt, auf wen wir uns verlassen können. Das tat weh.
Dabei ist Kultur doch
was für die Seele…
Unser Publikum hat gelernt, dass Kultur die Seele nährt. Dass wir systemrelevant sind, nicht nur der Wirtschaftskraft wegen. Dass wir im Kulturbereich nicht nur ein paar Spinner sind, die sich verwirklichen dürfen. Ich glaube, dass die Verbindung aus Kopf und Herz bei uns Kulturschaffenden mehr verstanden wurde. Es gab sehr viele Solidaritätsbekundungen. Es wurden Gutscheine gekauft, Tickets, liebe Mails geschrieben, das war und ist sehr berührend, danke dafür!
Menschen für Filme
begeistern, das ist Ihre Passion. Warum?
Im Film habe ich persönlich alles, was mich als Mensch ausmacht. Musik, Bilder, Geschichten. Zutaten, die Herzen zu erreichen. Das Gefühl, das man durch jahrelange, harte Vorbereitungen für einen Film hat, wenn man das Werk zum ersten Mal mit Publikum auf der großen Leinwand sehen darf, ist unbeschreiblich. Im Kino ist man wie in einem Schutzraum. Das kann die Oma mit dem Enkel zusammen erleben. Der Bauarbeiter neben dem Arzt. Der Dicke neben der Dünnen. Hautfarben, Herkunft egal. Alle. Miteinander.
Wie stufen Sie das
Mangfalltal und den Landkreis Rosenheim
cineastisch ein?
Unser Landkreis ist bestens aufgestellt, das findet man in dieser Zusammensetzung selten: Multiplex, Arthouse, Miniplex wie Aibvision, großartige Open Airs wie den Stoa, Filmfestivals wie die Nonfiktionale und Feilnbacher Filmtage und so weiter. Es ist wirklich für jede und jeden was dabei. Wenn mir jemand sagt, es gäbe bei uns nichts „Gescheites“, dann akzeptiere ich das nicht. Bei den Franzosen gehört Film einfach zum Leben. Kultur ist immer eine Bereicherung.
Heißt das, dass in der Filmbranche auch das Heimatgefühl wieder ausgebrochen ist?
Seit einigen Jahren ist das ein bisschen ein Modethema. Aber Bayern ist auch cool. Bei uns darf die Blaskapelle ein internationales Musikfestival eröffnen. Wir stehen zu unseren Wurzeln. Unserem Dialekt. Wir richten auch mal Kinotourtermine nach Stallzeiten. Den Eberhofer spielen wir zum Beispiel bundesweit. Von den über eine Million Besuchern jedes Jahr werden über 98 Prozent der Tickets in Bayern gekauft. Viele fahren nach Bayern, um den bayerischen Bond zu sehen. Ich schicke immer meine Berliner Freundin ins Kino, um zu testen, ob wir zum Beispiel mit dem Dialekt in einem Film übertrieben haben. Sie möchte unsere Filme aber lieber in Bayern sehen. In Bayern haben wir auch eine einzigartige Filmförderung, Originale, vor und hinter der Kamera, die ihresgleichen suchen und eine Kinolandschaft mit Persönlichkeiten, die es so kein zweites Mal gibt.
Kino an ungewöhnlichen Orten. Dafür sind Sie Expertin. Auf der Alm und in Wirtshäusern… Sie bringen quasi die Filme zu den Menschen.
Es ist nicht nur das den Film zu den Menschen bringen, weil sie ja freiwillig kommen. Gleichzeitig stimmt das auch ein bisschen, mit dem „Film zu den Leuten bringen“. Es geht vor allem darum, dem jeweiligen Film einen Rahmen, eine Bühne zu geben. Die Locations und die Filme sind nie zufällig zusammengebracht. Im Idealfall nimmt man das mit in den Kinosaal und lässt sich ein, erlebt Film.
Gibt es eine Location, die Sie noch unbedingt „erobern“ wollen?
Das werdet ihr dann schon erfahren, ein bisschen Geheimniskrämerei muss sein.
Kinos kämpfen ums Überleben. Wieso ist
der Kniff, die Filme in Wirtshäuser wie
bei den Feilnbacher
Filmtagen zu bringen,
eine Hilfe?
Gerade in Feilnbach – nicht nur bei den Kreativ & Köstlich-Wirten – spürt man die Öffnung für das Thema Film eindeutig. Ich muss immer schmunzeln, wenn „meine“ Wirte plötzlich mehr über einen Film wissen, als ich selbst. Es kommen Leute nach Aibling ins Kino, die durch die Filmtage wieder Lust aufs Kino bekommen haben. Das Publikum in Bad Feilnbach möchte (inzwischen) mehr erfahren von Filmkomponisten, Schnitt oder Maske… Menschen, die man normalerweise nicht wahrnimmt. Das freut mich unglaublich.
Filme entführen in andere Welten. Brauchen die Menschen nicht gerade angesichts Corona
optimistische und
unterhaltsame Streifen?
Ein Kino ist nicht nur ein Gebäude. Das Haus lebt, bekommt seine Ausstrahlung von den Menschen, die es führen und die Türen aufmachen. Und unser Publikum braucht (s)eine Auszeit. Kurzurlaub für Geist und Seele. Ein Wohnzimmer fürs Herz sozusagen. Durchschnaufen. Probleme und Sorgen vergessen. Und das ist wichtiger denn je.
Eigentlich wären Sie selbst als Würdenträgerin für den Goldenen Filmapfel von Bad Feilnbach prädestiniert…
Puh, nein! (Danke!) Mir hat der bayerische Innovationspreis für die Feilnbacher Filmtage viel bedeutet. Auch weil ich Bad Feilnbach und die Menschen dort sehr in mein Herz geschlossen habe. Mich freut es wahnsinnig, wenn unsere Filme den Bayrischen oder/und Deutschen Filmpreis bekommen, oder andere Auszeichnungen. Wenn wir als Team gesehen werden. Der silberne Kinoelefant vom Josef Loibl ist eine Wertschätzung für das Team in Bad Reichenhall. Dass der Kinobetreiber „Fee“ zu mir sagt – bedeutet Berührung und Herzenswärme pur. Die größte Auszeichnung ist es, dass mein Sohn, mein wichtigster, strengster Kritiker und Lieblingsmensch immer wieder stolz ist. Er nimmt es inzwischen mit Humor, wenn ich mal wieder keine Zeit habe. Das alles – das ist Bestätigung und wahre Freude.
Interview. Silvia Mischi