Die Sorge um den Freund in Kiew bleibt

von Redaktion

Rudi Gebhart aus Bad Aibling und Kostiantyn Lisetzkyi aus Kiew verbindet ein Band, das Putin nicht zerstören kann. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine bleibt den beiden Spezln zwischen Bombenalarm und Stromausfall oft nur wenig Zeit. Doch der Kontakt bleibt – und mit ihm Hilflosigkeit, die sprachlos macht.

Bad Aibling – „Luftalarm, jeden Tag und jede Nacht“, davon berichtet Kostiantyn Lisetzkyi, wenn er mit Rudi Gebhart in Bad Aibling telefoniert. Was am Anfang des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Februar 2022 für die Einwohner der Hauptstadt Kiew aus heiterem Himmel kam, gehört heute zwangsläufig zum „Alltag“ der Menschen, die dort noch leben.

Damals, am 24. Februar 2022, schrieb Konstantin, wie ihn seine Freunde hier nennen, in den frühen Morgenstunden an seinen Freund in Bad Aibling: „Wir packen die Koffer, wir verlassen die Stadt.“ Deutlich waren die Bombeneinschläge bereits zu hören.

Flucht vor Bomben
am frühen Morgen

Mit Frau und Sohn fuhr er zu seinen Eltern, die etwa 150 Kilometer südlich von Kiew leben. „Die Angst, dass die Russen mit schwerem Gerät in Kiew einrücken, war groß“, weiß Gebhart aus den Gesprächen. Erst, als sich die Lage etwas entspannt habe und der Freund das Leben der Eltern in verhältnismäßig ruhigen Bahnen wusste, kehrte die Familie zurück.

Seither unterrichtet der Lehrer von zu Hause aus, während der 14-jährige Sohn seinerseits online am Unterricht teilnimmt. Was aber oft gar nicht möglich ist: „In Kiew fällt jeden Tag der Strom für viele Stunden aus“, sagt Gebhart. Weshalb sein Spezl das Handy oft gar nicht anmacht. „Wir haben feste Zeiten, zu denen wir telefonieren. Aber wenn ich eine Woche nichts von ihm höre, werde ich unruhig, weil ich ja nicht weiß, was los ist“, schildert er seine Sorgen um die Freunde im Kriegsgebiet.

Konstantin, der im ersten Stock wohnt, geht bei Luftalarm nämlich nicht in den Keller: „Er hat Angst, dort eingeschlossen oder verschüttet zu werden.“ Stattdessen habe er die Fenster seiner Wohnung gesichert. Von diesen aus hat er jüngst ein Video aufgenommen und Gebhart geschickt: „Da sieht man, wie eine Rakete einfach so vorbeisaust.“ Zu den seltenen Aufnahmen, die der Freund aus Kiew schickt, gehören auch zwei von einem Krater, den eine Bombe verursacht habe, die nur 50 Meter neben einem Kinderspielplatz eingeschlagen sei.

Die Arbeit geht
trotz allem weiter

Trotz alledem fährt Konstantins Frau Natalia mit dem Bus regelmäßig zur Arbeit in die Stadt. In dem Geschäft, das vor dem Krieg Telekommunikationsmittel vertrieben habe, gebe es nun vor allem viele Reparaturen an Geräten abzuwickeln. Was auch nicht immer einfach sei: Essen und Getränke für sich und die Mitbewohner zu organisieren. „Doch die beiden sind Organisationstalente, das haben sie schon immer bewiesen, wenn wir dort waren. Konstantin hat zum Beispiel nicht nur die Hilfsgüterverteilung gemanagt, sondern auch gedolmetscht“, sagt Gebhart.

Die Freundschaft der beiden entstand vor rund zehn Jahren über die Partnerschaft der Städte Bad Aibling und Cavaion in Italien. Dort am Gardasee gibt es den Verein „Cavaion nel mondo“, der ein Waisenhaus in Yablunovka und zwei Schulen in Priluki und Zytomyr unterstützt sowie Waisenkindern Aufenthalte in Italien ermöglicht. Seither tragen auch die Aiblinger Motorradfreunde mit den Spenden aus ihrem deutsch-italienischen Freundschaftsfest eine stattliche Summe zu den Hilfstransporten bei. Dreimal war Gebhart in der Ukraine, sein letzter Besuch war 2019. Dann kam die Pandemie. Doch im Juli 2021 gab es ein freudiges Wiedersehen in Italien, als die Freunde gemeinsam mit Fabrizio Banterla, dem Vorsitzenden von Cavaion nel Mondo, dessen 60. Geburtstag feierten. Kein Gedanke an das, was folgen sollte, trübte das Beisammensein. Und als Konstantin seinem Aiblinger Freund am 1. Januar 2022 wie immer als Erster gute Wünsche für das neue Jahr schickte, ahnte auch keiner der beiden, welch schrecklichen Verlauf die bevorstehende Zeit für einen von ihnen nehmen sollte.

Kleine Freuden prägen Gespräche

Und doch gibt es auch immer wieder Positives in den Gesprächen der beiden. So haben in der vergangenen Woche die beiden Solar-Ladegeräte Konstantin erreicht, spendiert von Gebhart und Walter Kunze, transportiert von Vitali, einem weiteren Freund. „Vitali, des is a Wuida. Er fährt im Zwei-Wochen-Rhythmus von Cavaion nach Kiew und packt in seinen alten Kleinbus alles, was reinpasst. Für uns ist er eine absolute Vertrauensperson“, sagt Gebhart. Wann es das nächste Wiedersehen zwischen den beiden Freunden geben kann, steht derzeit in den Sternen. „Die Versuchung ist zwar da, aber im Moment wäre das Harakiri, dort einfach hinzufahren. Aber sobald es einigermaßen sicher ist, werde ich nach Kiew fahren. Ich muss das mit eigenen Augen sehen. Nicht nur die Bilder, die wir im Fernsehen jeden Tag zu sehen bekommen, sondern die Realität“, sagt Gebhart, dem die Situation, wie er sagt, sehr nahe geht. „Das alles stimmt mich sehr traurig – auch, weil man nicht helfen kann.“ So bleiben den beiden im Moment nur die Kontakte via Smartphone. Das Wichtigste sei dabei, zu hören, dass Konstantin und seine Familie gesund sind. 

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