Tuntenhausen – Dass das Thema sexualisierte Gewalt oft mit Scham behaftet ist, hat nicht nur Bürgermeister Georg Weigl in zahlreichen Gesprächsrunden seit Bekanntwerden des Verdachts gegen den ehemaligen Jugendtrainer des SVO und Mitarbeiter der Fritz-Schäffer-Schule festgestellt. Auch Kreisjugendamt sowie Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle der Caritas wissen das aus täglicher Erfahrung. Sie hatten mit Gemeinde, Fritz-Schäffer-Schule und SVO zum Infoabend „Gemeinsam gegen sexuelle Gewalt“ geladen.
Erschütternde
Zahlen präsentiert
Umso mehr plädierten die Redner für einen offenen Umgang: „Wir dürfen nicht wegschauen!“, forderte Weigl. Das Thema müsse aufgearbeitet, der Fokus aber auch auf die Frage nach bestmöglichem Schutz vor Missbrauch und Prävention gelegt werden. Denn die Zahlen, die Manfred Jahn, Leiter der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle, mitgebracht hatte, erschütterten. „Missbrauch beginnt überwiegend vor dem sechsten Lebensjahr und endet oft erst in der Pubertät. Circa 30 Prozent der Frauen und zehn Prozent der Männer haben vor ihrem 18. Geburtstag Erfahrungen damit gemacht. Die Dunkelziffer liegt bei einer Million Kinder in Deutschland.“ Besonders schockierend: 98 Prozent der Täter kommen aus dem innerfamiliären Bereich oder dem familiären Umfeld. 87 Prozent der Täter seien männlich (48 Prozent davon Väter) und 13 Prozent Frauen. Häufig hätten sie früher selbst Erfahrungen mit Gewalt gemacht.
Jahn und zwei weitere Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle klärten über die meist sehr perfiden Täterstrategien („Die Taten geschehen in der Regel nicht im Affekt“), die Auswirkungen von sexueller Gewalt, welche Anzeichen es dafür geben kann und Hilfsangebote auf. Was die Eltern am meisten umtrieb, war die Frage: „Wie spreche ich mit meinem Kind darüber?“
Hier plädierten die Experten, darunter auch die Leiterin des Kreisjugendamtes, Sabine Stelzmann, und dessen pädagogische Leiterin Andrea Serwuschok, vor allem für ein vertrauensvolles Verhältnis: „Geben Sie Ihrem Kind das Gefühl, dass es mit seinem Anliegen immer zu Ihnen kommen kann. Dass Sie ihm zuhören. Reden Sie offen über das Thema Sexualität.“
Eine Mutter zeigte sich verunsichert ob der genannten Verhaltensbeispiele von jungen Opfern: „Jedes Kind ist anders. Ich habe Angst, dass ich Zeichen übersehe.“ Genau hinzusehen sei wichtig, so Jahn. Oft gebe es aber auch nachvollziehbare Gründe für aggressives Verhalten oder auffällige Verschlossenheit. Er warnte davor, nur noch mit Unterstellungen und Angst „durch die Gegend zu laufen.“
„Welche Art von Aufklärung ist je nach Altersstufe angebracht? Ich will mein Kind ja nicht verunsichern durch etwas, was es noch nicht versteht“, fragte eine andere Mutter. „Sexualität geht schon ab der Geburt los, Intimität, Berührung der Haut, kindliche Entdeckungsreisen am Körper müssen gar nichts Negatives sein“, so Jahn.
Deshalb gehe es auch darum, frühzeitig altersgerechte Worte zu finden. „Nicht einem Sechsjährigen sagen: ,Hey, Du wirst mit zwölf mal einen Samenerguss haben‘.“ Sondern bei kindlichen „Doktorspielen“ beispielsweise erklären, was okay ist und was nicht – etwa wenn das in einer dunklen Ecke oder unter Zwang geschieht.
Manchmal reicht
auch schon zuhören
„Machen Sie klar: Es ist nicht okay, wenn Dir jemand zwischen die Beine greift.“ In der Pubertät sei es oft wesentlich schwieriger, die richtigen Worte zu finden. Da könne es reichen, einfach zuzuhören und genau hinzuhören.
Einen Vater beschäftigte die Frage: „Wie soll man seinem Kind sexuelle Gewalt erklären, wenn man nicht weiß, was genau hier passiert ist?“ Er bemängelte, von den Vorfällen in der Gemeinde erst über andere Eltern erfahren zu haben und hätte sich mehr und schnellere Informationen seitens der Schule gewünscht. Weigl zeigte Verständnis, erklärte aber auch, Schule und Gemeinde seien die Hände gebunden gewesen. Man habe erst auf die Freigabe der Informationen seitens der Kriminalpolizei warten müssen. Stelzmann gab zu bedenken: „Wenn überall erzählt wird, was genau passiert ist, werden die Grenzen der Opfer ein zweites Mal verletzt.“
„Es gibt nicht nur
den einen Weg“
Jahn, der eingangs erklärt hatte, dass der konkrete Ostermünchner Fall an diesem Abend nicht Thema sein werde, antwortete: „Sie können immer über Sexualität mit Ihren Kindern reden, und darüber, wo die Grenzen sind.“ Es gebe nicht „den einen Weg“, jedoch eine klare Definition, wo Missbrauch beginnt: Dort, wo ein Erwachsener seine Macht- und Autoritätsposition ausnutze, um eigene Bedürfnisse auf Kosten Minderjähriger zu befriedigen.
„Aber was sage ich meinen Kind, das ja mitbekommen hat, dass hier etwas passiert ist, aber nicht weiß, was das war?“, war eine weitere Frage.
„Sagen Sie, dass hier die Unversehrtheit der Grenzen, die jedem Kind zusteht, bei den Betroffenen nicht eingehalten wurden. Oder dass ein Erwachsener auf Kosten des Kindes etwas getan hat, was nicht in Ordnung ist. Bleiben Sie bei der Definition, was sexueller Missbrauch ist. Oder rufen Sie uns an, wenn Sie unsicher sind, dann schauen wir uns das individuell an.“
Mutter berichtet
von Erlebtem
Doch die Beratungsstellen sind vielen Eltern gar nicht bekannt, wie dieses Beispiel einer Mutter zeigt: „Da bekommst du einen Anruf von der Kripo, man soll seinen Buben fragen, ob da was war. Da wäre es gut gewesen, wenn gesagt worden wäre, hol dir Hilfe bei der Caritas. So bombardierst du erst mal dein Kind mit Fragen. Als Mama bist du bei so einem Anruf down. Ich hatte bis dahin noch gar nichts mitgekriegt. Stunden nach dem Anruf war ein Treffen beim Schützenverein, wo der Beschuldigte mal tätig war. Da habe ich gesagt, du bleibst daheim. Mein Bua hat dann gesagt: ,Mama, der ist doch scho lang nimmer da‘.“