Tuntenhausen elektrisiert sich grün

von Redaktion

Erst die Bürokratie, dann die Ernte – Wie der Weg für neue Solarparks geebnet wird

Tuntenhausen – Die Gemeinde Tuntenhausen will ihren Strombedarf zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien decken. Neben Wasserkraft und Biomasse setzt sie dabei auch auf Sonne und Wind. Jetzt werden die Weichen für drei große PV-Anlagen gestellt. Ein langer Weg.

Etwa 34000 Megawatt Strom verbrauchen Privathaushalt, öffentliche Einrichtungen und Unternehmen auf dem Gebiet der Gemeinde Tuntenhausen pro Jahr. „Mehr als 50 Prozent davon werden bereits aus erneuerbaren Energien erzeugt, vor allem aus Wasserkraft, Biomasse und Dach-PV-Anlagen“, informiert Bürgermeister Georg Weigl. 100 Prozent sollen es werden, und dabei will die Gemeinde nicht nur die eigenen Anstrengungen forcieren und weitere kommunale Gebäude mit PV-Anlagen bestücken. Sie unterstützt auch private Initiativen. So werden aktuell mit neuen Bebauungsplänen und der frühzeitigen Beteiligung der Öffentlichkeit die Weichen für PV-Anlagen in Bach und Bichl gestellt. Auch in Mailling ist eine Anlage geplant.

Module sind
beidseitig aktiv

In Bach soll ein Agri-Solarpark entstehen. „Das Interessante daran ist, dass die senkrecht stehenden, etwa vier Meter hohen Module in Ost-West-Richtung ausgerichtet werden und beidseitig aktiv sind“, beschreibt Weigl. „Somit liefert die Anlage vor allem in den Morgen- und Abendstunden Strom, also zu einer Zeit, in der an den Strombörsen die höchsten Marktpreise erzielt werden.“

Hinzu kommt, dass auf der etwa 21,2 Hektar großen Fläche auch künftig Landwirtschaft betrieben werden kann. Die Modulreihen haben einen großen und variabel gestaltbaren Abstand von etwa zehn Metern im Grünland und etwa zwölf Metern im Ackerland.

In Bichl bei Beyharting soll auf einer Fläche von etwa acht Hektar eine konventionelle Photovoltaik-Freiflächenanlage mit einer Leistung von etwa acht Megawatt (MW) pro Jahr gebaut werden. Bislang wird das Gebiet als Grünland genutzt.

Auch wenn der neue Flächennutzungsplan (FNP), die strategische Ausrichtung der Gemeinde für die nächsten 20 Jahre, seit Monaten in der ausführlichen Diskussion ist, wurde für diese beiden Projekte noch einmal eine Änderung des bestehenden FNP in die Wege geleitet. „Dieses Signal war uns wichtig, denn wir wollen die Projekte voranbringen und damit einen Beitrag zum Klimaschutz leisten“, betont Bürgermeister Georg Weigl.

Um sich unverbindlich und tagesaktuell über verfügbare Netzverknüpfungen zu informieren, gibt es ein Online-Angebot der Bayernwerk Netz GmbH – die „Schnelle Netzanschlussprüfung“ (SNAP). „Demnach befindet sich der aktuell ausgewiesene nächste Netzverknüpfungspunkt für den Agri-Solarpark in Bach in einer Entfernung von acht, der für den Solarpark Bichl von sechs Kilometern“, erklärt der Bürgermeister. Deshalb werde der Ausbau der Solarparks schrittweise erfolgen und mit einer geringeren Leistung pro Jahr beginnen, um den Strom erst einmal vor Ort verbrauchen zu können. Mit dem Ausbau des Leitungsnetzes könnten dann auch die Solarparks wachsen.

Doch wie funktioniert der Ausbau des Verteilnetzes? Die Bayernwerk Netz investiert allein in diesem Jahr in den 55 Gemeinden der Landkreise Rosenheim, Miesbach und Traunstein mehr als 37 Millionen Euro in die Leistungskraft des regionalen Verteilnetzes, zusätzliche Netzkapazitäten für die Einspeisung erneuerbarer Energien sowie die sichere Versorgung von Haushalten und Unternehmen. „Der Anschlussboom ist seit 2022 so stark angestiegen, dass wir landesweit das Netz verdoppeln müssten, um den bis zu 10000 Anfragen pro Monat im gesamten Netzgebiet zu entsprechen“, beschreibt Silke Mall, Leiterin des Kommunalmanagements Oberbayern der Bayernwerk Netz, die explosionsartige Entwicklung.

„Grundsätzlich erhält jeder Antragsteller von uns einen Netzverknüpfungspunkt, der reserviert wird, um in angemessener Zeit die Anlage zu realisieren. Voraussetzung ist eine verbindliche Prüfung der Netzverträglichkeit“, informiert Gazmend Kryeziu, Leiter des Kundencenters Kolbermoor.

Dann werde für jede einzelne Anfrage der technisch-wirtschaftlich optimale Verknüpfungspunkt berechnet und die entsprechende Netzkapazität reserviert. „Mit geringer werdenden freien Kapazitäten kommt es in manchen Netzgebieten jedoch zu längeren Strecken bis zum nächsten Netzanschlusspunkt, was Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit eines Projekts haben kann“, so Kryeziu.

Da bei der Bayernwerk Netz etwa 90 Prozent der zugesagten Reservierungen für größere PV-Anlagen letztlich nicht realisiert wurden, waren wertvolle Netzkapazitäten für andere Projekte blockiert. Das Netz war sozusagen virtuell verstopft. Deshalb wurde das Antragsverfahren umgestellt: „Voraussetzung für die Berechnung eines verbindlichen Netzverknüpfungspunkts für eine neue Anlage mit einer Leistung größer 300 Kilowatt ist jetzt die Vorlage von konkreten Projektunterlagen oder einem Aufstellungsbeschluss“, erklärt Silke Mall.

Im Falle der PV-Anlagen in Bach und Bichl bedeutet das: Mit dem Nachweis der Realisierungswahrscheinlichkeit etwa durch die Änderung des Flächennutzungsplans, der Rechtswirksamkeit der Bebauungspläne und den konkreten Bauanträgen können die Investoren für die vorgesehene Anlagenleistung eine Netzverträglichkeitsprüfung beantragen. Das Ergebnis der Prüfung ist die verbindliche Zusage und Reservierung des nächstgelegenen Anschlusspunkts im Bayernwerk-Netz.

Aktuell sind die beiden Solarparks noch mitten im Verfahren: „Im ersten Schritt wurde mit der Aufstellung und Auslegung der Bauleitplanung und der Änderung des Flächennutzungsplans die Öffentlichkeit frühzeitig beteiligt“, erläutert Sophia Wagner von der Abteilung Baurecht der Gemeindeverwaltung. Nach einer zweiten Auslegung der Pläne rechnet sie damit, dass Mitte nächsten Jahres Baurecht geschaffen sei und der Bau der PV-Anlagen beginnen könnte. In die Diskussion um den Flächennutzungsplan (FNP) der Gemeinde fließt auch ein einstimmiger Gemeinderatsbeschluss vom 14. September mit ein. Eine fünf Hektar große Fläche in Mailling wird als Sondergebiet für Solar in den FNP aufgenommen. Auch hier ist der Bau einer PV-Freiflächenanlage geplant.

„Ein sehr sinnvolles Projekt, denn hier wird der Strom vor Ort erzeugt und verbraucht“, betont der Bürgermeister. Die PV-Anlage soll als aufgeständertes System – ähnlich einem Satteldach – mit Ost-West-Ausrichtung gebaut werden und 7,5 MW Sonnenstrom pro Jahr erzeugen. Das benachbarte Unternehmen – die Frischpack GmbH – soll damit versorgt werden. Das Bauleitverfahren für dieses Projekt beginnt, wenn der neuen FNP erstmals ausgelegt wurde.

Wasser, Biomasse,
Sonne und Wind

Mit den drei PV-Anlagen kommen weitere 22 MW erneuerbare Energie zur grünen Bilanz der Gemeinde hinzu. „Wir haben sehr viele kleine Wasserkraftanlagen, Biomasse und PV-Anlagen“, erklärt der Bürgermeister. Mit dem FNP sollen nun auch Vorranggebiete für andere erneuerbare Energien festgeschrieben werden. „Und dabei müssen wir uns auch mit den Themen Geothermie und Wind beschäftigen“, betont der Bürgermeister.

Aufgrund seiner Lage im Binnenland und seinem starken Relief ist Bayern zwar ein eher windschwaches Gebiet. Doch auch hier gibt es laut dem Bayerischen Energie-Atlas Regionen mit hohen Windgeschwindigkeiten, die für Windenergieanlagen geeignet sind. Im Windatlas ist die Gemeinde Tuntenhausen hellgrün bis gelb eingefärbt.

Und das bedeutet: Sie verfügt über „für die Windenergienutzung vermutlich geeignete Flächen mit geringer, aber voraussichtlich ausreichender Windhöffigkeit“.

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