Feldkirchen-Westerham – Landwirte haben Angst um ihren Tierbestand, eine Feldkirchen-Westerhamerin, die in der Nähe eines Waldgebiets wohnt, spricht von einem „mulmigen Gefühl“: Dass nachweislich zumindest ein Wolf in der Nähe der Mangfalltal-Gemeinde unterwegs war, vielleicht auch noch ist, sorgt in der Kommune mancherorts zumindest für Unruhe. Der Mangfall-Bote hat unter anderem bei einem Wolf-Experten nachgehakt, ob die Sorgen begründet sind oder ob Gelassenheit im Umgang mit dem Wolf das Gebot der Stunde sein sollte.
Manche haben es gar nicht mitbekommen
Wie unterschiedlich die Meinungen zum Thema Wolf sind, zeigt alleine schon die Nachfrage bei Hundebesitzern in der Gemeinde: So ist Annika Weinfurtner an diesem Spätnachmittag, nur wenige Tage, nachdem das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) den Wolf im Mangfalltal bestätigt hat, völlig entspannt mit ihrem Hund im Ortsteil Aschbach unterwegs. „Ich habe das mit dem Wolf ehrlich gesagt noch gar nicht mitbekommen“, gesteht die Hundebesitzerin auf Anfrage des Mangfall-Boten. „Für mich ist das jetzt aber auch keine Info, die mir Angst macht.“
Füchse trauen
sich mitten ins Dorf
Sie selbst werde jedenfalls bei ihrer Routine mit dem Hund nichts ändern. Zumal sie fest davon überzeugt ist, dass sich die Pfade von Mensch und Wolf gar nicht kreuzen werden, wenn es sich nicht etwa um ein Tier handelt, das mit Tollwut infiziert sei und daher untypische Reaktionen zeige. „Ich bin ja mit meinem Hund oftmals in Richtung Blindham unterwegs“, erzählt die Feldkirchen-Westerhamerin. „Da sind oftmals so viele Menschen unterwegs, da würde sich der Wolf gar nicht aus dem Wald trauen.“ Eine Einschätzung, für die Annette Thielmann aus Großhöhenrain nicht die Hand ins Feuer legen würde. „Die Füchse aus dem Wald trauen sich bei uns mitten ins Dorf“, sagt die Feldkirchen-Westerhamerin, die sich ehrenamtlich als Jugendbeauftragte in der Kommune engagiert. „Warum sollte das beim Wolf nicht auch passieren?“ Zumal sie selbst neben ihrem Hund noch Hasen hat, die für ein derartiges Raubtier im wahrsten Sinne des Wortes ein gefundenes Fressen wären. Direkt Angst vor dem Wolf habe sie zwar nicht, dennoch mache sie sich, beispielsweise wenn sie abends mit dem Auto rund um Großhöhenrain unterwegs sei, schon Gedanken über das Raubtier, das theoretisch noch in den Wäldern herumstreifen könnte. „Hin und wieder sieht man ja auch ein Wildschwein, das ja sonst auch relativ scheu ist“, so Thielmann, die mit ihrem Appenzeller Sennenhund Moses derzeit vorsichtshalber in eher besiedeltem Gebiet Gassi geht.
„Das Risiko, als Mensch von einem Wolf angefallen zu werden, ist extrem gering“, rät Frank Faß hingegen dazu, nicht in Panik zu verfallen. Er sagt aber auch: „Es ist wie mit einem Lottogewinn. Hier ist die Wahrscheinlichkeit auch minimal, aber dennoch da.“ Faß betreibt gemeinsam mit seiner Frau im niedersächsischen Dörverden das sogenannte Wolfcenter, in dem sich Besucher nicht nur in einer Ausstellung über das Raubtier informieren, sondern auch mit zahlreichen Wölfen auf Tuchfühlung gehen können. Faß verweist in Hinblick auf seine Aussagen auf Statistiken, die belegen, wie gering die Gefahr einer Wolfsattacke auf den Menschen letztlich ist. So ist es laut einer Studie des Norwegischen Instituts für Naturforschung, kurz „Nina“, in ganz Europa im Zeitraum zwischen 2000 und 2020 insgesamt zu 75 Attacken von Wölfen auf Menschen gekommen, wobei keine der Attacken tödlich endete. 69 der insgesamt 75 Vorfälle seien zudem von Wölfen begangen worden, die an Tollwut erkrankt waren. Faß: „Doch an Tollwut erkrankte Wölfe haben wir nach derzeitigem Kenntnisstand in Deutschland überhaupt nicht.“ Die Gefahr für den Menschen, die durch das Raubtier ausgeht, ist nach Einschätzung des Wolfsexperten also extrem gering. Ganz im Gegensatz zur Gefahr für die landwirtschaftliche Nutztierhaltung, wo laut Faß vor allem Schafe, aber auch Kuhkälber und sogar ausgewachsene Rinder als Beute infrage kämen. „Ich kann daher nur jedem Landwirt oder Nutztierhalter raten, seinen Tierbestand so weit es möglich ist vor dem Wolf zu schützen“, sagt der Experte. Zumal es sich wohl erst mit der Zeit herausstellen werde, ob das Tier, das bei Aying zugeschlagen hat, nur auf Durchreise war oder sich im Mangfalltal ein eigenes Territorium gesucht hat.
Nicht in
Panik verfallen
Das Auftauchen eines Wolfs im Mangfalltal sei für ihn persönlich zwar überraschend, aber „nicht gänzlich unerwartet gewesen“, wie Feldkirchen-Westerhams Bürgermeister Johannes Zistl (Ortsliste Vagen) auf Anfrage des Mangfall-Boten betont. Dennoch sei es aus seiner Sicht „zum jetzigen Zeitpunkt bestimmt nicht sinnvoll, in Panik zu verfallen.“ Er tausche sich zwar ständig mit den Bürgermeistern der Nachbarkommunen aus, eine „detaillierte Herangehensweise zu diesem Thema“ sei aber noch nicht besprochen worden.
Leitfaden für
Begegnungen
Auch seitens der Gemeinde sei es derzeit kein „vorrangiges Ziel“, auf die Landwirte, die Angst um ihren Tierbestand haben, zuzugehen. „Möglicherweise könnten wir bei einzelnen Anfragen zu Schutzmaßnahmen und möglichen Ausgleichsleistungen im Schadensfall beratend tätig sein“, so Zistl, der eine derartige Hilfestellung letztlich „anlassbezogen“ prüfen will. Waldbesuchern rät der Rathauschef hingegen, „vorsichtig zu sein und sich zu informieren, was man bei einer Begegnung mit einem Wolf am besten tun soll.“ Dazu sei auf der Gemeinde-Homepage auch ein kurzer Leitfaden veröffentlicht worden.