Likör gehört zum Alpha und Omega

von Redaktion

Ein Ritual: Rosa Rottmüller und Bärbel Merk verzieren Osterkerze für die Georgskirche

Bad Aibling – Es ist eine gemeinsame Leidenschaft, die Bärbel Merk (56) und ihre Tante Rosa Rottmüller (71) aus Bad Aibling verbindet. Seit vielen Jahren gestalten sie die große Osterkerze kunstvoll, die in der Osternacht in der Kirche St. Georg geweiht wird. Ein Likör darf bei dieser ehrenamtlichen Tätigkeit nicht fehlen.

Seit 2007 sind die beiden Frauen gemeinsam am Werk, Rosa Rottmüller hat jedoch bereits vor über 25 Jahren mit dem Verzieren der Kerzen begonnen. Angelernt wurde sie einst von der Haushälterin von Pfarrer Max Steinmaier, der 1978 die damals noch eigenständige Pfarrei Sankt Georg übernahm, die heute zum Verbund der Stadtkirche Bad Aibling gehört.

„Es ist wie
eine Sucht“

„Es ist wie eine Sucht“, sagt Rottmüller, deren Erfahrungsschatz für diese Tätigkeit im Verlauf der Jahre immer größer wurde. Einst hat sie sogar einen Kurs für das Verzieren von Kerzen besucht, den das Ordinariat in Freising angeboten hatte. „Da habe ich viel gelernt, was mir noch heute bei dieser Tätigkeit nützt“, sagt Rottmüller rückblickend.

An ihrem Wissen ließ sie von Anfang an ihre Nichte teilhaben, als Bärbel Merk die Aufgabe später gemeinsam mit ihr in Angriff nahm. Die Arbeit beginnt lange vor jenem Abend, an dem die beiden Frauen mit der Fertigstellung der Kerze beginnen. Ihren Anfang nimmt sie stets mit der Ideensammlung und der Erstellung eines Entwurfs.

Das Fertigen einer Schablone, das Achten auf Proportionen, das Fixieren der großen Wachsplatten mit Klebewachs und filigrane Kleinarbeit beim Verzieren des Rohlings sind wichtige Arbeitsschritte, die bei der Erstellung des kleinen Kunstwerkes nicht fehlen dürfen.

Was die Auswahl der Botschaft betrifft, die die Kerze vermitteln soll, wechseln sich die Frauen jährlich ab. „Die jeweils andere geht diesen Weg dann mit“, berichtet Bärbel Merk. Dankbar ist sie dafür, dass auch Pfarrer Steinmaiers bisherige Nachfolger – Hans Speckbacher, Georg Neumaier und der jetzige Stadtpfarrer Philipp Kielbassa – die künstlerische Freiheit akzeptieren und sich in die Gestaltung der Kerze nicht einmischen.

Die Vielfalt der Motive, die Rottmüller und Merk in den vergangenen Jahren entwickelt haben, ist beachtlich. Vom Lebensbaum über die Lotusblume bis hin zu einem Boot, auf dem Jesus mit seinen Jüngern bei Sturm über einen See fährt, reicht die Palette. Der Mast des Schiffes weist die Form des Kreuzes auf und soll symbolisieren, dass das Kreuz Schutz bietet.

Bärbel Merk nennt die gemeinsame Arbeit an der Osterkerze „etwas Meditatives.“ Wenn es an die Vollendung des Werkes geht, legen die beiden Frauen grundsätzlich eine Nachtschicht ein. „Da haben wir die nötige Ruhe“, begründet Merk diesen Umstand. Die Kerze, die bisher am meisten Zeit beansprucht hat, war um 2.30 Uhr fertig.

Anspannung ein
treuer Begleiter

Die Osterkerze gestalten zu dürfen, ist aus ihrer Sicht schon etwas Besonderes. „Das macht man einmal im Jahr, und dann sieht das die ganze Gemeinde. Deswegen gehört zu dieser Tätigkeit unbedingt auch Ehrfurcht“, so Merk.

Dass auch Anspannung alle Jahre ein treuer Begleiter ist, verhehlt Rosa Rottmüller nicht. „Wir sind jedesmal wieder richtig aufgeregt und dann mächtig stolz, wenn die Kerze gelungen ist“, berichtet sie. Ihre Nichte kann ihr da nur beipflichten. „Wenn wir auch keine perfekten Künstler sind, eine normale Bastelarbeit ist das nicht“, weiß Merk. Ein Kreuz, die jeweilige Jahreszahl und das Alpha und Omega aus dem griechischen Alphabet, die sinnbildlich für den Anfang und das Ende stehen, sind neben den Kreuznägeln jene drei Elemente, die die Osterkerze enthalten muss. Darüber hinaus ist dem Variantenreichtum keine Grenze gesetzt. Die Nägel werden allerdings erst am Osterfeuer angebracht.

Mit Bezug zur Arbeit der Bauern war im Vorjahr das Bibelmotiv vom Weizenkorn, das in die Erde fallen und sterben muss, um reiche Frucht bringen zu können, das prägende Element der Osterkerze. Als der Ukraine-Krieg begann, stand die Friedensbotschaft im Mittelpunkt. „Wir haben manchmal durchaus eine Vielfalt kräftiger Farbtöne verwendet“, sagt Bärbel Merk. Die diesjährige Osterkerze hat eine Höhe von 80 und eine Breite von zehn Zentimetern. Sie ist „fast barock“, meint Merk. Was die Farbtöne betrifft, haben sich die beiden Frauen auf Rot, Gold und Dunkelgrün beschränkt. Ein Rebenstock, Weintrauben und Ähren räkeln sich um das Kreuz.

„Hintergrund ist der Gedanke, dass uns Jesus in der katholischen Glaubenslehre in Brot und Wein begegnet. Die Kerze soll als Ableitung davon zum Ausdruck bringen, dass er uns stärkt und aus dem Kreuz Nahrung wächst“, gibt Merk Einblick in die Botschaft, die das Wachsgebilde in diesem Jahr vermitteln soll.

Auch heuer konnten sie und Rottmüller wieder auf die Mithilfe von Mathilde Bayerlein zurückgreifen. Sie bindet seit 37 Jahren die lange Buchsgirlande, die die Osterkerze und den Kerzenständer umhüllt.

Die 71-Jährige räumt freimütig ein, dass sie bei ihrer Arbeit auch sehr nachdenklich wird. „Wenn du Dutzende Male das Omega als Zeichen für das Ende an einer Kerze angebracht hast, dann fragst du dich zwangsläufig, wie dein eigenes Ende mal aussehen wird.“

Rottmüller ist nicht nur bei der Fertigung der Osterkerze mit von der Partie, sie verziert alle Jahre zum höchsten Fest der Christenheit zusätzlich noch kleinere Osterkerzen für die Kapellen im Krankenhaus und einigen Altenheimen. Darüber hinaus stellt sie noch Osterkerzen in verschiedenen Größen her, die an einem Fastensonntag nach dem Gottesdienst in der Georgskirche an die Gläubigen verkauft werden.

Reinerlös für
einen guten Zweck

Der Reinerlös der Aktion wird stets für einen guten Zweck gespendet. Heuer profitiert der Verein „Silberstreifen“ mit Sitz in Vogtareuth davon. Er unterstützt Kinder mit schweren neurologischen Erkrankungen, die in der dortigen Klinik behandelt werden.

So viel symbolträchtiges Gedankengut Bärbel Merk und Rosa Rottmüller bei ihrer Arbeit auch begleiten mag, wenn das kleine Kunstwerk aus Wachs fertig ist, bleibt alle Jahre Raum für Fröhlichkeit. „Da sind wir dann richtig erleichtert und genehmigen uns einen Likör, den wir genießen“, gesteht Bärbel Merk. Heuer war es übrigens 0.30 Uhr, als sich die beiden Aiblingerinnen zuprosteten.

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